Ich wollte schon früh einen eigenen Blog, eine eigene Online-Kolumne schreiben. Die Vorstellung, Gedanken nicht nur flüchtig festzuhalten, sondern ihnen einen eigenen Ort zu geben, hat mich lange begleitet. Dass daraus einmal Lavin Classy in seiner heutigen Form entstehen würde, hätte ich allerdings selbst nicht vorausgesehen. Rückblickend ist das vermutlich ganz gut so. Manche Vorhaben sollten nicht zu früh wissen, was sie einmal werden möchten. Sie könnten sonst auf die Idee kommen, sich an den ersten Plan halten zu müssen – und erste Pläne besitzen gelegentlich das Urteilsvermögen eines Menschen, der um zwei Uhr morgens eine neue Frisur für eine ausgezeichnete Idee hält.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Wie so oft liegt die richtige Form eines Vorhabens nicht in seiner ersten Vorstellung, sondern in jener, die übrig bleibt, nachdem man einige Irrtümer höflich verabschiedet hat. Und Irrtümer gab es durchaus. Einer davon war meine frühere Vorstellung davon, wie ein Blog über Stil auszusehen habe. Ich glaubte lange, er müsse nach Aufwand aussehen, um von Bedeutung zu sein. Nicht unbedingt protzig – das wäre selbstverständlich zu offensichtlich gewesen –, sondern auf jene sorgfältig zurückhaltende Weise kostspielig, die uns versichern möchte, Geld spiele überhaupt keine Rolle, während im Hintergrund eine Handtasche steht, deren Preis durchaus anderer Meinung ist.
Wer sich eine Weile mit Lifestyle-Inhalten beschäftigt, begegnet dieser Welt schnell. Grosse Fassaden. Hotels mit schweren Vorhängen. Frühstückstische, auf denen selbst die Butter aussieht, als hätte sie eine klassische Ausbildung erhalten. Reisen nach Mailand, Paris oder an den Comer See. Perfekt drapierte Kleidung vor historischen Gebäuden, dazu ein Kaffee, der selbstverständlich niemals in einem gewöhnlichen Pappbecher erscheinen darf, sondern nur in Porzellan, möglichst neben einer Sonnenbrille, einem Buch und einem Schlüssel, dessen Anhänger diskret darauf hinweist, dass man gerade nicht zu Hause ist.
Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Mailand ist nicht schuld daran, dass Menschen dort Fotos machen, und der Comer See hat gewiss schon grössere Zumutungen überstanden. Schöne Orte sind schön. Gute Hotels dürfen genossen, Reisen dürfen unternommen und ausgezeichnete Schuhe dürfen gekauft werden. Ein Problem entsteht erst dann, wenn all das nicht mehr Ergänzung eines Lebens ist, sondern dessen notwendige Kulisse. Wenn Stil ohne kostspieligen Hintergrund plötzlich nicht mehr vorstellbar erscheint.
Genau das hatte ich anfangs selbst verinnerlicht. Eine Kolumne über Eleganz, dachte ich, brauche eine entsprechende Welt. Man müsse reisen, fotografieren, darstellen. Man brauche schöne Orte und ständig neue Eindrücke. Vielleicht auch die richtigen Restaurants, die richtigen Hotels und jene Art von Garderobe, bei der bereits ein unauffälliger Pullover den Gegenwert eines sehr vernünftigen Wochenendeinkaufs besitzt. Der Gedanke war beinahe logisch: Wenn über ein schönes Leben geschrieben werden soll, muss dieses Leben doch fortwährend sichtbar schön aussehen.
Nur war das eine ausgesprochen anstrengende Rechnung.
Vor allem deshalb, weil sie einen grundlegenden Fehler enthielt: Sie verwechselte das Thema mit der Kulisse.
Ein Gedanke wird nicht klüger, weil hinter ihm der Comer See glitzert. Eine Beobachtung über gute Manieren gewinnt nicht automatisch an Tiefe, wenn sie aus einem Fünfsternehotel veröffentlicht wird. Und ein Schreibstück über Ordnung wird kaum überzeugender, weil daneben Schuhe stehen, deren Sohlen offenbar nie mit einem gewöhnlichen Gehweg in Berührung gekommen sind. Schönheit kann einen Gedanken begleiten. Sie kann ihn jedoch nicht ersetzen.
Diese Erkenntnis kam nicht als grosse Offenbarung. Es gab keinen dramatischen Augenblick, in dem ich eine teure Sonnenbrille abnahm, bedeutungsvoll in die Ferne blickte und beschloss, fortan nur noch über die Würde des Alltags zu schreiben. Entwicklungen sind meist erheblich unspektakulärer. Man merkt einfach irgendwann, dass etwas nicht mehr stimmt. Dass man einer Vorstellung hinterherläuft, die zwar gut aussieht, aber nicht besonders viel mit dem zu tun hat, was man eigentlich sagen möchte.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass mich etwas ganz anderes interessiert.
Nicht das aussergewöhnliche Leben, sondern die Frage, wie man das gewöhnliche gut führt.
Nicht der Preis eines Gegenstands, sondern die Art, wie man mit ihm umgeht. Nicht die Grösse eines Hauses, sondern die Atmosphäre darin. Nicht die beeindruckende Einladung, sondern ob sich ein Gast tatsächlich willkommen fühlt. Nicht die Garderobe, die nach Vermögen aussieht, sondern Kleidung, die gepflegt, passend und selbstverständlich getragen wird. Nicht das Restaurant, in dem ein Teller wie eine architektonische Installation serviert wird, sondern auch der eigene Tisch an einem gewöhnlichen Dienstag.
Plötzlich wurde die Nische nicht kleiner. Sie wurde grösser.
Denn Alltag hat jeder.
Nicht jeder reist regelmässig nach Italien. Nicht jeder besitzt kostspielige Kleidung, ein grosses Zuhause oder ein Budget, das beim Blick auf eine Hotelrechnung keinerlei emotionale Regung zeigt. Aber jeder Mensch steht morgens auf. Jeder wohnt irgendwo. Jeder spricht mit anderen Menschen. Jeder besitzt Dinge, die gepflegt oder vernachlässigt werden können. Jeder entscheidet täglich, wie er mit seiner Zeit, seinem Zuhause, seinem Körper und seinem Umfeld umgeht.
Dort beginnt für mich Lavin Classy.
Und dort liegt auch jene Form von „Quiet Luxury“, mit der ich inzwischen tatsächlich etwas anfangen kann. Der Ausdruck ist in den vergangenen Jahren derart häufig benutzt worden, dass selbst ein beigefarbener Pullover vermutlich nervös wird, sobald er ihn hört. Quiet Luxury wird gern über bestimmte Stoffe, Farben, Marken und Silhouetten erklärt. Alles soll zurückhaltend aussehen, aber möglichst auf eine Weise, bei der der informierte Betrachter selbstverständlich erkennt, dass die Zurückhaltung ausserordentlich teuer war.
Das kann ästhetisch reizvoll sein. Nur ist es für mich nicht die interessanteste Form von Luxus.
Der stillere Luxus liegt woanders.
Er liegt in Zeit.
In Ruhe.
In einem Zuhause, das nicht beeindrucken muss, um angenehm zu sein. In sauberer Bettwäsche. In einem Tisch, der auch dann ordentlich gedeckt wird, wenn niemand ihn fotografiert. In einer Tasse Kaffee, die man tatsächlich warm trinkt, statt sie zwischen fünf Aufgaben zu vergessen. In frischer Luft am geöffneten Fenster. In einem Spaziergang, der kein Ziel benötigt. In einem Abend, an dem das Telefon irgendwann beiseitegelegt wird. In einer Mahlzeit, die aus einfachen Dingen besteht und trotzdem sorgfältig angerichtet ist.
Das sind keine Ersatzhandlungen für Menschen, die sich den „wirklichen“ Luxus nicht leisten können. Genau diese Vorstellung halte ich inzwischen für besonders verkehrt. Als befände sich das gute Leben grundsätzlich hinter einer finanziellen Schranke und alles andere sei lediglich eine charmante Art, sich über den fehlenden Zugang hinwegzutrösten.
Nein.
Natürlich erleichtert Geld das Leben. Es ermöglicht Komfort, Auswahl, Reisen, schöne Dinge und eine Form von Sicherheit, die man nicht romantisieren sollte. Wer finanzielle Sorgen kennt, weiss, dass ein höheres Einkommen nicht bloss eine ästhetische Frage ist. Aber daraus folgt nicht, dass Schönheit, Würde oder kultivierter Alltag erst oberhalb eines bestimmten Kontostandes beginnen.
Ein gedeckter Tisch wird nicht kultivierter, weil die Teller teuer waren. Er wird kultivierter, wenn jemand sich die Mühe gemacht hat, ihn vorzubereiten.
Eine Tasse Tee gewinnt nicht durch ein sichtbares Markenlogo, sondern durch den Moment, in dem man sich hinsetzt und sie in Ruhe trinkt.
Ein Zuhause braucht keine beeindruckende Adresse, um gepflegt zu sein.
Und ein Mensch muss keine Luxusgüter besitzen, um einen Sinn für Qualität zu entwickeln.
Diese Erkenntnis hat Lavin Classy für mich freier gemacht. Ich muss nichts darstellen, das nicht zu meinem Leben gehört. Ich muss nicht jeden Monat eine neue Kulisse organisieren, damit ein Gedanke plötzlich veröffentlichungswürdig erscheint. Ich muss nicht so tun, als bestünde Kultiviertheit aus einer endlosen Abfolge kostspieliger Orte.
Was für eine Erleichterung.
Man unterschätzt, wie anstrengend es sein kann, ein Leben für eine Aussenwirkung zu führen. Ständig muss etwas Neues her. Ein neuer Ort. Ein neues Bild. Eine neue Anschaffung. Noch eine Reise. Noch ein Outfit. Noch ein Restaurant. Noch ein Beweis dafür, dass das eigene Leben interessant genug ist. Irgendwann verbringt man so viel Zeit damit, ein schönes Leben darzustellen, dass für das tatsächliche Leben bedauerlich wenig übrig bleibt.
Lavin Classy darf näher sein.
Ein Naturbild kann genügen. Licht auf einer Wand. Eine Tasse auf einem Tisch. Blumen, die nicht für ein Foto gekauft wurden, sondern weil sie im Zimmer Freude machen. Ein alter Gegenstand, der gepflegt wird. Eine Schublade, die endlich Ordnung bekommen hat. Ein ruhiger Morgen. Ein gutes Buch. Eine Beobachtung aus einem Gespräch. Ein gesellschaftlicher Missstand, der vielleicht eine höflich hochgezogene Augenbraue verdient.
Gerade das Gewöhnliche ist voller Material, sobald man aufhört, es für gewöhnlich zu halten.
Vielleicht meine ich mit der Romantisierung des Alltags genau das. Nicht, sich einzureden, jeder Dienstag sei ein französischer Film und das Wäschefalten eine poetische Zeremonie. Manche Dinge bleiben schlicht lästig. Eine volle Wäschetonne wird durch Kerzenlicht nicht zu Literatur. Aber man kann dem eigenen Alltag Aufmerksamkeit geben, ohne ihn künstlich zu verklären.
Man kann schönes Geschirr benutzen, obwohl niemand zu Besuch kommt. Man kann sich morgens ordentlich anziehen, obwohl der Tag keine besondere Einladung enthält. Man kann einen Tisch abends aufräumen, damit der nächste Morgen freundlicher beginnt. Man kann einen Spaziergang machen und tatsächlich die Landschaft ansehen, statt sie ausschliesslich als Hintergrund für ein Bild zu behandeln.
Das ist für mich heute sehr viel interessanter als eine inszenierte Vorstellung von Luxus.
Und es ist ehrlicher.
Denn eine Nische wird nicht dadurch stark, dass sie möglichst exklusiv wirkt. Sie wird stark, wenn sie einen eigenen Gedanken besitzt. Lavin Classy muss nicht versuchen, eine Welt nachzubauen, die anderswo bereits tausendfach gezeigt wird. Das Internet leidet wahrlich nicht unter einem akuten Mangel an beigefarbenen Mänteln vor italienischen Fassaden.
Was mich interessiert, ist die Frage, wie Haltung im wirklichen Leben aussieht.
Wie führt man einen Haushalt, ohne daraus eine Religion zu machen? Wie pflegt man Dinge, ohne Besitz zum Lebensinhalt zu erklären? Wie setzt man Grenzen, ohne grob zu werden? Wie empfängt man Gäste, ohne den Abend als Prüfung der eigenen Gastgeberqualitäten zu behandeln? Wie bewahrt man Form, wenn niemand zusieht? Wie schafft man Schönheit, wenn das Budget begrenzt ist? Wie lebt man kultiviert, ohne Kultiviertheit ständig aufführen zu müssen?
Darin erkenne ich inzwischen meine Nische.
Und ich bin stolz auf sie.
Nicht in jenem lauten Sinne, der nach Applaus verlangt. Sondern in der ruhigen Gewissheit, etwas gefunden zu haben, das tatsächlich zu mir gehört. Es ist ein Unterschied, ob man versucht, in eine vorhandene Vorstellung hineinzupassen, oder ob man irgendwann erkennt, dass die eigene Perspektive selbst der interessante Teil ist.
Lavin Classy ist deshalb für mich keine Anleitung dazu, wie man reicher wirkt. Es ist auch keine Bühne für ein vermeintlich vollkommenes Leben. Vollkommenheit wäre ohnehin ein ausgesprochen schlechtes redaktionelles Konzept. Nach drei Schreibstücken hätten wir nichts mehr zu besprechen.
Es ist eine Kolumne über das Führen eines Lebens.
Über Würde und Aufmerksamkeit. Über Sprache, Umgangsformen und Zuhause. Über Grenzen und Grosszügigkeit. Über Pflege und Beständigkeit. Über jene kleinen Entscheidungen, durch die ein gewöhnlicher Tag Form bekommt.
Und vielleicht liegt gerade darin die angenehmste Erkenntnis meiner bisherigen Arbeit: Ich brauche für diese Kolumne keine fremde Welt.
Ich brauche einen Blick.
Einen Gedanken.
Und die Bereitschaft, das Gewöhnliche ernst genug zu nehmen, um genauer hinzusehen.
Stil entsteht nicht dort, wo das Leben am teuersten ist. Er entsteht dort, wo es mit Aufmerksamkeit betrachtet wird. Ein schönes Leben muss nicht fortwährend nach etwas aussehen. Es muss sich vor allem gut führen lassen.
Vielleicht ist das sogar die eigentliche Form von stillem Luxus: nichts beweisen zu müssen und trotzdem mit Sorgfalt zu leben.
Dass Sie Lavin Classy Ihre Zeit schenken, einzelne Schreibstücke lesen und immer wieder hierher zurückkehren, bedeutet mir weit mehr, als eine nüchterne Besucherzahl ausdrücken könnte. Ein Text existiert schnell; gelesen zu werden ist etwas anderes. Deshalb danke ich Ihnen sehr bewusst für jede Minute, die Sie hier verbringen. Und besonders möchte ich heute all jenen danken, die meinen Rundbrief bereits abonniert haben. Dass inzwischen so viele von Ihnen Lavin Classy auf diesem stilleren, persönlicheren Weg begleiten, empfinde ich keineswegs als selbstverständlich. Sie haben dieser kleinen Korrespondenz einen festen Platz in Ihrem Postfach gegeben – und mir damit etwas ausgesprochen Wertvolles geschenkt: Ihre wiederkehrende Aufmerksamkeit.
Falls Sie noch nicht dazugehören und künftig ebenfalls Post von mir erhalten möchten, finden Sie die Anmeldung zum Rundbrief wie gewohnt am Seitenende. Mehr Überredung soll es nicht geben. Eine gute Gesellschaft darf schliesslich darauf vertrauen, dass ihre Gäste selbst wissen, ob sie bleiben möchten.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und sollten Sie heute das Gefühl haben, Ihr Leben sei nicht eindrucksvoll genug: Sehen Sie noch einmal hin. Vielleicht braucht es keine grössere Kulisse, sondern lediglich einen aufmerksameren Blick.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.