WENN NÄHE WIRKT

Veröffentlicht am 9. Mai 2026 um 09:26

Manchmal geraten Tage aus dem Gleichgewicht. Besorgungen häufen sich, Verpflichtungen nehmen zu, und während alles schneller zu werden scheint, stellt sich eine Frage, die selten laut gestellt wird:

 Für wen tun wir all das eigentlich?
Manchmal genügt ein Blick in eine Gemüsekiste. Ein einzelner Pilz beginnt zu schimmeln, und plötzlich bleibt es nicht bei ihm. Nähe wirkt. Nicht aus Schwäche, sondern aus Konsequenz. Mit Lebensmitteln sind wir unerbittlich. Wir sortieren aus, weil wir wissen: Das hier verdirbt mir den Rest. Beim eigenen Umfeld jedoch zeigen wir oft erstaunliche Nachsicht. Kleine Respektlosigkeiten. Grenzüberschreitungen, die man relativiert. Worte, die angeblich nicht so gemeint waren. Nicht die großen Fehler sind es, die trennen, sondern die kleinen, die sich sammeln, bis das Gefäß voll ist. 

Manche Menschen wachsen ohne stabile Familie auf. Andere entscheiden sich später bewusst, Abstand zu halten. Solche Entscheidungen entstehen selten aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Die Stille, die daraus entsteht, kann ungewohnt sein doch sie ist nicht automatisch ein Verlust. 
Familie ist kein Automatismus. Sie ist Verantwortung. Und Verantwortung setzt Sicherheit voraus. Man darf sich seine Familie selbst wählen Menschen, bei denen man nicht vorsichtig sein muss. Und wenn man sie gewählt hat, ist man da. Still. Verlässlich. Ohne Bedingungen. 
Vielleicht entsteht aus diesem Gedanken auch der Wunsch nach Ordnung. Nicht aus Starrheit, sondern aus Selbstschutz. Wenn Menschen verlässlich sind, kehren auch Rituale zurück. Ruhe. Eine Form, die trägt.

Denn wie bei den Pilzen gilt auch im Leben: Nicht alles, was nah ist, tut gut. Und nicht alles, was man entfernt, war je ein Verlust. Man darf aussortieren. Leise. Entschlossen. Ohne Drama.

Das ist keine Härte. Das ist Haltung.

Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Aufmerksamkeit. 
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂 

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