Man erkennt Erziehung nicht am Etikett der Flasche, sondern an der Hand, die das Glas führt. Ein ausserordentlich teurer Wein gewinnt gesellschaftlich wenig, wenn sein Glas behandelt wird wie ein Bierkrug auf dem letzten Dorffest. Umgekehrt kann selbst ein schlichtes Glas Wasser vollkommen selbstverständlich und gepflegt wirken, wenn die Bewegung ruhig ist. Das ist überhaupt eine der angenehmeren Eigenschaften guter Umgangsformen: Sie interessieren sich erstaunlich wenig dafür, wie viel etwas gekostet hat. Ein Glas ist kein Griff, sondern ein Instrument. Es verlangt Haltung, nicht Zugriff.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Beginnen wir mit dem Weinglas, jenem Gegenstand, der bei gesellschaftlichen Anlässen erstaunlich viel Unsicherheit auslösen kann, obwohl seine Konstruktion bereits einen recht deutlichen Hinweis enthält. Ein klassisches Weinglas besitzt einen Kelch, einen Stiel und einen Fuss. Der Stiel ist dabei keineswegs eine dekorative Laune des Glasdesigners. Er ermöglicht es, das Glas zu halten, ohne den Kelch ständig mit der warmen Hand zu umschliessen. Das ist besonders bei Weisswein und anderen gekühlt servierten Weinen sinnvoll. Zudem bleibt der Kelch weitgehend frei von Fingerabdrücken, was erfreulicherweise verhindert, dass ein sorgfältig poliertes Glas nach wenigen Minuten aussieht, als sei es Teil einer kriminaltechnischen Untersuchung.
Das Weinglas wird deshalb am Stiel gehalten, ruhig und ohne besondere Inszenierung. Daumen und Finger führen es locker; welche Finger dabei genau unterstützen, ist weniger entscheidend als die Tatsache, dass das Glas sicher und natürlich in der Hand liegt. Man muss daraus keine feinmotorische Prüfung machen. Wer während eines Gesprächs fortwährend überprüft, ob der Mittelfinger exakt den gesellschaftlich vorgesehenen Millimeter des Stiels berührt, hat den Sinn der Sache bereits verloren. Gute Form soll Sicherheit schaffen, nicht Beschäftigung.
Ebenso unnötig ist es, das Glas demonstrativ möglichst weit unten am Fuss zu balancieren, als nähme man gerade an einer Prüfung für fortgeschrittene Sommeliers teil. Fachleute können Gläser aus bestimmten Gründen am Fuss oder sehr tief am Stiel halten; beim gesellschaftlichen Abendessen genügt eine natürliche Handhabung am Stiel vollkommen. Eleganz zeigt sich selten darin, die komplizierteste mögliche Variante einer einfachen Bewegung zu wählen.
Rotwein wird übrigens nicht plötzlich zum Handwärmer, nur weil er wärmer serviert wird als Weisswein. Auch hier ist der Stiel vorhanden und darf benutzt werden. Selbstverständlich wird kein gesellschaftlicher Zusammenbruch eintreten, wenn jemand den Kelch einmal berührt. Etikette ist kein Überwachungssystem. Entscheidend ist die Gewohnheit: Das Glas wird geführt, nicht umfasst. Man hält es nicht mit beiden Händen fest, man spielt nicht fortwährend daran und man lässt es auch nicht während eines Gesprächs wie ein Requisit durch die Luft wandern. Wer beim Erzählen grosse Gesten benötigt, sollte das Weinglas vorher abstellen. Tischwäsche besitzt ein bemerkenswert langes Gedächtnis für Cabernet Sauvignon.
Beim Champagner- oder Schaumweinglas gilt derselbe Grundgedanke. Ob Flûte, Tulpe oder Coupe: Besitzt das Glas einen Stiel, wird dieser benutzt. Gerade Schaumwein wird kühl serviert, weshalb eine warme Hand am Kelch wenig hilfreich ist. Darüber hinaus wirkt ein locker am Stiel gehaltenes Glas schlicht ruhiger. Und Ruhe ist bei Getränken mit Kohlensäure ohnehin eine Tugend.
Beim Anstossen wird daraus gern eine kleine gesellschaftliche Aufführung. Gläser werden erhoben, Menschen lehnen sich quer über den Tisch, irgendwo versucht jemand gleichzeitig sechs Personen zu erreichen, und plötzlich klingt der Abend, als werde in einer Glaserei Inventar vernichtet. Das ist nicht erforderlich. Ein sanfter Kontakt genügt, sofern überhaupt angestossen wird. In einer grösseren Runde muss man nicht jedes Glas persönlich erreichen. Man hebt das eigene Glas leicht in Richtung der anderen und widmet ihnen kurz seine Aufmerksamkeit. Blickkontakt ist dabei eine schöne und in vielen deutschsprachigen Gesellschaften fest verankerte Geste; man muss daraus jedoch keine starre Prüfung machen, bei der ein verpasster Blick angeblich jahrelanges Unglück nach sich zieht. Die Etikette ist streng genug. Wir müssen ihr keine Folklore als Strafgesetzbuch hinzufügen.
Auch beim Trinkspruch gilt: Das Glas bleibt ein Glas und wird nicht zum Schlaginstrument. „Zum Wohl“, „Prost“ oder ein anderer passender Trinkspruch genügt. Wer einen besonderen Anlass würdigen möchte, darf selbstverständlich einige Worte sagen. Doch ein spontaner Toast sollte nicht die Länge einer parlamentarischen Debatte erreichen. Der Champagner wird sonst warm, bevor die Ehe, der Geburtstag oder der berufliche Erfolg ausreichend gewürdigt wurde.
Das Wasserglas verlangt weniger technische Aufmerksamkeit, aber nicht weniger Ruhe. Besitzt es keinen Stiel, wird es am unteren oder mittleren Bereich gefasst und nicht dort, wo der Mund ansetzt. Das ist nicht nur eine Frage der Erscheinung, sondern auch der Sauberkeit. Der obere Rand gehört dem Trinken und muss nicht zuvor ausgiebig von den Fingern erkundet werden. Auch hier gilt: sicher halten, zum Mund führen, trinken, abstellen. Vier ausgesprochen unspektakuläre Schritte. Gerade deshalb erstaunt es, wie viele kleine Nebendarsteller manche Menschen daraus entwickeln.
Der kleine Finger gehört übrigens nicht dazu. Er bleibt dort, wo die Natur ihn vorgesehen hat: bei den übrigen Fingern. Das demonstrative Abspreizen des kleinen Fingers ist keine Verfeinerung der Bewegung, sondern eher eine Karikatur davon. Eleganz besitzt keine Antenne. Weder am Wasserglas noch an der Teetasse muss ein Finger anzeigen, dass gerade etwas besonders Kultiviertes geschieht.
Bei der Teetasse wird diese kleine Frage geradezu legendär. Der Henkel wird leicht zwischen Daumen und Zeigefinger geführt; je nach Form und Grösse der Tasse kann ein weiterer Finger stabilisieren. Entscheidend ist wiederum nicht eine starre Fingerchoreografie, sondern eine ruhige, sichere Bewegung. Die Tasse wird nicht mit der ganzen Hand umklammert, sofern sie einen dafür vorgesehenen Henkel besitzt. Und der kleine Finger bleibt unauffällig. Wer ihn weit von der Hand entfernt, wirkt nicht wie eine Herzogin beim Afternoon Tea, sondern wie jemand, der sehr angestrengt versucht, sich an eine Szene aus einem Kostümfilm zu erinnern.
Die Tasse wird zum Mund geführt. Der Oberkörper muss ihr nicht entgegenkommen, als fände auf halber Strecke eine dringende diplomatische Begegnung statt. Man sitzt aufrecht, hebt die Tasse ruhig an und trinkt ohne Schlürfen. Auch nach dem Trinken ist keine akustische Bewertung des Getränks erforderlich. Ein zufriedenes Gesicht genügt. Tee benötigt kein „Aaah“, um zu wissen, dass er gelungen ist.
Ist eine Untertasse vorhanden und sitzt man an einem Tisch, bleibt sie in der Regel dort. Man hebt die Tasse an und stellt sie anschliessend wieder auf die Untertasse. Befindet man sich dagegen ohne Tisch im Raum oder steht bei einem Empfang, kann die Untertasse gemeinsam mit der Tasse gehalten werden. Sie hat schliesslich einen praktischen Zweck und wurde nicht ausschliesslich erfunden, damit Porzellanhersteller ein zweites Stück verkaufen können. Der Löffel wiederum bleibt nach dem Umrühren nicht in der Tasse. Er wird leise auf die Untertasse gelegt. Eine Teetasse mit herausragendem Löffel ist nicht nur wenig elegant, sondern beim Trinken auch eine erstaunlich effiziente Möglichkeit, sich selbst ins Gesicht zu stechen.
Auch beim Umrühren darf Zurückhaltung herrschen. Tee und Kaffee müssen nicht geschlagen werden, als habe die Flüssigkeit persönlich etwas gegen uns unternommen. Eine ruhige Bewegung genügt. Klirrt der Löffel dabei ununterbrochen gegen die Tasse, wird aus der Teepause schnell ein kleines Schlagzeugsolo. Zucker löst sich auch ohne öffentliche Begleitmusik.
Die Frage, ob bei schwarzem Tee zuerst Milch oder zuerst Tee eingegossen wird, hat mehr gesellschaftliche Energie verbraucht, als eine Flüssigkeitsreihenfolge vernünftigerweise beanspruchen dürfte. Historisch existieren unterschiedliche britische Gewohnheiten und Erklärungen. Wer den Tee zuerst eingiesst, kann Stärke und Farbe leichter beurteilen und anschliessend die Milch dosieren. Andere Traditionen pflegen die umgekehrte Reihenfolge. Daraus eine Charakterprüfung zu machen, wäre etwas übertrieben. Wer guten Tee zubereitet, ihn ordentlich serviert und seinen Gästen keine Vorlesung über deren Milchreihenfolge hält, hat bereits sehr viel richtig gemacht.
Überhaupt ist dies ein wichtiger Punkt: Tischkultur sollte Menschen Sicherheit geben und nicht dazu dienen, sie bei Fehlern zu ertappen. Wer weiss, wie ein Glas gehalten wird, besitzt deshalb noch keinen Auftrag, während eines Abendessens die Hände sämtlicher Gäste zu kontrollieren. Nichts ist unkultivierter als ein Mensch, der seine Manieren hauptsächlich dazu benutzt, die vermeintlich schlechteren Manieren anderer zu entdecken. Ein guter Gastgeber korrigiert einen Gast nicht öffentlich, weil dieser sein Weinglas am Kelch angefasst hat. Das Glas wird es überleben. Der Gast sollte den Abend ebenfalls überleben dürfen.
Dasselbe gilt für Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Beim Halten eines Glases oder einer Tasse gibt es keinen vernünftigen Grund für zwei verschiedene Systeme. Der Wein ändert seine Temperatur nicht aufgrund des Geschlechts der Hand, und auch eine Teetasse besitzt diesbezüglich erfreulich moderne Ansichten. Damen und Herren profitieren gleichermassen von einer ruhigen, kontrollierten Bewegung. Kultur kennt hier keinen Unterschied.
Was sich unterscheiden kann, ist allenfalls der persönliche Ausdruck. Ein Mensch bewegt sich von Natur aus lebhafter, ein anderer zurückhaltender. Das ist vollkommen in Ordnung. Gute Manieren verlangen keine Gleichförmigkeit. Ein Herr muss nicht steif werden, um gepflegt zu wirken, und eine Dame muss ihre Bewegungen nicht künstlich verkleinern, um als elegant zu gelten. Beide sollten lediglich vermeiden, aus dem Trinken eine Aufführung zu machen. Theatralik ist selten ein Ersatz für Haltung.
Dazu gehört auch, zu wissen, wann das Glas abgestellt wird. Man muss es während eines gesamten Gesprächs nicht in der Hand behalten. Wer nicht trinkt, stellt es ab. Wer gestikulieren möchte, stellt es ebenfalls ab. Wer jemandem die Hand geben möchte, findet vorher einen Platz dafür. Ein Glas, das ständig mitgeführt wird, entwickelt sonst eine merkwürdige gesellschaftliche Bedeutung, als müsse sein Besitzer beweisen, dass er tatsächlich eingeladen wurde.
Und selbstverständlich gehört zur Etikette des Glases auch die Selbstbeherrschung beim Inhalt. Der eleganteste Griff verliert einen gewissen Teil seiner Wirkung, wenn nach dem vierten Glas die Lautstärke steigt und die Urteilsfähigkeit sinkt. Tischkultur endet nicht am Glasrand. Zu wissen, wann genug ist, gehört ebenso dazu wie zu wissen, wo man das Glas anfasst. Das gilt für Alkohol in besonderem Masse, doch der Grundgedanke ist grösser: Genuss braucht kein Übermass, um erkennbar zu sein.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion eines so unscheinbaren Gegenstands. Ein Glas zwingt uns für einen Augenblick zu einer bewussten Bewegung. Wir greifen nicht einfach zu, sondern führen. Wir heben, trinken und stellen wieder ab. Keine dieser Bewegungen ist bedeutend. Aber zusammengenommen erzählen sie etwas über unsere Art, mit Dingen und Situationen umzugehen.
Ein Gefäss korrekt zu halten bedeutet deshalb nicht, aristokratisch wirken zu wollen. Wer dabei an Aristokratie denkt, gibt dem armen Weinglas ohnehin etwas zu viel gesellschaftliche Verantwortung. Es bedeutet schlicht, die eigene Bewegung unter Kontrolle zu haben, Gegenstände ihrem Zweck entsprechend zu benutzen und eine gewisse Ruhe zu bewahren. Mehr verlangt gute Form häufig gar nicht.
Denn Eleganz zeigt sich nicht allein darin, was im Glas ist. Sie zeigt sich darin, dass die Hand darum kein Aufheben macht.
Dass Sie sich für dieses Schreibstück Zeit genommen haben, möchte ich heute nicht mit einem flüchtigen „Danke für Ihre Aufmerksamkeit“ abtun. Sie haben einige Minuten hier verbracht, gelesen, vielleicht zwischendurch tatsächlich nach Ihrer Tasse gegriffen und hoffentlich den kleinen Finger dort gelassen, wo er hingehört. Diese Form von Aufmerksamkeit ist ein Geschenk, und ich weiss sie sehr zu schätzen. Möge Ihr nächstes Glas Ihnen vor allem eines bereiten: Genuss – ohne dass Sie währenddessen über die Position Ihrer Finger nachdenken müssen. Dann hat die Etikette ihren Zweck erfüllt.
Falls Sie unsere kleine Tischgesellschaft auch nach dem letzten Schluck noch nicht verlassen möchten, finden Sie am unteren Ende dieser Seite den Rundbrief. Dort treffen neue Schreibstücke und gelegentliche Gedanken in Ihrem Postfach ein – in vernünftigen Abständen und ohne darauf zu bestehen, dass Sie dafür das gute Porzellan hervorholen.
Bis zum nächsten Schreibstück. In diesem Sinne: zum Wohl. Und halten Sie das Glas ruhig – nicht die Gesellschaft in Atem.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.