Im Internet herrscht selten Zurückhaltung. Man erklärt Trends, empfiehlt Anschaffungen und verspricht mit bemerkenswerter Zuversicht, dass ein besseres Leben nur eine Bestellung entfernt sei. Kaum hat man erfahren, wie der perfekte Morgen auszusehen hat, benötigt man dafür offenbar eine neue Teekanne, Leinenservietten, eine Duftkerze und irgendein Tablett, dessen eigentliche Aufgabe darin besteht, ausgesprochen teuer auszusehen. Selbst die Einfachheit benötigt inzwischen erstaunlich viel Zubehör. Dabei beginnt ein gutes Leben nur selten mit dem, was noch gekauft werden muss. Sehr viel häufiger beginnt es mit der Frage, was man aus dem macht, was längst vorhanden ist.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Lavin Classy verfolgt einen anderen Gedanken. Dieser Ort beschäftigt sich nicht mit Luxus, sondern mit Lebensführung. Mit der Frage, wie ein Mensch seinem Alltag Würde, Form und ein gewisses Mass an Schönheit verleihen kann – unabhängig davon, wo er lebt, woher er kommt oder wie gross sein Budget ist. Das klingt zunächst weniger aufregend als eine Villa am Comer See. Damit werden wir leben müssen. Denn Kultiviertheit beginnt nicht mit einer Kulisse. Ein grosses Haus, gutes Porzellan, schöne Kleidung und ein gedeckter Tisch können durchaus Freude bereiten; ich sehe keinen vernünftigen Grund, das Schöne vorsorglich zu verdächtigen. Doch all diese Dinge sind nicht der Anfang. Ein Mensch wird nicht kultiviert, weil er aus einer feinen Tasse trinkt, und eine kostspielige Garderobe hat noch niemandem gute Manieren beigebracht. Kultiviertheit beginnt meist mit etwas sehr viel Unscheinbarerem: einer Entscheidung. Mit der Entscheidung, den Tag bewusst zu beginnen. Das Bett zu machen, obwohl niemand zur Kontrolle erscheint. Den Tisch zu decken, statt im Stehen zwischen Arbeitsfläche und Kühlschrank zu essen. Eine Tasse nach Gebrauch wegzuräumen. Ein Gespräch ruhig zu führen, statt Lautstärke mit Überzeugungskraft zu verwechseln. Eine kleine Wohnung so zu pflegen, dass sie nicht nach Quadratmetern, sondern nach Aufmerksamkeit beurteilt wird. Pünktlich zu erscheinen. Danke zu sagen. Andere Menschen ausreden zu lassen. Und eine Nachricht gelegentlich erst am nächsten Morgen zu beantworten, wenn die erste Fassung drei Ausrufezeichen und eine gesellschaftlich bedenkliche Schlussformel enthielt. Kultiviertheit zeigt sich vor allem dort, wo niemand zusieht. Sie ist keine Bühne. Sie ist eine Gewohnheit.
Vielleicht liegt darin auch der Grund, weshalb Vermögen und Kultiviertheit so gern miteinander verwechselt werden. Selbstverständlich erleichtert Geld vieles. Wer behauptet, Geld spiele keine Rolle, hatte vermutlich noch nie zu wenig davon. Es ist angenehmer, einen kaputten Kühlschrank ersetzen zu können, ohne zuvor ausrechnen zu müssen, welche andere Ausgabe dafür warten muss. Finanzielle Knappheit ist weder romantisch noch charakterbildend, nur weil man sie in warmes Licht stellt. Doch Geld kann Möglichkeiten kaufen; Haltung kann es nicht. Ein grosses Haus kann ungepflegt sein, eine kleine Wohnung tadellos geführt. Ein teurer Mantel kann achtlos über einem Stuhl hängen, während ein gebrauchter Wollmantel gebürstet, ausgebessert und über Jahre mit einer Selbstverständlichkeit getragen wird, die kein sichtbares Etikett der Welt ersetzen kann. Man kann Champagner servieren und ein schlechter Gastgeber sein. Man kann Tee und ein Stück Kuchen reichen und dafür sorgen, dass ein Mensch noch Jahre später gern an diesen Nachmittag zurückdenkt. Der Preis entscheidet erstaunlich wenig über die Würde einer Sache. Der Umgang mit ihr sehr viel mehr. Ein kultiviertes Leben ist deshalb auch kein Versuch, reicher zu erscheinen, als man ist. Es gibt keine Würde darin, sich für die eigene Wohnung zu schämen, weil sie klein ist, und keine Eleganz darin, Geld auszugeben, das man nicht besitzt, um Menschen zu beeindrucken, die die Rechnung nicht bezahlen werden. Man darf bescheiden leben, ohne sich selbst gering zu behandeln. Man darf sparen. Man darf Secondhand kaufen. Man darf einen Wunsch haben, ohne ihn noch am selben Nachmittag erfüllen zu müssen. Warten ist keine persönliche Niederlage. In einer Zeit, in der zwischen Begehren und Paketankunft möglichst wenige Stunden liegen sollen, ist es beinahe eine Form von Souveränität.
Lavin Classy versteht sich deshalb nicht als Ratgeber im üblichen Sinne. Ich möchte Ihnen nicht erklären, welche zehn Dinge Sie besitzen müssen, um kultiviert zu wirken. Erstens wäre das widersprüchlich. Zweitens besitzen Sie vermutlich bereits genügend Dinge. Und drittens gibt es im Internet inzwischen wahrlich genug Menschen, die uns erklären, unser bisheriges Leben sei hauptsächlich an der falschen Vase gescheitert. Hier geht es um Beobachtungen aus dem Alltag: um Ordnung und Gastfreundschaft, um Sprache und Kleidung, um Geld und Selbstachtung, um Tischkultur, Beziehungen, Pflege, Zurückhaltung und jene kleinen Formen der Etikette, die das Zusammenleben angenehmer machen. Manchmal führt der Gedanke über ein Rezept, das mit Sorgfalt zubereitet wird. Manchmal über einen gedeckten Tisch, einen Brief, einen Kleiderschrank oder die Frage, weshalb es gelegentlich ausgesprochen kultiviert sein kann, eine Meinung einfach für sich zu behalten. Nicht jede Wahrheit benötigt eine sofortige Veröffentlichung. Nicht jede Provokation verdient eine Antwort. Nicht jede Information, die man kennt, gehört weitererzählt. Und nicht jeder Gedanke gewinnt dadurch an Bedeutung, dass man ihn der gesamten Umgebung zur Verfügung stellt. Zurückhaltung wird heute gelegentlich mit Unsicherheit verwechselt. Dabei braucht es mitunter sehr viel mehr Sicherheit, einen Raum nicht beherrschen zu müssen. Ein kultivierter Mensch muss nicht überall den stärksten Eindruck hinterlassen. Es genügt vollkommen, wenn nach seiner Anwesenheit niemand Erholung benötigt.
Der Alltag ist für solche Beobachtungen besonders interessant, weil unser Leben nun einmal überwiegend aus ihm besteht. Wir erleben nicht jeden Tag Hochzeiten, Reisen, Festessen und aussergewöhnliche Begegnungen. Wir erleben Dienstage. Wir kaufen ein, kochen, waschen Wäsche, beantworten Nachrichten, räumen auf, gehen zur Arbeit, bringen Kinder ins Bett und stehen am nächsten Morgen wieder auf. Trotzdem behandeln wir den gewöhnlichen Tag häufig wie einen Wartesaal für das eigentliche Leben. Wir warten auf die schönere Wohnung, auf mehr Geld, auf weniger Gewicht, auf Ferien, auf den Frühling, auf einen besonderen Anlass oder auf jenen sagenhaften Montag, an dem wir plötzlich organisiert, diszipliniert und vollkommen ausgeglichen erwachen werden. Dieser Montag besitzt die bemerkenswerte Unhöflichkeit, niemals zu erscheinen. Also beginnt man vorher. Man deckt den Tisch jetzt. Man benutzt die schöne Tasse jetzt. Man trägt die gute Bluse, obwohl der Kalender keinen gesellschaftlich bedeutenden Anlass ausweist. Man kocht sich ein ordentliches Abendessen, auch wenn kein Gast erwartet wird. Man legt am Abend die Küche wieder in Ordnung, damit der nächste Morgen nicht mit den Hinterlassenschaften des vergangenen Tages beginnen muss. Das Gewöhnliche verdient Form, gerade weil es gewöhnlich ist. Wer nur auf besondere Tage wartet, verbringt einen beträchtlichen Teil seines Lebens damit, auf sein eigenes Leben zu warten.
Form bedeutet dabei keineswegs Perfektion. Ein Zuhause ist kein Hotel, ein Frühstückstisch kein Fotostudio und ein Mensch kein Dekorationsobjekt. Ein Sessel darf benutzt aussehen. In einer Küche darf gekocht werden. Ein Kind darf Spielzeug besitzen, ein Buch darf aufgeschlagen auf einem Tisch liegen und ein Sonntag darf Spuren hinterlassen. Wer bei jeder Falte im Sofakissen nervös wird, hat möglicherweise keine Ordnung geschaffen, sondern lediglich ein neues Problem. Ordnung bedeutet nicht, jede Spur des Lebens zu beseitigen. Sie bedeutet, das Leben zu führen, statt sich von seinen Hinterlassenschaften führen zu lassen. Wenn am Abend das Geschirr gespült, die Arbeitsfläche frei und der Tisch für den nächsten Morgen vorbereitet ist, beginnt der folgende Tag mit einer kleinen Höflichkeit gegenüber sich selbst. Nicht jede Verbesserung verlangt eine Anschaffung. Manches verlangt Pflege. Anderes verlangt Weglassen. Sehr vieles verlangt Aufmerksamkeit. Ein Tisch wird nicht würdevoller, weil er teuer ist, sondern weil man sich die Mühe macht, ihn herzurichten. Kleidung gewinnt nicht durch ihre Menge, sondern durch Pflege und passende Auswahl. Ein Zuhause wird nicht kultiviert, weil es einem aktuellen Stil entspricht, sondern weil jemand Verantwortung dafür übernimmt. Form ist nicht dasselbe wie Aufwand.
Auch deshalb darf ein kultivierter Alltag niemals zu einer weiteren Konsumdisziplin werden. Schöne Dinge dürfen selbstverständlich Freude bereiten. Ich mag gute Stoffe, Bücher, Porzellan, Blumen, Düfte und Gegenstände, die sorgfältig gearbeitet wurden. Man muss dem Schönen nicht misstrauen, nur um vernünftig zu erscheinen. Doch es besteht ein Unterschied zwischen Genuss und rastloser Erneuerung. Ein gutes Stück wird ausgewählt, benutzt, gepflegt und behalten. Es muss nicht verschwinden, weil eine fremde Person im Internet verkündet hat, eine andere Farbe sei nun zeitgemässer. Geschmack bedeutet nicht, jede Veränderung zu kennen. Geschmack bedeutet auch, nicht jeder folgen zu müssen. Wir dürfen dieselbe Teetasse jahrelang mögen. Wir dürfen einen Duft wiederholt kaufen, ein bewährtes Rezept immer wieder kochen und Möbel behalten, obwohl sie schon mehrere modische Epochen überlebt haben. Beständigkeit ist kein Mangel an Fantasie. Sie kann schlicht bedeuten, dass man herausgefunden hat, was zu einem gehört. Das eigene Leben muss nicht alle sechs Monate neu erfunden werden, nur damit es von aussen interessant wirkt.
Dasselbe gilt für uns selbst. Haltung verlangt keine Fehlerlosigkeit. Es wird Tage geben, an denen das Bett nicht am Morgen gemacht wird, das Abendessen ausgesprochen unspektakulär ausfällt und die gute Absicht irgendwo zwischen Wäschekorb und Müdigkeit verloren geht. Das Leben besitzt wenig Respekt vor unseren sorgfältig ausgearbeiteten Vorstellungen. Kultiviertheit zeigt sich deshalb nicht darin, niemals aus der Form zu geraten, sondern darin, wieder zu ihr zurückzufinden. Man räumt wieder auf. Man entschuldigt sich, wenn man unfreundlich war. Man pflegt, was vernachlässigt wurde. Man beginnt am nächsten Morgen erneut. Ein kultiviertes Leben verlangt keine Perfektion; es verlangt Verlässlichkeit. Und vielleicht ist gerade das beruhigend. Wir müssen nicht zu einer makellosen Version unserer selbst werden. Wir müssen nur lernen, das eigene Leben immer wieder ein wenig besser zu führen.
Aus solchen Gedanken entstehen die Schreibstücke von Lavin Classy. Sie sollen nicht beeindrucken. Sie sollen erinnern. Daran, dass ein geordnetes, kultiviertes Leben nicht spektakulär sein muss. Dass eine Mahlzeit mehr sein darf als Nahrungsaufnahme. Dass ein Zuhause keine beeindruckende Adresse benötigt, um Würde auszustrahlen. Dass gepflegte Kleidung nicht neu sein muss. Dass ein guter Gastgeber nicht daran erkannt wird, was die Flasche auf dem Tisch gekostet hat. Dass Sprache einen Menschen ebenso kleidet wie ein Mantel. Dass Zurückhaltung keine Schwäche und Mass keine Langeweile ist. Und dass Selbstachtung nicht erst an jenem fernen Tag beginnen darf, an dem die äusseren Umstände endlich unseren Vorstellungen entsprechen. Ein kultiviertes Leben besteht nicht aus wenigen aussergewöhnlichen Augenblicken, die sich hervorragend vorzeigen lassen. Es besteht aus Hunderten gewöhnlichen Tagen, denen man Form gegeben hat. Vielleicht liegt genau darin der Sinn dieses Ortes: Wir müssen nicht auf ein anderes Leben warten, um kultiviert zu leben. Wir beginnen mit dem vorhandenen. Mit dem Zuhause, das wir haben, dem Geld, das uns zur Verfügung steht, den Dingen, die bereits im Schrank liegen, und den Menschen, die an unserem Tisch sitzen. Wir pflegen, was Bestand haben soll, verabschieden, was nicht mehr zu uns gehört, wählen unsere Worte etwas sorgfältiger und unsere Anschaffungen etwas kritischer. Und gelegentlich trinken wir unseren Tee einfach aus einer schönen Tasse, ohne daraus eine Persönlichkeitsentwicklung machen zu müssen.
Man muss nicht reicher wirken. Man muss nicht bedeutender erscheinen. Man muss nicht auf das bessere Leben warten. Man beginnt damit, das eigene gut zu führen.
Falls Sie künftig kein Schreibstück verpassen möchten, tragen Sie sich gern in die Rundbriefliste ein. Sie finden sie ganz unten am Seitenende – ein wenig Eigeninitiative dürfen wir schliesslich voraussetzen.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit und Ihre geschätzte Aufmerksamkeit. Dass Sie einen Teil Ihres Tages dem Lesen dieser Zeilen gewidmet haben, ist keineswegs selbstverständlich und wird von mir umso mehr geschätzt.
Möge Lavin Classy Sie nicht dazu verleiten, mehr besitzen zu wollen, sondern dazu, das Vorhandene mit etwas mehr Sorgfalt zu betrachten. Vielleicht ist genau das jene Form von Luxus, für die es weder eine Bestellung noch eine Rechnung braucht.
Bis zum nächsten Schreibstück – oder zuvor im Rundbrief.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.