Hitze ist unerquicklich. Sie nimmt dem Tag die Kontur, dem Gesicht die Frische und der Geduld bisweilen den letzten Rest guten Willens.
Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich ein Glas Wasser mit Eis bereit und nehmen Sie Platz.
An sehr warmen Tagen versteht man plötzlich, weshalb Menschen versucht sind, in der Öffentlichkeit Dinge zu tun, die man bei vernünftiger Temperatur niemals erwägen würde: entkleidet herumzulaufen, Eis hastig hinunterzuschlingen oder einen Brunnen mit einer persönlichen Trinkquelle zu verwechseln. Gerade deshalb ist die Hitze ein erstaunlich guter Test für Haltung.
Kultiviertheit zeigt sich nicht darin, die Hitze heroisch zu ignorieren. Das wäre bloß kleinlich. Sie zeigt sich darin, Erleichterung zu suchen, ohne sich dabei gehen zu lassen. Man kleidet sich leichter, aber nicht nachlässig. Luftige Stoffe, helle Farben, gelockerte Schnitte. Der Körper darf gekühlt werden, ohne der gesamten Umgebung zur Kenntnis gebracht zu werden.
Auch beim Trinken und Essen gilt Maß. Wasser in kleinen, ruhigen Zügen wirkt zivilisierter als jede panische Rettungsaktion an der nächsten Flasche. Eis darf erfreuen, aber bitte in einer Form, die noch nach Haltung aussieht. Man isst es mit dem Löffel, nicht indem man es vom Biskuit leckt, als habe man seit Tagen nichts Anständiges mehr gesehen. Und es ist auch kein Wettkampf gegen das Schmelzen. Wer in der Öffentlichkeit aussieht, als ringe er um sein Überleben, hat mit der Temperatur bereits verloren.
Am schnellsten kühlt man sich dort, wo es still geschieht: kaltes Wasser über Handgelenke, Nacken und Füße; ein feuchtes Tuch im Kühlschrank; Vorhänge tagsüber geschlossen; morgens und spätabends gründlich lüften, dazwischen die Fenster diszipliniert schließen. Ventilatoren helfen, sofern sie nicht den Eindruck eines kleinen Sturms im Salon erzeugen. Bettwäsche aus Baumwolle oder Leinen, lauwarme Duschen statt eiskalter Schocks und wenig warme Speisen am Mittag sind meist klüger als dramatische Improvisationen.
Auch die Wohnung darf nicht unter Sommerpanik leiden. Räume bleiben geordnet, Flächen frei, Textilien leicht, Luftwege offen. Wer bei Hitze jede Ruhe verliert, heizt sein Zuhause oft mit Unruhe zusätzlich auf.
Vielleicht ist das die eigentliche Etikette des Sommers: sich Erleichterung zu verschaffen, ohne dabei die Form zu verlieren.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht lesen wir uns im nächsten Schreibstück wieder.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.