Ein Auto besitzt eine interessante gesellschaftliche Nebenwirkung: Kaum schliesst sich die Tür, fühlen sich manche Menschen erstaunlich unbeobachtet. Ein freundlicher Herr, der im Geschäft selbstverständlich jemandem den Vortritt lässt, verwandelt sich hinter einer Windschutzscheibe mitunter in einen Mann, für den eine Verzögerung von zwölf Sekunden offenbar einen schwerwiegenden Angriff auf seine persönliche Freiheit darstellt. Es wird gedrängelt, gestikuliert, beschleunigt, kommentiert und gelegentlich gehupt, als müsse die gesamte Strasse über die eigene Unzufriedenheit informiert werden. Dabei bewegt man beim Autofahren nicht nur ein Fahrzeug durch den öffentlichen Raum. Man bewegt sich selbst darin. Und wie so häufig zeigt sich Haltung besonders deutlich dort, wo man glaubt, sie für einen Augenblick nicht zu benötigen.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Die kultivierte Fahrt beginnt deshalb nicht beim ersten Kreisverkehr, sondern noch vor dem Motorstart. Man steigt ein und richtet sich ein. Sitz, Spiegel und alles, was für eine sichere Fahrt benötigt wird, werden vorher eingestellt. Die Tasche liegt so, dass sie nicht beim ersten Bremsmanöver durch den Fussraum reist, das Telefon wird verstaut oder für die zulässige Freisprechfunktion vorbereitet, und das Ziel ist möglichst eingestellt, bevor man losfährt. Es ist erstaunlich, wie viel Unruhe sich vermeiden lässt, wenn ein Mensch weiss, wohin er eigentlich fährt. Wer erst auf der Strasse beginnt, seine Sonnenbrille zu suchen, die Navigation zu bedienen und gleichzeitig festzustellen, dass der Mantel beim Lenken stört, hat aus einer simplen Abfahrt bereits eine kleine Verwaltungsaufgabe gemacht. Vorbereitung ist beim Fahren keine Pedanterie. Sie ist Höflichkeit gegenüber sich selbst und allen anderen, die zufällig dieselbe Strasse benutzen.
Auch die Sitzhaltung gehört weniger zur Ästhetik als zur Kontrolle. Niemand muss hinter dem Steuer aussehen, als werde gleich ein offizielles Porträt aufgenommen. Aber wer halb liegend fährt, eine Hand irgendwo auf dem Lenkrad ruhen lässt und den übrigen Körper so arrangiert, als befände er sich bereits auf dem Sofa, verwechselt Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit. Man sitzt so, dass man das Fahrzeug sicher führen und seine Umgebung gut wahrnehmen kann. Beide Hände stehen bei Bedarf selbstverständlich zur Verfügung. Das klingt ausgesprochen unspektakulär. Gute Fahrweise ist überhaupt häufig unspektakulär – vermutlich einer der Gründe, weshalb sie weniger Aufmerksamkeit erhält als schlechte.
Denn schlechte Fahrweise möchte gesehen werden. Sie hängt dicht hinter dem Vordermann, beschleunigt bis zur nächsten roten Ampel, wechselt Fahrstreifen mit einer Entschlossenheit, die man sich bei wichtigeren Lebensentscheidungen wünschen würde, und gewinnt am Ende vielleicht drei Fahrzeuglängen. Dort trifft sie den Menschen wieder, den sie vor zwei Minuten mit grossem Aufwand überholt hat. Beide stehen nun nebeneinander an derselben Ampel. Einer etwas ruhiger als der andere.
Ein kultivierter Fahrer verwechselt Geschwindigkeit deshalb nicht mit Fortschritt. Er hält angemessenen Sicherheitsabstand, fährt vorausschauend und passt sein Tempo den geltenden Regeln und den Verhältnissen an. Er weiss, dass eine Strasse kein Wettbewerb ist und dass das eigene Auto nicht dadurch an Würde gewinnt, dass es als erstes an der nächsten roten Ampel ankommt. Sanftes Beschleunigen und rechtzeitiges Bremsen machen eine Fahrt nicht nur angenehmer, sondern geben auch Mitfahrenden jenes seltene Gefühl, dass der Fahrer bereits bemerkt hat, was vor ihm geschieht. Niemand sitzt gern neben einem Menschen, dessen Fahrstil hauptsächlich aus Überraschungen besteht.
Voraussicht ist überhaupt eine der elegantesten Eigenschaften im Verkehr. Wer weit genug vorausblickt, erkennt frühzeitig, dass ein Fahrzeug bremsen könnte, ein Fussgänger sich einem Übergang nähert, ein Velofahrer Raum benötigt oder die nächste Kreuzung bereits voll ist. Dadurch muss weniger abrupt reagiert werden. Der Blinker wird rechtzeitig gesetzt, nicht während der Richtungsänderung als nachträgliche Pressemitteilung. Man ordnet sich früh genug ein und zwingt nicht im letzten Augenblick drei andere Menschen dazu, die eigene mangelnde Planung gemeinschaftlich auszugleichen. Einen Fehler bei der Route darf man übrigens überleben. Wenn man eine Abzweigung verpasst, fährt man weiter und nimmt die nächste. Eine Navigation berechnet neu. Das ist eine ihrer nützlichsten Eigenschaften. Kein Ziel ist so wichtig, dass man dafür quer über mehrere Fahrstreifen springen muss, weil eine freundliche Stimme soeben „Jetzt rechts abbiegen“ gesagt hat.
Besonders deutlich zeigt sich Haltung im Umgang mit jenen Verkehrsteilnehmern, die weniger geschützt sind. Fussgänger und Velofahrer sind keine Hindernisse, die sich bedauerlicherweise ebenfalls im Verkehrsraum befinden. Kinder können unberechenbar sein, ältere Menschen benötigen möglicherweise länger, und ein Mensch mit Kinderwagen wird nicht beweglicher, nur weil jemand hinter dem Steuer ungeduldig schaut. An Fussgängerstreifen wird aufmerksam und regelkonform gefahren. Beim Überholen von Velos wird der vorgeschriebene beziehungsweise sichere Abstand eingehalten. Man fährt nicht so dicht vorbei, dass der andere anschliessend über die Qualität des eigenen Aussenspiegels berichten könnte. Rücksicht ist hier keine grosszügige Geste eines überlegenen Autofahrers. Sie ist schlicht Teil verantwortungsvoller Teilnahme am Verkehr.
Geduld wird allerdings spätestens dann geprüft, wenn jemand vor einem langsamer fährt, als man selbst es gern hätte. Vielleicht sucht die Person eine Adresse. Vielleicht ist sie unsicher. Vielleicht kennt sie die Gegend nicht. Vielleicht fährt sie schlicht innerhalb eines Tempos, das uns gerade nicht gefällt. Solange keine gefährliche Situation entsteht, besteht kein Anlass, sich persönlich beleidigt zu fühlen. Drängeln verbessert die Fahrfähigkeit des anderen selten. Es erzeugt lediglich zwei angespannte Fahrer statt eines langsamen. Auch dichtes Auffahren ist keine besonders feine Form nonverbaler Kommunikation. Die Botschaft „Ich hätte gern, dass Sie schneller fahren“ wird dadurch zwar verständlich, aber ungefähr so elegant übermittelt wie eine Forderung, die durch wiederholtes Klopfen auf den Tisch unterstützt wird.
Dasselbe gilt für die Hupe. Sie ist ein Warnmittel und kein Instrument zur emotionalen Selbstregulation. Nicht jede Irritation benötigt ein akustisches Statement. Die Ampel ist seit einer halben Sekunde grün? Der Mensch vor Ihnen wird es vermutlich bemerken, bevor ein Suchtrupp entsandt werden muss. Jemand parkt langsam ein? Lassen Sie ihn. Ein anderes Fahrzeug hat einen Fehler gemacht? Falls keine Warnung mehr notwendig ist, verbessert ein langes Hupkonzert die Vergangenheit nicht. Es informiert lediglich eine beträchtliche Anzahl unbeteiligter Menschen darüber, dass Sie unzufrieden sind.
Noch weniger hilfreich ist die Unterhaltung, die manche Fahrer anschliessend allein in ihrem Fahrzeug führen. Der andere Fahrer kann Sie nicht hören. Das ist vielleicht sein grösster Vorteil in dieser Situation. Beschimpfungen, wilde Gesten und Diskussionen mit einer bereits verschwundenen Heckscheibe verändern nichts. Natürlich darf man sich ärgern. Auch kultivierte Menschen besitzen ein Nervensystem. Ein knappes „Das war unnötig“ genügt jedoch meistens. Danach fährt man weiter. Wer noch fünf Kilometer später eine Rede über den Charakter eines unbekannten Autofahrers hält, hat diesem Menschen erheblich mehr Lebenszeit geschenkt, als die Begegnung verdient.
Auch beim Einfädeln, Spurwechsel und Einbiegen zeigt sich eine Form gesellschaftlicher Kooperation, die erfreulicherweise keine Einladungskarte benötigt. Man lässt Raum, wenn es vernünftig und regelkonform ist. Man bedankt sich nicht mit komplizierten Lichtspielen, sondern verhält sich klar und vorhersehbar. Ebenso sollte man eine gewährte Lücke nicht als Anlass betrachten, gemütlich über das weitere Vorgehen nachzudenken. Rücksicht funktioniert am besten, wenn beide Seiten daran teilnehmen. Der eine lässt Platz, der andere nutzt ihn zügig und sicher. Schon haben zwei Fremde eine Situation miteinander gelöst, ohne ein Wort zu wechseln. Gesellschaft kann überraschend effizient sein.
Wer Mitfahrer hat, trägt zusätzlich Verantwortung für deren Wohlbefinden. Eine Fahrt muss nicht so sanft verlaufen, dass auf dem Armaturenbrett ein Champagnerglas stehen bleiben könnte – dort hätte es ohnehin nichts verloren –, aber unnötig hartes Bremsen, aggressives Beschleunigen und hektische Manöver sind nicht beeindruckend. Sie sind anstrengend. Ein guter Fahrer muss seinen Mitfahrern seine Fähigkeiten nicht vorführen. Sie erkennen sie gerade daran, dass wenig Spektakuläres geschieht. Gespräche dürfen stattfinden, Musik darf laufen, Kinder dürfen gelegentlich beweisen, dass Ruhe keine Voraussetzung für Fortbewegung ist. Der Fahrer bleibt dennoch bei seiner eigentlichen Aufgabe. Unterhaltung ist Begleitung, nicht Hauptprogramm.
Auch das Fahrzeug selbst muss kein rollender Salon sein. Ein Auto darf gebraucht aussehen. Es darf Kindersitze, eine Jacke, einen Regenschirm oder die Spuren eines wirklichen Lebens enthalten. Dennoch spricht wenig dafür, es dauerhaft als fahrendes Zwischenlager zu behandeln. Leere Flaschen, alte Verpackungen, Kassenzettel und Dinge, die seit drei Monaten „beim nächsten Mal“ herausgenommen werden sollen, verbessern weder Komfort noch Übersicht. Ein regelmässig geleertes, ordentliches Fahrzeug ist angenehmer. Das hat wenig mit Prestige zu tun. Ein kleiner, älterer, gepflegter Wagen kann erheblich kultivierter wirken als ein kostspieliges Fahrzeug, dessen Innenraum aussieht, als habe darin ein Picknick gegen seinen Willen stattgefunden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient schliesslich das Parken. Ein Parkplatz ist keine persönliche Interpretation geometrischer Möglichkeiten. Man stellt das Fahrzeug so ab, dass andere ebenfalls Platz haben. Man blockiert keine Zufahrten, Gehwege oder Bereiche, die aus gutem Grund für bestimmte Personen vorgesehen sind. Und wenn der erste Versuch misslingt, korrigiert man ihn. Es gibt keine Auszeichnung dafür, einen schräg abgestellten Wagen mit ausreichendem Selbstbewusstsein einfach stehen zu lassen. Wer aussteigt und erkennt, dass das Auto zwei Parkfelder beansprucht, darf tatsächlich wieder einsteigen. Die Würde übersteht diesen Vorgang.
Dasselbe Mass gilt nach der Ankunft. Der Motor wird abgestellt, man nimmt seine Dinge mit und hinterlässt das Fahrzeug so, dass die nächste Fahrt nicht mit Aufräumarbeiten beginnen muss. Gerade kleine Routinen erzeugen jene Ruhe, die später wie Mühelosigkeit aussieht. Tank beziehungsweise Ladestand im Blick behalten, notwendige Wartung nicht endlos aufschieben, Scheiben sauber halten und Dinge auffüllen, die regelmässig benötigt werden – all das ist wenig glamourös. Niemand wird dafür applaudieren. Genau deshalb gehört es zur guten Haushalts- und Lebensführung. Verlässlichkeit ist selten spektakulär.
Vielleicht ist der Strassenverkehr überhaupt ein besonders guter Ort, um Haltung zu beobachten, weil Menschen dort ständig mit kleinen Frustrationen konfrontiert werden. Jemand fährt zu langsam. Eine Ampel wird rot. Eine Baustelle beginnt. Ein Parkplatz ist besetzt. Die Ausfahrt wird verpasst. Es staut. Nichts davon ist erfreulich, aber fast nichts davon ist persönlich. Die rote Ampel kennt Sie nicht. Die Baustelle wurde nicht errichtet, um Ihren Vormittag zu ruinieren. Und der Traktor vor Ihnen hat sehr wahrscheinlich keinen mehrjährigen Plan entwickelt, Sie um 8.42 Uhr an Ihrer Geduld zweifeln zu lassen.
Diese Unterscheidung ist erstaunlich nützlich: Unannehmlich ist nicht dasselbe wie persönlich.
Wer das versteht, fährt anders. Er muss nicht jede Verzögerung bekämpfen. Er muss nicht beweisen, dass sein Termin wichtiger ist als der der anderen. Und er begreift, dass fünf gewonnene Minuten kaum ein vernünftiger Tausch gegen unnötiges Risiko, Stress oder Rücksichtslosigkeit sind. Pünktlichkeit beginnt ohnehin nicht mit schnellerem Fahren. Sie beginnt mit rechtzeitigem Losfahren. Der Strassenverkehr sollte nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass man selbst zehn Minuten zu spät die Haustür geschlossen hat.
Eine kultivierte Fahrt ist deshalb keine besonders langsame Fahrt und schon gar keine steife. Sie ist sicher, aufmerksam, regelkonform und berechenbar. Sie lässt anderen Raum, ohne zögerlich zu werden. Sie bleibt ruhig, ohne schläfrig zu sein. Sie weiss, wann Rücksicht angebracht ist und wann klares Handeln erforderlich wird. Vor allem aber verwechselt sie ein Fahrzeug nicht mit einer Erweiterung des eigenen Egos.
Vielleicht ist das die eigentliche Etikette der Strasse: Fahren Sie so, dass andere Menschen wegen Ihrer Anwesenheit nicht vorsichtiger sein müssen, als die Situation ohnehin verlangt.
Das klingt weniger aufregend als Motorleistung, Beschleunigungswerte und glänzende Karosserien. Damit werden wir leben müssen. Ein guter Fahrer wird ohnehin selten wegen eines spektakulären Manövers in Erinnerung bleiben. Im besten Fall steigt man am Ziel aus und hat über die Fahrt kaum nachgedacht. Kein abruptes Bremsen, kein Drängeln, keine unnötige Aufregung. Man ist einfach angekommen.
Dass Sie mich auf dieser gedanklichen Fahrt bis hierher begleitet haben, weiss ich sehr zu schätzen. Ihre Zeit ist kein beiläufiger Bestandteil dieser Schreibstücke, sondern das, was ihnen überhaupt erst Bedeutung gibt. Wenn Ihnen beim nächsten roten Licht also für einen Augenblick der Gedanke kommt, dass Geduld keine verlorene Zeit, sondern gelegentlich schlicht gute Führung ist, hat sich unsere gemeinsame Strecke bereits gelohnt. Danke, dass Sie einen Teil Ihres Tages dafür verwendet haben.
Wenn Sie Lavin Classy auch zwischen zwei Schreibstücken begleiten möchten, finden Sie den Rundbrief wie gewohnt am Seitenende. Er kommt erfreulicherweise ohne Stau, Parkplatzsuche und Geschwindigkeitskontrolle direkt bei Ihnen an.
Bis zum nächsten Schreibstück. Fahren Sie aufmerksam, lassen Sie anderen Menschen Raum – und sollten Sie morgen hinter einem ausgesprochen langsamen Fahrzeug landen, erinnern Sie sich bitte daran: Sie sitzen in einem Auto, nicht in einer persönlichen Auseinandersetzung.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.