Hitze ist ausgesprochen unhöflich. Sie nimmt dem Tag die Kontur, dem Gesicht die Frische und der Geduld bisweilen den letzten Rest guten Willens. Bei dreissig Grad verliert selbst ein gepflegter Mensch irgendwann das Interesse daran, besonders beeindruckend auszusehen. Bei fünfunddreissig Grad wird bereits die Frage, ob man zum Briefkasten gehen muss, mit jener Ernsthaftigkeit behandelt, die sonst grösseren Lebensentscheidungen vorbehalten ist. Und spätestens wenn die Nacht kaum Abkühlung bringt, beginnt man zu verstehen, weshalb Menschen bereit sind, erhebliche Summen für Klimaanlagen, Ferien in den Bergen oder ein Haus mit dicken alten Mauern auszugeben. Der Sommer ist reizend, solange er sich benimmt. Tut er das nicht, wird aus mediterraner Lebensfreude erstaunlich schnell eine Suche nach dem kühlsten Fussboden der Wohnung.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich ein Glas Wasser bereit – bei diesem Thema dürfen es ausnahmsweise einige Eiswürfel sein – und nehmen Sie Platz.
An sehr warmen Tagen versteht man plötzlich auch, weshalb Menschen in der Öffentlichkeit Dinge tun, die sie bei vernünftigen Temperaturen vermutlich niemals erwägen würden. Kleidung wird auf ein Mass reduziert, bei dem man sich fragt, ob der betreffende Mensch ursprünglich nur kurz den Abfall hinausbringen wollte. Schuhe verschwinden. Eis wird mit einer Dringlichkeit gegessen, als sei es die letzte verfügbare Nahrung vor einer längeren Expedition. Und öffentliche Brunnen erhalten gelegentlich Aufgaben, die ihre Stadtverwaltung bei der Planung vermutlich nicht vorgesehen hatte. Hitze ist eben ein erstaunlich guter Test für Haltung. Nicht, weil ein kultivierter Mensch weniger schwitzt – das wäre biologisch ausgesprochen ambitioniert –, sondern weil sich gerade unter unangenehmen Bedingungen zeigt, ob wir vernünftig für uns sorgen können, ohne gleichzeitig sämtliche Formen des gesellschaftlichen Lebens aufzulösen. Kultiviertheit verlangt dabei keineswegs, Hitze heroisch zu ertragen. Wer bei fünfunddreissig Grad behauptet, ihm sei überhaupt nicht warm, beweist keine Haltung, sondern möglicherweise einen bedenklichen Kontakt zu seinem Kreislauf. Die Kunst besteht vielmehr darin, Erleichterung zu schaffen, bevor aus Wärme Erschöpfung wird.
Das beginnt mit der Kleidung. Ein Sommertag ist nicht der Moment, in dem wir gegen den eigenen Körper arbeiten sollten. Lockere Schnitte, leichte Stoffe und Kleidung, die Luft zirkulieren lässt, sind vernünftiger als alles, was eng anliegt und nach zwanzig Minuten zu einer persönlichen Feindschaft zwischen Stoff und Haut führt. Leinen und leichte Baumwolle können sehr angenehm sein; auch andere leichte, atmungsaktive Stoffe können funktionieren. Entscheidend ist weniger eine ideologische Materialfrage als das tatsächliche Tragegefühl. Helle Farben können sich in direkter Sonne weniger stark aufheizen als sehr dunkle, doch auch hier muss niemand seine gesamte Garderobe in eine weisse Sommerresidenz verwandeln. Ein Kleid, eine lockere Hose mit Bluse, ein leichtes Hemd oder ein ordentliches Poloshirt genügen. Sommerliche Kleidung darf bequem und luftig sein, ohne den Eindruck zu erwecken, man habe den Unterschied zwischen Strand, Schlafzimmer und öffentlichem Raum wegen der Temperatur vorübergehend aufgehoben. Ein Hut kann Schatten geben, eine Sonnenbrille entlastet die Augen, und wer länger draussen ist, denkt an Sonnenschutz. Ein Sonnenbrand ist keine besonders stilvolle Erinnerung daran, dass man den Wetterbericht durchaus gesehen hatte.
Noch wichtiger als die Kleidung ist allerdings das Verhalten. Die einfachste elegante Strategie gegen grosse Hitze besteht darin, den Tag nicht gegen die Temperatur zu organisieren. Wer die Wahl hat, erledigt Wege und körperlich anstrengende Arbeiten morgens oder später am Abend und behandelt die heissesten Stunden mit etwas mehr Zurückhaltung. Das ist keine Faulheit, sondern Anpassung. Ganze Kulturen haben dieses Prinzip verstanden, lange bevor wir damit begonnen haben, um vierzehn Uhr bei brennender Sonne Termine über einen Parkplatz zu tragen und uns anschliessend darüber zu wundern, dass der Kreislauf Einwände erhebt. Nicht jede Stunde eines Sommertages eignet sich für dieselben Tätigkeiten. Ein vernünftig geführter Tag berücksichtigt das. Wer mittags nichts Dringendes erledigen muss, darf im Schatten bleiben. Der Supermarkt wird auch um achtzehn Uhr noch über Tomaten verfügen.
Zu Hause beginnt die Abkühlung idealerweise, bevor die Räume heiss geworden sind. Frühmorgens und, wenn es draussen tatsächlich kühler geworden ist, am späten Abend oder in der Nacht wird gründlich gelüftet. Danach werden Fenster geschlossen, sobald die Aussenluft deutlich wärmer wird, und direkte Sonneneinstrahlung möglichst abgehalten. Rollläden, Fensterläden, Storen oder Vorhänge sind im Hochsommer keine dekorative Nebensache, sondern ausgesprochen nützliche Verbündete. Es hat wenig Sinn, am Nachmittag sämtliche Fenster weit zu öffnen, wenn draussen eine Luftmasse wartet, die ungefähr die Temperatur eines geöffneten Backofens besitzt. Frische Luft ist wunderbar. Heisse Luft bleibt trotzdem heisse Luft, auch wenn sie von draussen kommt. Besonders angenehm ist es, innerhalb der Wohnung die kühleren Räume bewusst zu nutzen. Nicht jeder Tag verlangt, dass man aus Prinzip im sonnigsten Zimmer sitzt. Wenn das Schlafzimmer auf der Nordseite fünf Grad angenehmer ist, darf es am Nachmittag vorübergehend zum bevorzugten Aufenthaltsort aufsteigen. Architektur besitzt schliesslich auch praktische Aufgaben.
Ventilatoren können ebenfalls helfen, weil die bewegte Luft die Verdunstung von Schweiss unterstützt und dadurch kühler empfunden wird. Man muss allerdings nicht so nah davor sitzen, dass Zeitung, Haare und Würde gleichzeitig in Bewegung geraten. Ein ruhiger Luftstrom genügt. Wer einen Ventilator benutzt, kann ihn so aufstellen, dass die Luft angenehm zirkuliert, statt dauerhaft mit voller Kraft direkt ins Gesicht zu blasen. Auch elektrische Geräte, die unnötig Wärme erzeugen, dürfen eine Pause erhalten. Backofen und Herd müssen an einem sehr heissen Mittag nicht ausgerechnet beweisen, wozu sie fähig sind. Kalte oder lauwarme Mahlzeiten, Salate, Brotzeiten, Früchte, Joghurt oder bereits vorbereitete Speisen können den Tag angenehmer machen. Niemand wird an einem Hochsommertag gesellschaftlich herabgestuft, weil das Mittagessen nicht dampft.
Beim Trinken endet allerdings meine Sympathie für übertriebene Zurückhaltung. An heissen Tagen muss ausreichend getrunken werden, besonders wenn man schwitzt oder körperlich aktiv ist. Das Glas darf schön sein; wichtiger ist, dass es regelmässig gefüllt wird. Wasser kann griffbereit auf dem Tisch stehen, eine Karaffe im Kühlschrank oder eine Flasche unterwegs dabei sein. Zitronenscheiben, Minze oder Gurke sind angenehm, wenn man sie mag, aber Wasser benötigt keine botanische Ausstattung, um seinen Zweck zu erfüllen. Und trinken Sie bitte nicht absichtlich zu wenig, nur weil kleine, kultivierte Schlucke reizvoller klingen. Eleganz ist kein Dehydrierungsprogramm. Kleine regelmässige Mengen können angenehm sein; bei grosser Hitze und starkem Schwitzen braucht der Körper jedoch schlicht genügend Flüssigkeit. Sehr kalte Getränke dürfen erfrischen, sofern man sie gut verträgt. Es gibt keinen Preis dafür, lauwarmes Wasser zu trinken, während man heimlich von Eiswürfeln träumt.
Auch Eis darf gegessen werden. Ich halte wenig von Regeln, die aus einer Kugel Glace eine gesellschaftliche Prüfung machen. Wer unterwegs eine Waffel bestellt, darf sie selbstverständlich daraus essen. Das ist der Sinn einer Waffel. Man muss dafür nicht unverzüglich einen Silberlöffel organisieren. Allerdings kann man Eis essen, ohne einen persönlichen Wettkampf gegen seinen Schmelzpunkt zu veranstalten. Eine Serviette hilft. Im Café ist ein Becher mit Löffel oft die angenehmere Wahl, wenn die Temperatur bereits beschlossen hat, aus jeder Kugel innerhalb von Minuten eine Flüssigkeit zu machen. Der kultivierte Umgang mit Sommer besteht nicht darin, gewöhnliche Vergnügen unnötig kompliziert zu machen. Er besteht darin, die Situation mit etwas Ruhe zu beherrschen. Wenn dennoch ein Tropfen auf dem Kleid landet, ist das kein gesellschaftlicher Zusammenbruch. Es ist Juli.
Für schnelle Abkühlung kann kühles Wasser ausgesprochen angenehm sein. Hände und Unterarme unter fliessendes kühles Wasser zu halten oder ein kühles, feuchtes Tuch auf Nacken und Gesicht zu legen, kann Erleichterung bringen. Ein solches Tuch lässt sich vorbereitet im Kühlschrank aufbewahren – eine jener kleinen Massnahmen, die wenig kosten und an einem wirklich heissen Nachmittag plötzlich wie bemerkenswerter Luxus wirken. Auch eine lauwarme bis kühle Dusche kann wohltuend sein. Eiskalt muss sie nicht sein. Der Sinn besteht darin, sich angenehm abzukühlen und Schweiss von der Haut zu entfernen, nicht darin, dem Körper den Eindruck zu vermitteln, er sei überraschend in einen Bergsee gefallen. Anschliessend leichte Kleidung, frische Haare, etwas Ruhe – und der Nachmittag sieht häufig bereits weniger feindselig aus.
Auch die Füsse werden gern vergessen. Zu Hause können leichte Schuhe oder nackte Füsse angenehm sein, sofern Boden und Situation dazu passen. Ein kühles Fussbad ist ebenfalls eine einfache Möglichkeit, sich wohler zu fühlen. Wer unterwegs ist, wählt Schuhe, in denen die Füsse nicht unnötig eingeschlossen sind und die trotzdem dem Anlass entsprechen. Dasselbe Prinzip gilt für Haare: Langes Haar darf hochgenommen werden. Ein schlichter Knoten, Pferdeschwanz oder eine andere ordentliche Hochsteckfrisur kann bei Hitze erheblich angenehmer sein, als aus falsch verstandener Eitelkeit eine Haarpracht im Nacken zu tragen, die dort nach zehn Minuten ihre eigene Klimazone entwickelt.
Die Wohnung selbst profitiert im Sommer von optischer Ruhe. Nicht weil weniger Dekoration die Raumtemperatur auf wundersame Weise senkt, sondern weil schwere Textilien und überfüllte Flächen an heissen Tagen zusätzlich bedrückend wirken können. Winterdecken dürfen verschwinden, schwere Überwürfe werden nicht benötigt, und Bettwäsche aus leichten, angenehmen Materialien macht warme Nächte erträglicher. Eine dünne Baumwolldecke oder nur ein leichtes Laken kann vollkommen genügen. Vor dem Schlafengehen noch einmal zu lüften, sofern es draussen kühler ist, eine lauwarme Dusche zu nehmen und ein Glas Wasser bereitzustellen, schafft bessere Voraussetzungen als jene verzweifelte nächtliche Wanderung durch die Wohnung, bei der man um zwei Uhr morgens jedes Fenster einzeln öffnet und wieder schliesst, als müsse irgendwo versehentlich Winter versteckt worden sein.
Auch die Bettwäsche darf etwas häufiger gewechselt werden, wenn man nachts stark schwitzt. Frische Laken an einem warmen Abend gehören zu jenen kleinen häuslichen Vergnügen, deren Wirkung in keinem vernünftigen Verhältnis zu ihrem Aufwand steht. Wer die Möglichkeit hat, kann den Schlafplatz tagsüber möglichst vor direkter Sonne schützen. Und wenn es in einem anderen Raum deutlich kühler ist und die Situation es erlaubt, spricht wenig dagegen, für einige besonders heisse Nächte dort zu schlafen. Man erhält keine Medaille dafür, aus Prinzip im wärmsten Schlafzimmer des Hauses auszuharren.
Unterwegs braucht es dieselbe Voraussicht. Wasser mitnehmen, Schatten suchen, Pausen machen, das Auto nicht unnötig in der Sonne stehen lassen und niemals Kinder oder Tiere in einem abgestellten Fahrzeug zurücklassen. Bei grosser Hitze ist ein aufgeheiztes Auto kein unangenehmer Salon, sondern kann innerhalb kurzer Zeit gefährlich werden. Wer einsteigt, darf zunächst Türen oder Fenster öffnen und die heisse Luft entweichen lassen, bevor die Fahrt beginnt. Ein Lenkrad, das sich anfühlt wie eine frisch erhitzte Bratpfanne, ist ein überzeugendes Argument dafür, dass einige Minuten Vorbereitung durchaus angemessen sind.
Überhaupt endet die Etikette der Hitze dort, wo Gesundheit beginnt. Schwindel, starke Schwäche, Kopfschmerzen, Übelkeit, Verwirrtheit oder Kreislaufprobleme sind keine Gelegenheit, besonders beherrscht auszusehen. Dann wird gekühlt, getrunken, Ruhe gesucht und bei ernsthaften oder zunehmenden Beschwerden medizinische Hilfe geholt. Wer gefährlich überhitzt ist, benötigt keine Haltungskorrektur, sondern Unterstützung. Kultiviertheit hat noch nie verlangt, körperliche Warnsignale aus ästhetischen Gründen zu ignorieren. Im Gegenteil: Selbstführung bedeutet auch, rechtzeitig zu erkennen, wann der Körper das letzte Wort hat.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst warmer Tage. Nicht gegen den Sommer zu kämpfen und sich ihm ebenso wenig vollständig auszuliefern. Man verändert den Rhythmus. Man sucht Schatten. Man trinkt. Man hält Räume tagsüber geschlossen und dunkel, wenn das sinnvoll ist, und öffnet sie wieder, sobald die Nacht kühlere Luft bringt. Man kocht leichter, kleidet sich luftiger, bindet die Haare hoch, stellt Wasser bereit und akzeptiert, dass ein Nachmittag bei grosser Hitze vielleicht weniger produktiv sein wird. Nicht jeder Tag muss dieselbe Leistung erbringen. Das Wetter unterschreibt unseren Terminkalender nicht.
Und vielleicht dürfen wir dem Sommer sogar zugestehen, dass er uns etwas lehrt, das wir sonst gern vergessen: Komfort entsteht häufig nicht durch mehr, sondern durch kluge Reduktion. Weniger schwere Kleidung. Weniger unnötige Geräte. Weniger Termine in der Mittagshitze. Weniger Bewegung zur falschen Stunde. Weniger Widerstand gegen die Tatsache, dass fünfunddreissig Grad nun einmal fünfunddreissig Grad sind. Dafür Wasser, Schatten, Luft, Ruhe und ein wenig Voraussicht.
Die Etikette der Hitze verlangt deshalb keine heroische Beherrschung. Sie verlangt Vernunft mit Form. Kühlen Sie den Körper, bevor die Stimmung überhitzt. Schützen Sie Ihr Zuhause vor der Wärme, bevor Sie sie wieder hinausbefördern müssen. Und behandeln Sie einen heissen Tag nicht wie einen gewöhnlichen Tag, der sich lediglich etwas ungebührlich benimmt.
Dass Sie mir selbst bei diesem ausgesprochen warmen Thema bis zum Ende Gesellschaft geleistet haben, weiss ich sehr zu schätzen. Zeit und Aufmerksamkeit sind auch an langen Sommertagen keineswegs unbegrenzt, und dass Sie einen Teil davon Lavin Classy überlassen haben, bedeutet mir viel. Ich hoffe deshalb, dass zwischen diesen Zeilen wenigstens ein kleiner Gedanke geblieben ist, der Ihnen beim nächsten heissen Tag tatsächlich etwas Erleichterung verschafft – und sei es nur die Erlaubnis, am Nachmittag weniger zu tun, ohne daraus eine Charakterfrage zu machen.
Falls Sie Lavin Classy auch zwischen den Schreibstücken begleiten möchten, finden Sie den Rundbrief wie gewohnt am Seitenende. Ich verspreche, dass Sie für seine Lektüre weder einen Sonnenhut noch einen Ventilator benötigen.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und wenn die nächste Hitzewelle kommt, halten Sie Wasser, Schatten und ein kühles Tuch bereit. Der Sommer darf Ihnen die Frische nehmen. Ihre Fassung muss er deshalb noch lange nicht bekommen.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.