Es ist erstaunlich, wie sorgfältig Menschen ihr Geld verdienen – und wie beiläufig sie es anschliessend ausgeben. Für das Einkommen stehen wir morgens auf, arbeiten Stunden, lösen Probleme, beantworten Nachrichten, tragen Verantwortung und tauschen einen beträchtlichen Teil unserer Lebenszeit gegen eine Zahl auf einem Konto. Beim Ausgeben derselben Zahl genügen dagegen manchmal zwölf Sekunden, ein hübsches Bild und ein kleiner Knopf mit der Aufschrift „Jetzt kaufen“. Eine bemerkenswerte Verkürzung des Entscheidungsprozesses. Besonders, wenn man bedenkt, dass die achtzig Franken, die eben beinahe gedankenlos verschwunden sind, zuvor keineswegs gedankenlos verdient wurden.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Ein Betrag wird überwiesen, eine Karte aufgelegt, ein Klick bestätigt. Die Sache scheint damit erledigt. Tatsächlich beginnt die interessantere Betrachtung erst dort. Denn Geld auszugeben ist niemals nur ein technischer Vorgang. Es ist eine Entscheidung darüber, was uns etwas wert ist. Wir bezahlen für einen Gegenstand, eine Dienstleistung, Bequemlichkeit, Qualität, Unterhaltung oder schlicht für die Befriedigung eines augenblicklichen Wunsches. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches. Geld darf ausgegeben werden. Es wurde nicht erfunden, um ein möglichst langes und ereignisloses Leben auf einem Bankkonto zu führen.
Nur wäre es vernünftig, gelegentlich zu wissen, wofür wir es ausgeben.
Denn mit einem Kauf erwerben wir nicht nur etwas. Wir geben auch einem Anbieter Umsatz und damit – je nach Produkt und Lieferkette mehr oder weniger direkt – einem bestimmten Geschäftsmodell unsere wirtschaftliche Zustimmung. Wir entscheiden uns für eine Art der Herstellung, des Verkaufs und des Umgangs mit Qualität. Das bedeutet nicht, dass wir vor dem Kauf einer Zahnbürste eine internationale Lieferkettenkommission einberufen müssen. Ein kultivierter Alltag sollte immer noch bewohnbar bleiben. Aber zwischen vollständiger Gleichgültigkeit und stundenlanger Recherche liegt ein erfreulich vernünftiges Gebiet.
Dort beginnt bewusstes Kaufen.
Unsere Gegenwart macht dieses Bewusstsein nicht gerade einfacher. Kaufen wurde von beinahe allen kleinen Hindernissen befreit, die früher wenigstens eine kurze Bedenkzeit erzwangen. Man musste einmal ein Geschäft betreten, etwas ansehen, nachfragen, bezahlen und den Gegenstand nach Hause tragen. Heute kann zwischen „Das sieht hübsch aus“ und „Bestellung bestätigt“ weniger Zeit liegen, als ein vernünftiger Mensch benötigt, um eine Tasse Tee ziehen zu lassen.
Das ist bequem. Bequemlichkeit ist auch nicht grundsätzlich verdächtig. Ich möchte gewiss nicht in eine Zeit zurückkehren, in der jede Kleinigkeit einen halben Tagesausflug verlangte. Doch Bequemlichkeit verändert unser Verhalten. Je leichter eine Handlung wird, desto weniger Anlass besteht, über sie nachzudenken.
Genau deshalb landen Dinge in unseren Häusern, für die wir wenige Wochen später kaum noch eine Erklärung besitzen.
Ein weiterer Pullover, obwohl bereits genügend vorhanden sind. Eine Küchenhilfe für eine Tätigkeit, die bisher mit einem Messer erstaunlich erfolgreich bewältigt wurde. Dekoration, die hervorragend zu einer Jahreszeit passt und anschliessend elf Monate lang Lagerfläche beansprucht. Ein Pflegeprodukt, das irgendein Problem lösen soll, von dessen Existenz wir drei Minuten vor der Werbung noch nichts wussten.
Der einzelne Kauf wirkt unbedeutend. Zwanzig Franken hier, dreissig dort. Gerade kleine Beträge besitzen die angenehme Eigenschaft, harmlos auszusehen. Sie treten nicht wie grosse finanzielle Entscheidungen auf. Sie kommen freundlich, einzeln und meist mit kostenlosem Versand.
In der Summe können sie allerdings ausgesprochen gesellig werden.
Ein kultivierter Umgang mit Geld bedeutet deshalb für mich nicht in erster Linie, möglichst wenig auszugeben. Sparsamkeit kann vernünftig sein, ist aber nicht automatisch kultiviert. Wer grundsätzlich nur das Billigste kauft und einen Gegenstand deshalb dreimal ersetzt, hat möglicherweise weniger pro Einkauf bezahlt und trotzdem keine besonders kluge Entscheidung getroffen. Umgekehrt wird ein Kauf nicht vernünftig, nur weil er teuer war. Ein hoher Preis ist kein amtlicher Qualitätsnachweis.
Bewusst auszugeben bedeutet vielmehr, zwischen Preis und Wert unterscheiden zu lernen.
Was brauche ich tatsächlich? Wie häufig werde ich es benutzen? Besitze ich bereits etwas, das denselben Zweck erfüllt? Ist die Qualität angemessen? Kann es gepflegt oder repariert werden? Passt es zu meinem wirklichen Leben – nicht zu jenem Leben, das ich für ungefähr vier Minuten führen möchte, nachdem ich ein sehr überzeugendes Bild gesehen habe?
Diese letzte Frage ist gefährlich nützlich.
Wir kaufen nämlich erstaunlich häufig nicht für unser gegenwärtiges Leben, sondern für eine imaginierte Version davon. Die Person, die dieses Kleid kauft, wird selbstverständlich häufiger ausgehen. Die Person mit diesem Notizbuch wird endlich vollkommen organisiert sein. Der neue Servierwagen wird gesellschaftliche Abende hervorbringen, die bisher offenbar nur am fehlenden Servierwagen gescheitert sind. Und mit der richtigen Sportausrüstung wird aus einem Menschen, der Bewegung bisher eher theoretisch befürwortet hat, vermutlich bis Donnerstag eine Athletin.
Manchmal funktioniert das sogar. Ein guter Gegenstand kann eine Gewohnheit unterstützen. Nur sollte man ihn nicht mit der Gewohnheit selbst verwechseln.
Auch die Herkunft eines Produkts darf Teil der Entscheidung sein. Wer stellt es her? Wo wurde es gefertigt? Ist nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen? Gibt es eine regionale Alternative? Ein kleineres Geschäft? Einen Hersteller, dessen Qualität man bereits kennt? Ist der Gegenstand darauf ausgelegt, länger zu bleiben, oder wirkt er schon beim Kauf wie der zukünftige Inhalt einer Entsorgungstasche?
Nicht jede dieser Fragen lässt sich zuverlässig beantworten. Lieferketten sind komplex, Unternehmensangaben nicht immer vollständig, und selbst bei sorgfältigem Einkauf wird niemand sämtliche Auswirkungen jedes einzelnen Kaufs kennen. Es wäre deshalb etwas selbstgefällig, aus dem eigenen Einkaufsverhalten eine moralische Reinheitsprüfung zu machen.
Wir wollen bewusster konsumieren, nicht an der Supermarktkasse Heiligsprechungen durchführen.
Auch „regional“ ist nicht automatisch ein Qualitätssiegel für alles. Ein lokales Produkt kann ausgezeichnet sein oder mittelmässig. Ein grosses Unternehmen kann in bestimmten Bereichen gute Standards haben, ein kleines schlechte. Herkunft allein beantwortet nicht jede Frage. Aber sie stellt eine Frage – und das ist bereits mehr, als beim gedankenlosen Zugreifen geschieht.
Wo eine regionale oder kleinere Alternative sinnvoll, qualitativ überzeugend und finanziell tragbar ist, kann es sehr befriedigend sein, sie zu wählen. Nicht weil jeder Einkauf zu einer politischen Erklärung werden muss, sondern weil Geld reale Beziehungen schafft. Das Geschäft im Ort bleibt nur bestehen, wenn Menschen dort tatsächlich einkaufen. Der Handwerksbetrieb lebt nicht von wohlwollenden Gedanken. Und ein Unternehmen, dessen Produkte lange benutzt werden, erhält durch unseren Kauf ein anderes Signal als eines, dessen Geschäftsmodell davon lebt, dass wir möglichst schnell wiederkommen müssen, weil das erste Produkt bereits aufgegeben hat.
Dabei darf man selbstverständlich das eigene Budget nicht vergessen. Bewusstes Einkaufen darf niemals zur Beschämung von Menschen werden, die weniger Auswahl haben. Wer jeden Franken umdrehen muss, kann nicht bei jedem Einkauf die idealste ethische, regionale und langlebigste Variante wählen. Manchmal entscheidet der Preis. Manchmal entscheidet die Verfügbarkeit. Manchmal braucht man etwas heute und nicht nach einer zweiwöchigen Recherche über die Unternehmensgeschichte des Herstellers.
Kultiviertheit zeigt sich auch darin, die Lebensrealität anderer Menschen nicht vom eigenen Einkaufswagen aus zu beurteilen.
Gerade deshalb gefällt mir ein anderer Gedanke besser als moralische Perfektion: Behandle dein Geld als verdichtete Lebenszeit.
Denn in gewisser Weise ist es genau das. Hinter einem Einkommen stehen Stunden. Mühe. Können. Konzentration. Vielleicht frühes Aufstehen, ein langer Arbeitsweg, körperliche Belastung oder Verantwortung. Selbst Geld, das nicht unmittelbar aus Erwerbsarbeit stammt, besitzt Möglichkeiten: Was wir für eine Sache ausgeben, steht für eine andere nicht mehr zur Verfügung.
Plötzlich sieht ein unnötiger Kauf etwas anders aus.
Nicht dramatisch. Man muss nicht bei jedem Kaffee berechnen, wie viele Minuten Lebenszeit er gekostet hat. Das wäre eine hervorragende Methode, sich jede kleine Freude gründlich zu verderben. Geld ist schliesslich auch dazu da, das Leben angenehmer zu machen. Ein Kaffee im Café kann seinen Preis vollkommen wert sein. Ein Blumenstrauss ebenso. Ein Lippenstift, ein Buch oder ein gutes Essen müssen keinen jahrzehntelangen Nutzwert besitzen, um berechtigte Ausgaben zu sein.
Wert ist nicht dasselbe wie Haltbarkeit.
Ein Konzert ist nach einigen Stunden vorbei und kann trotzdem wertvoller gewesen sein als ein Gegenstand, der zehn Jahre im Schrank liegt. Ein Kuchen ist ausgesprochen vergänglich und hat dennoch schon manchem Nachmittag mehr gedient als eine dauerhafte Dekoration. Bewusstes Ausgeben bedeutet nicht, nur noch Dinge zu kaufen, die vererbt werden können.
Es bedeutet, zu wissen, weshalb man bezahlt.
Vielleicht ist die Antwort: weil es mir Freude macht.
Das darf genügen.
Aber dann sollte es tatsächlich Freude sein und nicht bloss der kurze Reiz des Kaufens. Zwischen beidem liegt ein erheblicher Unterschied. Genuss bleibt häufig noch bestehen, nachdem bezahlt wurde. Der Kaufreiz braucht bald den nächsten Kauf.
Wer diesen Unterschied bei sich beobachtet, lernt viel über das eigene Verhältnis zu Geld.
Eine kleine Pause vor einer Ausgabe kann deshalb erstaunlich wirksam sein. Bei alltäglichen Dingen reichen Sekunden. Bei nicht notwendigen Anschaffungen vielleicht ein Tag oder einige Tage. Nicht als starre Regel, sondern als Unterbrechung des Reflexes. Liegt der Gegenstand morgen noch immer richtig? Gibt es bereits etwas Vergleichbares zu Hause? Würde ich ihn auch kaufen, wenn niemand ihn sehen würde? Würde ich denselben Betrag dafür ausgeben, wenn ich bar bezahlen müsste?
Die letzte Frage ist besonders interessant. Zahlen auf einem Bildschirm besitzen eine gewisse Eleganz der Abstraktion. Bargeld dagegen hat die unangenehme Angewohnheit, sichtbar zu verschwinden.
Und dann gibt es noch eine Form des bewussten Ausgebens, über die erstaunlich wenig gesprochen wird: das Pflegen nach dem Kauf.
Wer Qualität kauft und sie anschliessend achtlos behandelt, hat nur die Hälfte des Gedankens verstanden. Gute Schuhe müssen gepflegt werden. Kleidung richtig gewaschen. Möbel vernünftig benutzt. Geräte gewartet. Ein hochwertiger Gegenstand ist keine magische Lebensform, die sich allein aufgrund ihres Kaufpreises selbst erhält.
Manchmal ist die kultivierteste Kaufentscheidung deshalb gar kein Kauf.
Die Schuhe können repariert werden. Der Mantel braucht vielleicht nur eine Reinigung. Das Möbelstück könnte mit etwas Pflege wieder ausgezeichnet aussehen. Der vorhandene Gegenstand funktioniert noch, obwohl ein neuer gerade etwas hübscher beworben wird. Nicht jede Neuheit ist eine Verbesserung. Manche ist lediglich neu – eine Eigenschaft, die sich bekanntermassen von selbst erledigt.
Diese Haltung verändert auch den Blick auf Besitz. Man kauft weniger austauschbar. Dinge bekommen eine längere Geschichte. Man weiss vielleicht noch, woher ein Stück stammt, weshalb man es gewählt hat und warum es bleiben durfte. Das Zuhause füllt sich langsamer, aber mit grösserer Absicht.
Und damit sind wir wieder beim Geld.
Es geht nicht darum, geizig zu werden. Geiz ist nicht kultivierter als Verschwendung; er trägt lediglich andere Schuhe. Wer bei jeder Ausgabe leidet, jeden Preis kommentiert und Grosszügigkeit grundsätzlich als finanziellen Fehler betrachtet, hat ebenfalls kein besonders freies Verhältnis zu Geld.
Geld soll dienen.
Aber gerade deshalb sollte man ihm eine Richtung geben.
Für Qualität, wo Qualität zählt. Für Menschen und Unternehmen, deren Arbeit man unterstützen möchte, soweit man es beurteilen kann und es sich leisten kann. Für Dinge, die gebraucht werden. Für Erlebnisse, die wirklich Freude machen. Für kleine Schönheiten, die den Alltag bereichern. Für Reparatur statt reflexhaften Ersatz. Und gelegentlich auch für etwas vollkommen Unvernünftiges, das man bewusst gewählt hat und von Herzen geniesst.
Bewusstheit darf schliesslich Freude nicht aus dem Haus werfen.
Vielleicht liegt darin die kultivierteste Form des Konsums: weder jedem Wunsch sofort nachzugeben noch sich jeden Wunsch grundsätzlich zu verbieten. Hinsehen. Abwägen. Entscheiden. Bezahlen. Und danach nicht bereits nach dem Nächsten suchen.
Denn wer sein Geld sorgfältig verdient, darf es durchaus mit Freude ausgeben.
Er sollte nur nicht achtlos damit umgehen.
Nicht jeder Kauf muss eine grosse moralische Entscheidung sein. Aber jeder Kauf darf wenigstens eine bewusste sein. Manchmal führt diese kurze Aufmerksamkeit zum regionalen Geschäft. Manchmal zu einem besseren Produkt. Manchmal zur Reparatur. Manchmal zum günstigeren Gegenstand, weil er vollkommen genügt.
Und manchmal führt sie zu der elegantesten aller Kaufentscheidungen:
Nein, danke. Ich brauche es nicht.
Dass Sie diesen Gedanken bis hierher begleitet haben, bedeutet mir viel. Sie haben gerade etwas eingesetzt, das sich – anders als Geld – nicht zurückverdienen lässt: einen Teil Ihrer Zeit. Gerade deshalb möchte ich Ihnen heute dafür danken, dass Sie ihn Lavin Classy überlassen haben. Ich hoffe, dieses Schreibstück verlangt bei Ihrem nächsten Einkauf nicht nach moralischer Vollkommenheit, sondern lediglich nach jenem kurzen Augenblick Klarheit, in dem aus einem Reflex wieder eine Entscheidung wird.
Wenn Sie Lavin Classy auch zwischen zwei Besuchen in der Bibliothek bei sich haben möchten, wartet am Seitenende der Rundbrief auf Sie. Er kostet erfreulicherweise nichts – ausser einigen Minuten zum Lesen, und mit denen möchte ich weiterhin sorgfältig umgehen.
Bis zum nächsten Schreibstück. Geben Sie Ihr Geld ruhig aus. Aber lassen Sie es wenigstens wissen, weshalb es gehen muss.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.