Sie befinden sich in der Bibliothek der Schreibstücke

über Gedanken, Beobachtungen, Etikette und Empfehlungen – Inspirationen für einen kultivierten Alltag, der leise wirkt und dennoch Bestand hat. Als bewusster Gegenpol zum modernen Durcheinander.

Oktober 2026

DAS HÄUSLICHE WOHLBEFINDEN BEI KRANKHEIT

Es gibt Tage, an denen der Körper seine Zusammenarbeit ohne vorherige Rücksprache einstellt. Der Hals kratzt, der Kopf wird schwer, die Nase entwickelt eine bemerkenswerte Eigenständigkeit, und plötzlich erscheint bereits der Weg vom Bett zur Küche wie eine Unternehmung, für die man vernünftigerweise Proviant einpacken sollte. Krankheit ist weder elegant noch besonders taktvoll. Sie hält sich nicht an Termine, interessiert sich nicht für unsere Pläne und besitzt die unangenehme Angewohnheit, ausgerechnet dann aufzutauchen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Trotzdem muss aus einem grippalen Infekt nicht automatisch der vollständige Zusammenbruch der häuslichen Zivilisation folgen. Sich zu schonen bedeutet schliesslich nicht, sich aufzugeben. Es bedeutet vielmehr, die Ansprüche für einige Tage vernünftig zu verändern: weniger leisten, mehr ruhen – und sich dabei weiterhin so behandeln, als wäre man der Fürsorge wert.

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September 2026

VOM HOCHMUT DER GEGENWART

Es ist vollkommen in Ordnung, altmodisch zu sein. Mehr noch: Es ist bisweilen ausgesprochen vernünftig. Denn vieles, was heute vorschnell als überholt gilt, war in Wahrheit lediglich geordnet, maßvoll und von einer gewissen Form getragen. Das ist nicht rückständig. Das ist nur bedauerlich selten geworden.

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DER GARDEROBENWECHSEL

Der Wechsel der Jahreszeiten zeigt sich nicht nur im Wetter. Er zeigt sich auch im Kleiderschrank. Viele Menschen behandeln Kleidung wie einen stetig wachsenden Bestand. Wintermäntel hängen neben Sommerkleidern, schwere Stoffe neben leichten. Das Ergebnis ist selten Vielfalt – meist nur Unordnung.

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KULTIVIERTER RÜCKZUG

Es gibt menschliche Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Miteinander, die schlichtweg entgeisternd sind. Wer kennt es nicht? Eine flüchtige Bekanntschaft oder vermeintliche Freundschaft steuert ihrem Ende entgegen, und statt Haltung zu bewahren, wählt die andere Seite den Weg der reinen Geschmacklosigkeit.

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DER ELEGANTE UMZUG

Menschen ziehen um, seit sie sesshaft genug geworden sind, überhaupt etwas zu besitzen, das sich mitzunehmen lohnt. Schon in früheren Jahrhunderten mussten Hausrat, Möbel und Vorräte über beträchtliche Entfernungen befördert werden. Was heute ein Umzugswagen an einem Vormittag erledigt, verlangte einst sorgfältige Vorbereitung.

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EINE GARDEROBE MIT BESTAND

Es ist eine auffällige Erscheinung unserer Zeit, dass Kleiderschränke überquellen und dennoch täglich dieselbe Klage hervorrufen: Man wisse nicht, was man anziehen solle. Der Mangel liegt nicht im Bestand, sondern in der Ordnung.

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August 2026

WANN KUNSTSTOFF VERTRETBAR BLEIBT

Es ist kein Geheimnis, dass ich Kunststoff, Plastik und synthetische Materialien kritisch betrachte. Nicht aus Prinzipienreiterei, sondern aus einer grundsätzlichen Überzeugung heraus: Materialien prägen Verhalten. Und Verhalten prägt Haltung.

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STILLER GASTGEBER

Gastfreundschaft wird oft mit Größe verwechselt – mit langen Tafeln, vielen Gängen und aufwendigen Vorbereitungen. Doch ein guter Empfang beginnt nicht mit Raum, sondern mit Haltung.

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DIE BONITÄT

Wer in der Schweiz lebt, weiss, was Bonität bedeutet. Sie ist kein beiläufiger Begriff, sondern ein stilles Urteil, das Türen öffnet oder verschlossen hält.

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DER UNBESETZTE NACHMITTAG

Es gibt Momente, in denen der Tag offen vor einem liegt und dennoch ungenutzt bleibt. Die Hand greift instinktiv nach dem Telefon, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Gewohnheit.

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SELBSTERZIEHUNG

Ein Leben mit Haltung entsteht nicht durch Glück, sondern durch bewusste Entscheidung. Warum Selbsterziehung Stil, Ruhe und Qualität erst möglich macht.

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DIE KUNST MENSCHEN ZU LESEN

Manchmal genügt ein Nachmittag in einem belebten Café oder der flüchtige Blick auf eine Gesellschaft am Nachbartisch, um zu begreifen, dass die wichtigste Konversation selten laut stattfindet. Wir leben in einer Epoche, die das gesprochene Wort überbewertet, während sie die feine Sensorik für das Wesentliche verliert.

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Juli 2026

DIE KATASTROPHE DER DU-KULTUR

Es ist eine merkwürdige Unsitte unserer Zeit, dass man einander sofort beim Vornamen nennt. Der Kellner. Der Bankberater. Die Stimme am Telefon, die vorgibt, eine Versicherung zu sein, sich aber aufführt, als hätte man gemeinsam Urlaube verbracht. 

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DIE ETIKETT DER WARTEZEIT

Wartezeit gilt als lästig. Sie wird als Unterbrechung empfunden, als Zumutung, als Mangel an Effizienz. Gerade darin liegt ihr Wert. Wer warten muss – auf den Chauffeur, im Vorzimmer eines Arztes oder auf eine verspätete Freundin –, steht vor einer stillen Prüfung der Haltung.

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DIE STILLE MANIFESTATION

Manifestation ist kein lautes Wünschen und kein demonstratives Hoffen. Sie äußert sich weder in hektischem Erklären noch in ständigem Bekräftigen oder nervöser Betriebsamkeit.

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DIE WELT IN HAST

Man sieht es inzwischen überall. Ein Mensch läuft im Eilschritt zum Zug und isst dabei noch rasch eine Banane. Eine Getränkedose wird mit einer hastigen Bewegung geleert und sofort in den nächsten Abfallbehälter geworfen, als seien selbst wenige zusätzliche Sekunden bereits eine Zumutung. Das Mittagessen wird im Vorbeifahren bestellt, weil man vierzig Minuten in einem Restaurant offenbar für einen unvertretbaren Verlust hält. Und was morgen ansteht, hätte man nach allgemeinem Empfinden am besten schon gestern erledigt.

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DIE DIGITALE UNHÖFLICHKEIT

Es gibt eine moderne Unsitte, die sich als Fortschritt tarnt und in Wahrheit nichts weiter ist als schlecht erzogene Bequemlichkeit: die Annahme, dass jede Nachricht, jede Einladung, jede Geste mit einem Symbol beantwortet werden dürfe.

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Juni 2026

DIE KLARE ERNÄHRUNG

Es gibt unzählige Diäten. Ketodiäten, Fastenkuren, zuckerfreie Programme, Verzicht auf Kohlenhydrate, mehr Fett, mehr Proteine, weniger von allem –und am Ende bleibt vor allem eines: Unruhe.

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DIE BRIEFKULTUR

Es gibt Dinge, die leiser geworden sind, ohne dass jemand ihr Verschwinden offiziell bekannt gegeben hätte. Die Briefkultur gehört dazu. Niemand hat eines Morgens beschlossen, vollständige Sätze seien nun entbehrlich, Anreden ein Relikt und Grussformeln eine unnötige Belastung für den modernen Menschen. Es geschah erheblich unauffälliger. Erst wurde aus dem Brief eine E-Mail, aus der E-Mail eine Nachricht und aus der Nachricht schliesslich eine Ansammlung von Wörtern, die in mehreren Portionen beim Empfänger eintrifft. „Hallo.“ Absenden. „Kurze Frage.“ Absenden. „Hast du morgen Zeit?“ Absenden. Das Telefon meldet sich dreimal, obwohl ein einziger Satz vollkommen genügt hätte. Man könnte meinen, Satzzeichen würden inzwischen nach Verbrauch besteuert. Gleichzeitig schreiben wir vermutlich mehr als jede Generation vor uns. Wir schreiben morgens, während wir warten, beim Essen, im Zug und gelegentlich mitten in einem Gespräch mit einem Menschen, der den bemerkenswerten Nachteil besitzt, tatsächlich anwesend zu sein. Das Problem unserer Zeit ist also keineswegs, dass wir das Schreiben verlernt hätten. Wir haben nur verlernt, Korrespondenz von Übermittlung zu unterscheiden.

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ANSTAND BEI DREISSIG GRAD

Hitze ist ausgesprochen unhöflich. Sie nimmt dem Tag die Kontur, dem Gesicht die Frische und der Geduld bisweilen den letzten Rest guten Willens. Bei dreissig Grad verliert selbst ein gepflegter Mensch irgendwann das Interesse daran, besonders beeindruckend auszusehen. Bei fünfunddreissig Grad wird bereits die Frage, ob man zum Briefkasten gehen muss, mit jener Ernsthaftigkeit behandelt, die sonst grösseren Lebensentscheidungen vorbehalten ist. Und spätestens wenn die Nacht kaum Abkühlung bringt, beginnt man zu verstehen, weshalb Menschen bereit sind, erhebliche Summen für Klimaanlagen, Ferien in den Bergen oder ein Haus mit dicken alten Mauern auszugeben. Der Sommer ist reizend, solange er sich benimmt. Tut er das nicht, wird aus mediterraner Lebensfreude erstaunlich schnell eine Suche nach dem kühlsten Fussboden der Wohnung.

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DIE ETIKETTE DER FAHRT

Ein Auto besitzt eine interessante gesellschaftliche Nebenwirkung: Kaum schliesst sich die Tür, fühlen sich manche Menschen erstaunlich unbeobachtet. Ein freundlicher Herr, der im Geschäft selbstverständlich jemandem den Vortritt lässt, verwandelt sich hinter einer Windschutzscheibe mitunter in einen Mann, für den eine Verzögerung von zwölf Sekunden offenbar einen schwerwiegenden Angriff auf seine persönliche Freiheit darstellt. Es wird gedrängelt, gestikuliert, beschleunigt, kommentiert und gelegentlich gehupt, als müsse die gesamte Strasse über die eigene Unzufriedenheit informiert werden. Dabei bewegt man beim Autofahren nicht nur ein Fahrzeug durch den öffentlichen Raum. Man bewegt sich selbst darin. Und wie so häufig zeigt sich Haltung besonders deutlich dort, wo man glaubt, sie für einen Augenblick nicht zu benötigen.

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GESCHIRR UND BESTECK

Es gibt Dinge im Haushalt, die selten besondere Aufmerksamkeit erhalten und dennoch jeden Tag etwas über ihn erzählen. Geschirr und Besteck gehören dazu. Wir benutzen sie morgens noch etwas verschlafen, mittags beiläufig und abends vielleicht mit mehr Ruhe. Sie tragen Brot, Suppe, Pasta und Geburtstagskuchen, überstehen Spülmaschinen, Kinderhände und jene unerklärlichen Zwischenfälle, bei denen ein Teller plötzlich einen Sprung besitzt, obwohl selbstverständlich niemand etwas bemerkt hat. Und weil Geschirr so gewöhnlich ist, wird es häufig ebenso gewöhnlich ausgewählt. Dabei ist gerade das Alltägliche der denkbar schlechteste Ort für Gleichgültigkeit. Ein Teller, den man dreihundertmal im Jahr benutzt, verdient womöglich mehr Überlegung als eine Vase, die hauptsächlich damit beschäftigt ist, dekorativ herumzustehen.

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FUSSBALL FÜR MENSCHEN MIT HALTUNG

Fussball ist objektiv betrachtet keine besonders elegante Sportart. Zweiundzwanzig Erwachsene rennen neunzig Minuten einem Ball hinterher, geraten in regelmässigen Abständen körperlich aneinander und fallen gelegentlich mit einer Dramatik zu Boden, bei der man für einen kurzen Augenblick mit dem Schlimmsten rechnet – bis der Betroffene wenige Sekunden später wieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den Rasen läuft. Als gesellschaftliches Schauspiel betrachtet, hat die Oper zweifellos einen gewissen Vorsprung. Dort wird zwar ebenfalls dramatisch gestorben, aber wenigstens hat vorher jemand ein Abendkleid angezogen. Und dennoch wäre es töricht, die Bedeutung des Fussballs zu unterschätzen. Welt- und Europameisterschaften gehören längst zu jenen seltenen Ereignissen, bei denen selbst Menschen, die elf Monate lang keinerlei Interesse an einem Strafraum zeigen, plötzlich mit bemerkenswerter Überzeugung über Aufstellungen, Schiedsrichterentscheidungen und taktische Fehler sprechen. Familien versammeln sich, Freunde treffen sich, Nachbarn hängen Fahnen aus den Fenstern, und irgendwo erklärt ein Mensch, der seit dem letzten Turnier kein einziges Spiel gesehen hat, mit vollkommener Sicherheit, weshalb der Trainer dringend die Formation ändern müsse. Fussball besitzt diese besondere Gabe: Er macht aus Millionen Zuschauern für neunzig Minuten Fachpersonal.

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DIE INSZENIERTE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT

Es gibt eine stille Beobachtung, die sich im Alltag immer wieder bestätigt: Was ständig gezeigt werden muss, gehört selten selbstverständlich dazu. Das ist kein besonders barmherziger Gedanke, aber ein interessanter. Sobald etwas wirklich Teil unseres gewöhnlichen Lebens geworden ist, verliert es nämlich häufig genau jene Sensation, die uns anfangs dazu brachte, es festhalten zu wollen. Niemand fotografiert jeden Morgen seinen Wasserhahn, nur weil erfreulicherweise wieder Wasser herauskommt. Selbstverständlichkeiten besitzen wenig Talent für grosse Auftritte. Und vielleicht liegt gerade darin ihre eigentümliche Eleganz.

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WAS BESTAND HAT

Nicht alles, was sichtbar ist, hat Bestand. Nicht alles, was teuer ist, trägt Würde. Und nicht alles, was sich „zeitlos“ nennt, überlebt auch nur drei Saisons, ohne anschliessend ein wenig peinlich an seine frühere Bedeutung zu erinnern. Was wirklich bleibt, zeigt sich meist erheblich leiser. Im Material. In der Pflege. In der Art, wie etwas ausgewählt wurde. Und vor allem in einem Anspruch, der nicht bei jeder neuen Mode seine Grundsätze wechseln muss.

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DER RICHTIGE EINKAUF

Einkaufen ist keine Nebensache. Es ist eine Form von Führung. Das klingt für einen Vorgang, bei dem am Ende Milch, Gemüse und Toilettenpapier im Wagen liegen, möglicherweise etwas feierlich. Doch ein Haushalt wird nicht erst zu Hause geführt. Ein beträchtlicher Teil dessen, was später unsere Schränke füllt, unseren Kühlschrank blockiert, unser Budget beansprucht oder irgendwann mit schlechtem Gewissen entsorgt wird, wurde zuvor freiwillig über eine Ladenschwelle getragen. Der Einkauf ist also weniger harmlos, als er aussieht. Er entscheidet darüber, womit wir die kommenden Tage leben müssen – und gelegentlich auch darüber, weshalb im hintersten Winkel des Kühlschranks drei Joghurts gleichzeitig ihre Existenzberechtigung verlieren.

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Mai 2026

WOFÜR WIR ZAHLEN

Es ist erstaunlich, wie sorgfältig Menschen ihr Geld verdienen – und wie beiläufig sie es anschliessend ausgeben. Für das Einkommen stehen wir morgens auf, arbeiten Stunden, lösen Probleme, beantworten Nachrichten, tragen Verantwortung und tauschen einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit gegen eine Zahl auf einem Konto. Beim Ausgeben derselben Zahl genügen dagegen manchmal zwölf Sekunden, ein hübsches Bild und ein kleiner Knopf mit der Aufschrift „Jetzt kaufen“. Eine bemerkenswerte Verkürzung des Entscheidungsprozesses. Besonders, wenn man bedenkt, dass die achtzig Franken, die eben beinahe gedankenlos verschwunden sind, zuvor keineswegs gedankenlos verdient wurden.

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DAS GEPFLEGTE DETAIL

Nicht alles, was Eindruck macht, ist gross. Manche Dinge wirken gerade deshalb, weil sie unscheinbar bleiben. Man kann ein sorgfältig zusammengestelltes Kleid tragen, einen schönen Mantel besitzen und sich durchaus geschmackvoll bewegen – wenn jedoch die Hände vernachlässigt wirken, die Nägel ungepflegt sind und trockene Lippen um Aufmerksamkeit bitten, geschieht etwas ausgesprochen Unhöfliches: Das kleine Detail gewinnt gegen das grosse Ganze. Es ist ein wenig wie bei einem wunderbar gedeckten Tisch, auf dem ein schmutziges Glas steht. Niemand wollte eigentlich das Glas betrachten. Nun betrachtet jeder das Glas.

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DER UMGANG MIT NACHBARSCHAFT

Nachbarschaft ist eine der wenigen Beziehungen, die wir eingehen, ohne uns den anderen Menschen vorher auszusuchen. Man wählt eine Wohnung, ein Haus, vielleicht eine schöne Aussicht oder einen erfreulich kurzen Arbeitsweg – und erhält einige fremde Menschen gleich dazu. Sie wohnen über uns, unter uns oder nebenan. Man kennt ihre Schritte, bevor man ihren Beruf kennt, weiss gelegentlich mehr über ihre Staubsaugergewohnheiten als über ihre Vornamen und entwickelt mit etwas Pech eine bemerkenswert genaue Vorstellung davon, wann ihre Waschmaschine schleudert. Nachbarschaft ist deshalb kein Zufall im gesellschaftlichen Sinne. Sie ist eine stille Übereinkunft: Wir leben nahe beieinander und bemühen uns, einander diese Nähe nicht unnötig schwerzumachen.

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DIE RICHTIGE NISCHE

Ich wollte schon früh einen eigenen Blog, eine eigene Online-Kolumne schreiben. Die Vorstellung, Gedanken nicht nur flüchtig festzuhalten, sondern ihnen einen eigenen Ort zu geben, hat mich lange begleitet. Dass daraus einmal Lavin Classy in seiner heutigen Form entstehen würde, hätte ich allerdings selbst nicht vorausgesehen. Rückblickend ist das vermutlich ganz gut so. Manche Vorhaben sollten nicht zu früh wissen, was sie einmal werden möchten. Sie könnten sonst auf die Idee kommen, sich an den ersten Plan halten zu müssen – und erste Pläne besitzen gelegentlich das Urteilsvermögen eines Menschen, der um zwei Uhr morgens eine neue Frisur für eine ausgezeichnete Idee hält.

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RITUALISIERTE RÜCKZUGSZEITEN

Der moderne Alltag kennt kaum noch Pausen. Zwischen Nachrichten, Terminen, Bildschirmen und den kleinen Anforderungen eines gewöhnlichen Tages wird beinahe jede freie Minute gefüllt, als wäre Stille ein organisatorisches Versäumnis. Wir warten nicht mehr einfach. Wir sehen nach. Wir sitzen nicht nur da. Wir beschäftigen uns. Selbst drei Minuten an einer Bushaltestelle scheinen inzwischen eine Zeitspanne zu sein, die dringend mit Informationen versorgt werden muss. Offenbar besteht die Gefahr, dass ein Mensch, der einen Augenblick lang nichts konsumiert, plötzlich einen eigenen Gedanken entwickelt. Man kann verstehen, weshalb gewisse Geschäftsmodelle dieses Risiko lieber vermeiden möchten.

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WAS ELEGANZ ENTGEGEN STEHT

Es gibt Eigenschaften, die jeder Mensch entwickeln kann. Kultiviertheit gehört dazu. Sie wird weder vererbt noch mit einem bestimmten Einkommen freigeschaltet, und meines Wissens wird sie auch nicht zusammen mit dem guten Porzellan ausgeliefert. Ein Mensch kann in den bescheidensten Verhältnissen aufmerksam, gepflegt und grosszügig leben; ein anderer kann von den schönsten Dingen umgeben sein und sie behandeln, als wären sie zufällig in seinem Besitz gelandet. Geld erleichtert vieles. Haltung gehört nicht zuverlässig dazu. Doch wenn Kultiviertheit grundsätzlich erlernbar ist, gibt es umgekehrt einige Haltungen, die ihre Entwicklung mit bemerkenswerter Gründlichkeit verhindern. Drei davon begegnen uns besonders häufig: Undankbarkeit, Ungeduld und mangelnde Wertschätzung.

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WENN NÄHE WIRKT

Manchmal geraten Tage aus dem Gleichgewicht. Besorgungen häufen sich, Verpflichtungen nehmen zu, Nachrichten wollen beantwortet werden, und irgendwo zwischen Einkaufstaschen, Terminen und einer Waschmaschine, die selbstverständlich genau dann fertig wird, wenn man keine Zeit für sie hat, stellt sich eine Frage, die erstaunlich selten laut ausgesprochen wird: Für wen tun wir all das eigentlich? Für wen halten wir Termine frei, erklären uns zum vierten Mal, verschieben eigene Pläne, hören dieselbe Geschichte noch einmal an und bringen Verständnis für Verhaltensweisen auf, die wir bei einem Fremden längst nicht mehr besonders verständnisvoll fänden? Nähe besitzt einen ausgezeichneten Ruf. Vielleicht einen etwas zu ausgezeichneten.

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DIE ETIKETTE DES GLASES

Man erkennt Erziehung nicht am Etikett der Flasche, sondern an der Hand, die das Glas führt. Ein ausserordentlich teurer Wein gewinnt gesellschaftlich wenig, wenn sein Glas behandelt wird wie ein Bierkrug auf dem letzten Dorffest. Umgekehrt kann selbst ein schlichtes Glas Wasser vollkommen selbstverständlich und gepflegt wirken, wenn die Bewegung ruhig ist. Das ist überhaupt eine der angenehmeren Eigenschaften guter Umgangsformen: Sie interessieren sich erstaunlich wenig dafür, wie viel etwas gekostet hat. Ein Glas ist kein Griff, sondern ein Instrument. Es verlangt Haltung, nicht Zugriff.

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LICHT UND RAUM

Räume werden nicht allein durch Möbel bestimmt, sondern durch Licht. Man kann einen Raum sorgfältig einrichten, die Möbel mit Bedacht auswählen, Bilder aufhängen und Textilien abstimmen – und ihn anschliessend mit einer einzigen kalten Deckenleuchte zuverlässig ruinieren. Licht besitzt diese Macht. Es entscheidet darüber, ob ein Zimmer ruhig oder unruhig wirkt, ob Materialien Tiefe bekommen oder flach erscheinen und ob man sich am Abend setzen möchte oder unwillkürlich das Gefühl bekommt, gleich müsse jemand eine Inventur beginnen. Erstaunlicherweise wird über die Farbe eines Sofas oft wochenlang nachgedacht, während die Beleuchtung mit einer gewissen Sorglosigkeit behandelt wird. Dabei kann selbst ein bescheiden eingerichteter Raum durch gutes Licht an Würde gewinnen – und ein kostspieliger durch schlechtes Licht aussehen wie die Wartezone einer Zahnarztpraxis.

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April 2026

ZWISCHEN BLEIBEN UND GEHEN

Es gibt Wohnungen, die man liebt, obwohl sie einem täglich widersprechen. Man kennt jede Stufe, jede Schräge, jedes Geräusch und jene eine Stelle im Boden, die mit erstaunlicher Zuverlässigkeit knarrt, sobald man versucht, besonders leise zu sein. Man weiss, welches Fenster klemmt, wo im Sommer die Hitze steht und an welcher Stelle man den Kopf senken sollte, sofern man den Rest des Tages nicht mit einer Beule verbringen möchte. Ein Zuhause kann auf diese Weise sehr vertraut werden, ohne deshalb besonders vernünftig zu sein. Und irgendwann entsteht jene unangenehme Frage, die sich nicht mit einem neuen Teppich lösen lässt: Bleiben wir – oder gehen wir?

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WORTGEWANDT STATT WORTGEWALT

Es gehört zu den stillen Prüfungen des gesellschaftlichen Umgangs, auf Grobheit nicht mit Grobheit zu reagieren. Solange alle freundlich sind, ist kultiviertes Benehmen schliesslich keine besonders bemerkenswerte Leistung. Interessant wird es erst, wenn jemand unverschämt wird, eine Grenze überschreitet oder mit jener beneidenswerten Selbstverständlichkeit Unsinn vorträgt, die gelegentlich nur Menschen besitzen, die sich ihrer Sache vollkommen sicher und ihrer Wissenslücken vollkommen unbewusst sind. Laute Worte sind in solchen Augenblicken leicht verfügbar. Kultivierte Sprache hingegen verlangt Haltung, Selbstkontrolle und Präzision.

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WENN STIL ZUR AUFFÜHRUNG WIRD

Es ist derzeit ausgesprochen en vogue, einen bestimmten Lebensstil zu imitieren: zurückhaltend, gediegen, angeblich von altem Bestand. Man trägt gedeckte Farben, stellt Blumen in schwere Vasen, entdeckt plötzlich eine bemerkenswerte Leidenschaft für Silbertabletts und spricht mit grosser Selbstverständlichkeit von „zeitlos“, als habe man persönlich mehrere Generationen damit verbracht, den Begriff zu erproben. Das alles kann ausgesprochen hübsch aussehen. Nur besitzt Schönheit noch eine zweite, etwas anspruchsvollere Schwester: Glaubwürdigkeit. Und die lässt sich bedauerlicherweise nicht zusammen mit dem Kaschmirpullover bestellen.

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DIE KUNST DER BEGRÜSSUNG

Man könnte meinen, die Gesellschaft habe die einfachsten Formen des Anstands verlernt. Nicht vollständig natürlich. Wir sind durchaus noch in der Lage, einander wahrzunehmen. Nur geschieht dies gelegentlich auf eine Weise, die vermuten lässt, eine ordentliche Begrüssung sei eine gesellschaftliche Sonderleistung, für die im gewöhnlichen Alltag leider kein Budget mehr vorgesehen ist. Man betritt ein Geschäft und hört ein beiläufiges „Hoi“, „Tschou“ oder „Sälü“, gelegentlich begleitet von jener Tonlage, die eher an einen Pausenhof erinnert als an einen Ort, an dem zwei erwachsene Menschen einander begegnen. Im ungünstigeren Fall geschieht gar nichts. Man steht vor der Kasse, legt seine Einkäufe hin und wird behandelt, als hätten die Waren beschlossen, sich selbst zu bezahlen. Dabei benötigt eine gute Begrüssung weder Zeit noch besondere Begabung. Sie benötigt lediglich die Bereitschaft, einen anderen Menschen für einige Sekunden als solchen wahrzunehmen.

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DREI KLEINE KORREKTUREN

Es sind selten die grossen Entscheidungen, die einen Tag verändern. Meist sind es kleine Korrekturen. Ein anderer Tonfall. Eine bewusstere Anrede. Die Entscheidung, sich am Morgen ordentlich anzuziehen, obwohl niemand Besonderes erwartet wird. Solche Dinge wirken unscheinbar, und genau deshalb werden sie gern unterschätzt. Wir leben schliesslich in einer Zeit, die Veränderungen bevorzugt, wenn sie sich möglichst eindrucksvoll ankündigen lassen. Ein neues Leben beginnt angeblich am Montag, benötigt eine neue Morgenroutine, sieben passende Produkte und vorzugsweise ein Notizbuch, in dem das Ganze dokumentiert wird. Dabei scheitert der Alltag nur selten daran, dass uns ein vollständiges Konzept fehlt. Meist genügen einige kleine Korrekturen an dem, was wir ohnehin jeden Tag tun.

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LIEBLINGSSCHREIBSTÜCK DER LESERSCHAFT 

Derzeit besonders gelesen.

DIE BONITÄT 

UNTERKATEGORIEN 

Hier finden Sie sämtliche Schreibstücke in geordneter Form und nach Kategorien gegliedert, damit die Suche nicht dem Zufall überlassen bleibt. Nicht jeder Gedanke gehört in denselben Raum. Manche Texte befassen sich mit Haltung und gesellschaftlicher Form, andere mit Erscheinung, Pflege oder der stillen Ordnung des Alltags.

Die Einteilung folgt daher keiner Laune, sondern einer gewissen inneren Logik.

Haltung und Etikett

Texte über Benehmen, Sprache, Auftreten, Selbstführung, Distanz und die Kunst, sich in der Welt mit Form zu bewegen.

Erscheinung und Pflege

Texte über Garderobe, Duft, Körperpflege und jene feinen Einzelheiten, die weit mehr über einen Menschen verraten als große Worte.

Alltag und Bestand

Texte über Haushalt, Ordnung, Finanzen, Routinen, Wohnen, Gastlichkeit und alles, was dem Leben auf leise Weise Halt verleiht.

DIE LAVIN KOLLEKTION 

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