WAS ELEGANZ ENTGEGEN STEHT

Veröffentlicht am 12. Mai 2026 um 09:30

Es gibt Eigenschaften, die jeder Mensch entwickeln kann. Kultiviertheit gehört dazu. Sie wird weder vererbt noch mit einem bestimmten Einkommen freigeschaltet, und meines Wissens wird sie auch nicht zusammen mit dem guten Porzellan ausgeliefert. Ein Mensch kann in den bescheidensten Verhältnissen aufmerksam, gepflegt und grosszügig leben; ein anderer kann von den schönsten Dingen umgeben sein und sie behandeln, als wären sie zufällig in seinem Besitz gelandet. Geld erleichtert vieles. Haltung gehört nicht zuverlässig dazu. Doch wenn Kultiviertheit grundsätzlich erlernbar ist, gibt es umgekehrt einige Haltungen, die ihre Entwicklung mit bemerkenswerter Gründlichkeit verhindern. Drei davon begegnen uns besonders häufig: Undankbarkeit, Ungeduld und mangelnde Wertschätzung.

Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.

Beginnen wir mit der Undankbarkeit. Sie ist eine ausgesprochen unattraktive Eigenschaft, nicht weil ein kultivierter Mensch verpflichtet wäre, sein Leben ununterbrochen in seliger Dankbarkeit zu betrachten, sondern weil Undankbarkeit den Blick verengt. Wer ausschliesslich sieht, was fehlt, verliert irgendwann die Fähigkeit, das Vorhandene überhaupt noch wahrzunehmen. Die Wohnung könnte grösser sein. Das Einkommen höher. Der Urlaub länger. Das Essen raffinierter. Die Garderobe vollständiger. Der Partner aufmerksamer. Das Wetter besser. Und selbstverständlich könnte auch der Tee noch etwas heisser sein. Wenn man lange genug sucht, findet sich zuverlässig etwas, das dem vollkommenen Glück im Wege steht. Manche Menschen entwickeln darin eine Professionalität, die in anderen Bereichen ausgesprochen nützlich wäre.

Dankbarkeit bedeutet keineswegs, jeden Zustand hinzunehmen. Man darf mehr wollen. Man darf sich verbessern, umziehen, beruflich weiterkommen, sparen, Pläne machen und von einem anderen Leben träumen. Bescheidenheit ist kein gesellschaftlich akzeptabler Name für Resignation. Wer in einer schlechten Situation lebt, muss sie nicht dankbar umarmen. Aber zwischen dem Wunsch nach Veränderung und der Geringschätzung des Gegenwärtigen liegt ein entscheidender Unterschied. Man kann sich ein grösseres Zuhause wünschen und trotzdem das jetzige sauber halten. Man kann für eine bessere Garderobe sparen und die vorhandenen Kleider pflegen. Man kann von einer Reise träumen und dennoch einen gewöhnlichen Sonntag geniessen. Wer erst dann zufrieden sein möchte, wenn alles seinen Vorstellungen entspricht, hat dem Leben eine ausgesprochen bequeme Möglichkeit gegeben, ihn dauerhaft warten zu lassen.

Undankbarkeit zeigt sich häufig im Umgang mit Selbstverständlichkeiten. Ein Essen steht auf dem Tisch – selbstverständlich. Jemand erledigt eine Aufgabe – selbstverständlich. Ein Partner kümmert sich – selbstverständlich. Ein Freund hört zu – selbstverständlich. Ein Mitarbeiter hilft – selbstverständlich. Erst wenn diese Dinge fehlen, wird ihre Bedeutung plötzlich sichtbar. Das ist eine eigentümliche menschliche Gewohnheit. Wir bemerken einen funktionierenden Wasserhahn kaum, aber ein tropfender kann innerhalb eines Nachmittags zur zentralen Figur unseres Privatlebens werden.

Kultiviertheit verlangt deshalb, das Gewöhnliche nicht mit Bedeutungslosigkeit zu verwechseln. Ein ehrlich gemeintes „Danke“ ist keine grosse Geste. Gerade darin liegt sein Wert. Man bedankt sich nicht nur für aussergewöhnliche Gefälligkeiten, sondern auch für jene kleinen Leistungen, die das Zusammenleben angenehm machen. Für den Kaffee. Für das Offenhalten einer Tür. Für eine Einladung. Für eine Auskunft. Für das Abendessen, selbst wenn man mit der Person, die es gekocht hat, seit fünfzehn Jahren verheiratet ist. Vertrautheit hebt gute Manieren nicht auf. Im Gegenteil: Es wäre eine merkwürdige gesellschaftliche Ordnung, Fremde höflicher zu behandeln als jene Menschen, die täglich mit uns leben müssen.

Die zweite Haltung, die kultiviertem Leben zuverlässig im Wege steht, ist Ungeduld. Unsere Zeit hat sie allerdings hervorragend organisiert. Fast alles soll schneller werden. Essen kommt schneller. Nachrichten kommen sofort. Einkäufe werden am nächsten Tag geliefert. Unterhaltung wartet bereits, bevor wir überhaupt wissen, was wir sehen möchten. Selbst Erholung soll effizient sein. Man entspannt nicht mehr einfach; man optimiert seine Abendroutine. Offenbar darf inzwischen nicht einmal Müdigkeit unproduktiv sein.

Kultiviertes Leben widersetzt sich diesem Tempo an einigen entscheidenden Stellen. Nicht aus Nostalgie und auch nicht, weil Langsamkeit grundsätzlich edler wäre. Wer eine Ambulanz benötigt, wird wenig Interesse an der ästhetischen Würde des gemächlichen Tempos haben. Aber Sorgfalt braucht Zeit. Ein gedeckter Tisch entsteht nicht in derselben Bewegung wie das Abstellen einer Einkaufstasche. Eine gepflegte Wohnung bleibt nicht durch gute Absichten ordentlich. Ein Kleidungsstück hält länger, wenn es gereinigt, ausgebessert und richtig aufbewahrt wird. Ein gutes Gespräch funktioniert schlecht, wenn man währenddessen bereits die nächste Nachricht liest.

Ungeduld zeigt sich besonders deutlich in unserem Verhältnis zu Ergebnissen. Wir möchten anfangen und möglichst bald angekommen sein. Man beginnt, eine Sprache zu lernen, und möchte nach wenigen Wochen fliessend sprechen. Man verändert den eigenen Stil und erwartet, innerhalb eines Monats eine vollkommen ausgereifte Garderobe zu besitzen. Man beginnt, Ordnung zu schaffen, und ist enttäuscht, wenn das Zuhause am Donnerstag noch immer nach einem Zuhause aussieht. Dabei entsteht fast alles, was Bestand hat, durch Wiederholung.

Geschmack entwickelt sich auf dieselbe Weise. Niemand wird kultivierter, weil er an einem Wochenende sämtliche Regeln der Etikette gelesen hat. Wissen kann man sich aneignen; Selbstverständlichkeit braucht Übung. Ein höflicher Ton muss gerade dann erhalten bleiben, wenn man gereizt ist. Ein ordentlicher Haushalt muss auch an einem müden Dienstag geführt werden. Ein Nein muss ausgesprochen werden können, ohne dass drei Seiten Rechtfertigung folgen. Manieren zeigen sich nicht dann, wenn man sich auf sie vorbereitet hat. Sie zeigen sich, wenn man keine Zeit hatte, über sie nachzudenken.

Geduld bedeutet deshalb auch, sich selbst Entwicklung zuzugestehen. Wer etwas verändern möchte, muss nicht am ersten Tag bereits die endgültige Version seiner selbst präsentieren. Diese Vorstellung ist ohnehin ein wenig erschöpfend. Ein Mensch darf lernen. Er darf einen Fehler bemerken und ihn beim nächsten Mal besser machen. Er darf feststellen, dass eine vermeintlich elegante Gewohnheit überhaupt nicht zu ihm passt. Kultiviertheit ist kein Kostüm, das nach einer Checkliste vollständig angelegt wird. Sie wird glaubwürdig, wenn gute Entscheidungen oft genug wiederholt wurden, dass niemand mehr darüber nachdenken muss – am wenigsten man selbst.

Und damit kommen wir zur dritten Haltung: mangelnde Wertschätzung. Sie betrifft Menschen ebenso wie Dinge. Wer Gegenstände achtlos behandelt, Räume verwahrlosen lässt und Gespräche nur halb führt, zeigt nicht zwingend Armut, Zeitmangel oder einen schlechten Geschmack. Häufig zeigt er vor allem, dass dem Vorhandenen wenig Bedeutung zugestanden wird.

Das beginnt bei erstaunlich kleinen Dingen. Ein Mantel wird über einen Stuhl geworfen, obwohl ein Bügel zwei Meter entfernt hängt. Ein Glas bleibt stehen, bis der Inhalt einen eigenen biologischen Forschungsbereich eröffnet. Schuhe werden nicht gepflegt, weil man sie irgendwann ohnehin ersetzt. Ein Möbelstück wird bei der ersten kleinen Beschädigung als verbraucht betrachtet. Nichts davon ist für sich genommen dramatisch. Aber Gewohnheiten summieren sich. Wer Dinge grundsätzlich als jederzeit ersetzbar betrachtet, entwickelt leicht einen Umgang, bei dem Pflege überflüssig erscheint.

Dabei hat Wertschätzung nichts mit dem Preis zu tun. Ein günstiger Pullover verdient nicht weniger Sorgfalt als ein teurer. Ein gebrauchter Tisch kann mit grösserer Achtung behandelt werden als ein neuer. Eine einfache Tasse darf gespült und ordentlich zurückgestellt werden, auch wenn kein Familienwappen darauf prangt. Pflege ist nicht die Verehrung eines Gegenstands. Sie ist die Weigerung, Dinge gedankenlos zu verbrauchen.

Das ist übrigens auch wirtschaftlich ausgesprochen vernünftig. Wer sorgsam mit dem umgeht, was er besitzt, muss weniger häufig ersetzen. Eine Erkenntnis, die erstaunlicherweise manchmal als neue Philosophie verkauft wird, obwohl Generationen vor uns sie unter dem wenig glamourösen Begriff „auf die Sachen achten“ bereits kannten.

Noch wichtiger ist Wertschätzung im Umgang mit Menschen. Aufmerksamkeit ist dort vielleicht ihre reinste Form. Ein Gespräch zu führen, während man fortwährend auf das Telefon blickt, sagt etwas aus, selbst wenn kein unhöfliches Wort fällt. Zu spät zu kommen, ohne Bescheid zu geben, sagt etwas aus. Ein Geschenk entgegenzunehmen, ohne sich richtig zu bedanken, ebenfalls. Nicht jede Form der Geringschätzung ist laut. Manche ist ausgesprochen gut gekleidet.

Ein kultivierter Mensch muss deshalb nicht ständig Komplimente verteilen oder Dankbarkeit aufführen. Übertriebene Wertschätzung wirkt schnell ebenso künstlich wie ihr völliges Fehlen. Nicht jede Tasse Kaffee verlangt eine Dankesrede. Ein einfaches „Vielen Dank“ genügt. Ein Blick genügt. Ein Moment wirklicher Aufmerksamkeit genügt. Gerade das Mass macht die Form glaubwürdig.

Undankbarkeit, Ungeduld und mangelnde Wertschätzung haben dabei etwas gemeinsam: Sie richten den Blick fortwährend weg vom gegenwärtigen Augenblick. Die Undankbarkeit schaut auf das, was fehlt. Die Ungeduld auf das, was noch nicht eingetreten ist. Die mangelnde Wertschätzung behandelt das Vorhandene so, als könne es jederzeit ersetzt werden. Keine dieser Haltungen ist besonders gut darin, das Leben zu bemerken, während es stattfindet.

Vielleicht ist deshalb Aufmerksamkeit der gemeinsame Gegenentwurf.

Wer aufmerksam ist, bemerkt, dass jemand sich Mühe gegeben hat. Er sagt Danke. Wer aufmerksam ist, erkennt, dass manches Zeit benötigt. Er wartet. Wer aufmerksam ist, sieht, dass ein Gegenstand Pflege braucht. Er kümmert sich darum. Das klingt nicht spektakulär. Es ist auch nicht spektakulär. Kultiviertheit leidet ohnehin unter dem Missverständnis, sie müsse ständig eindrucksvoll aussehen.

In Wahrheit ist sie häufig beinahe langweilig zuverlässig.

Sie hängt den Mantel auf. Sie kommt pünktlich. Sie hört zu. Sie bringt ein geliehenes Buch zurück. Sie wischt etwas weg, wenn sie es verschüttet hat. Sie bedankt sich beim Servicepersonal. Sie lässt einen anderen Menschen ausreden. Sie pflegt, was sie besitzt. Sie wartet, wenn Warten angemessen ist. Und sie muss daraus anschliessend keine Charakterstudie über sich selbst veröffentlichen.

Gerade diese stillen Gewohnheiten verändern einen Alltag. Nicht sofort und nicht dramatisch. Ein einzelnes Dankeschön macht noch keinen kultivierten Menschen. Ein geduldig geführtes Gespräch ebenfalls nicht. Aber Charakter entsteht selten aus einzelnen grossen Augenblicken. Er entsteht aus der Summe kleiner Reaktionen, besonders jener, für die niemand applaudiert.

Deshalb sollte man Kultiviertheit vielleicht weniger als Stil betrachten und mehr als eine Form innerer Ordnung. Sie fragt nicht zuerst: Wie wirke ich? Sie fragt: Wie gehe ich mit dem um, was mir anvertraut ist? Mit meiner Zeit. Mit meinen Dingen. Mit anderen Menschen. Mit meinem eigenen Zuhause. Mit Möglichkeiten, die ich habe, und Grenzen, die ich nicht ändern kann.

Das verlangt eine gewisse Strenge. Nicht jene unangenehme Strenge, die jeden Fehler registriert und andere Menschen fortwährend korrigiert. Sondern die stille Strenge, sich selbst nicht jede Nachlässigkeit als belanglose Kleinigkeit durchgehen zu lassen. Man kann müde sein und trotzdem Danke sagen. Man kann es eilig haben und trotzdem die Tür für den Menschen hinter sich nicht ins Schloss fallen lassen. Man kann wenig besitzen und das Wenige ordentlich behandeln.

Gleichzeitig braucht diese Strenge etwas Liebliches. Kultiviertheit ohne Wärme wird schnell zu einer Sammlung tadelloser Regeln, in deren Nähe niemand besonders gern sitzen möchte. Ein vollkommen gedeckter Tisch ist wertlos, wenn sich die Gäste daran unwohl fühlen. Ein makelloses Zuhause verliert seinen Reiz, wenn jeder Besucher Angst vor einem verrutschten Kissen haben muss. Ein Mensch kann sämtliche Formen beherrschen und dennoch vergessen, wozu sie eigentlich dienen.

Gute Form soll das Leben angenehmer machen. Für uns und für andere.

Vielleicht ist das der einfachste Massstab. Undankbarkeit macht das Vorhandene kleiner. Ungeduld macht den Augenblick lästig. Achtlosigkeit macht Dinge und Menschen austauschbar. Aufmerksamkeit tut das Gegenteil. Sie gibt Gewicht, ohne Schwere zu erzeugen.

Man muss dafür weder reich noch besonders gebildet sein. Man benötigt kein bestimmtes Zuhause, keine kostspielige Garderobe und keinen gesellschaftlichen Stammbaum, der bis zu Menschen zurückreicht, die auf Ölgemälden ausgesprochen ernst in die Ferne sehen. Man benötigt die Bereitschaft, hinzusehen.

Ein Dankeschön, das ehrlich gemeint ist. Ein Moment Geduld, obwohl man lieber drängeln würde. Ein Gegenstand, der gepflegt statt gedankenlos ersetzt wird. Ein Mensch, dem man zuhört, obwohl das eigene Telefon gerade aufleuchtet.

Das sind Kleinigkeiten. Und genau deshalb zählen sie.

Denn Kultiviertheit beginnt nicht dort, wo ein Mensch besonders viel besitzt oder besonders viel weiss. Sie beginnt dort, wo er aufhört, das Vorhandene für selbstverständlich zu halten.

Dass Sie sich die Ruhe genommen haben, bis zu diesen Zeilen zu lesen, möchte ich nicht als selbstverständlich betrachten. Zeit und ungeteilte Aufmerksamkeit sind kostbarer geworden, gerade weil so vieles gleichzeitig danach verlangt. Umso herzlicher danke ich Ihnen dafür, dass Sie beides für einige Minuten diesem Schreibstück überlassen haben. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen heute etwas Gewöhnliches auffällt, das längst ein wenig mehr Wertschätzung verdient hätte.

Bis zum nächsten Schreibstück. Seien Sie anspruchsvoll in Ihren Massstäben – und grosszügig in Ihrer Dankbarkeit.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂

 

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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.