Es gibt Dinge, die leiser geworden sind, ohne dass jemand ihr Verschwinden offiziell bekannt gegeben hätte. Die Briefkultur gehört dazu. Niemand hat eines Morgens beschlossen, vollständige Sätze seien nun entbehrlich, Anreden ein Relikt und Grussformeln eine unnötige Belastung für den modernen Menschen. Es geschah erheblich unauffälliger. Erst wurde aus dem Brief eine E-Mail, aus der E-Mail eine Nachricht und aus der Nachricht schliesslich eine Ansammlung von Wörtern, die in mehreren Portionen beim Empfänger eintrifft. „Hallo.“ Absenden. „Kurze Frage.“ Absenden. „Hast du morgen Zeit?“ Absenden. Das Telefon meldet sich dreimal, obwohl ein einziger Satz vollkommen genügt hätte. Man könnte meinen, Satzzeichen würden inzwischen nach Verbrauch besteuert. Gleichzeitig schreiben wir vermutlich mehr als jede Generation vor uns. Wir schreiben morgens, während wir warten, beim Essen, im Zug und gelegentlich mitten in einem Gespräch mit einem Menschen, der den bemerkenswerten Nachteil besitzt, tatsächlich anwesend zu sein. Das Problem unserer Zeit ist also keineswegs, dass wir das Schreiben verlernt hätten. Wir haben nur verlernt, Korrespondenz von Übermittlung zu unterscheiden.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Eine Nachricht übermittelt etwas. „Bin um fünf da.“ „Bitte Milch mitbringen.“ „Der Termin wurde verschoben.“ Dafür braucht es weder Büttenpapier noch eine feierliche Schlussformel. Niemand muss seinem Ehepartner eine förmliche Korrespondenz schicken, um mitzuteilen, dass keine Butter mehr im Kühlschrank liegt. Briefkultur beginnt dort, wo eine Mitteilung mehr leisten soll als bloss Information zu transportieren. Ein Dank. Eine Einladung. Eine Entschuldigung. Ein Beileid. Eine persönliche Nachricht nach langer Zeit. Eine geschäftliche Anfrage. Eine Antwort auf etwas, das einem anderen Menschen wichtig war. Solche Worte verdienen eine Form, weil der Empfänger mehr ist als die Adresse, an die sie geschickt werden. Genau deshalb beginnt ein guter Brief mit einer Anrede. Sie ist keine dekorative Antiquität, sondern eine kleine sprachliche Geste: Für einen Augenblick richtet sich meine Aufmerksamkeit an Sie. Danach folgt ein Gedanke, und zwar möglichst einer, der vor dem Absenden bereits zu Ende gedacht wurde. Das klingt inzwischen fast revolutionär. Die technische Möglichkeit, einen Gedanken innerhalb von zwei Sekunden in die Welt zu schicken, hat uns nämlich zu der merkwürdigen Annahme verleitet, dass wir es deshalb auch tun sollten. Dabei gewinnt erstaunlich viel Korrespondenz, wenn zwischen Empörung und „Senden“ eine Tasse Tee liegt. Eine E-Mail darf überarbeitet werden. Ein Satz darf gelöscht werden. Man darf nach drei Minuten feststellen, dass „Wie ich bereits mehrfach deutlich gemacht habe“ zwar emotional befriedigend, aber für die weitere Zusammenarbeit möglicherweise nicht die Glanzleistung des Tages ist. Schrift besitzt eine Eigenschaft, die das gesprochene Wort nicht hat: Sie bleibt. Gerade deshalb sollte sie nicht wie ein flüchtiger Laut behandelt werden. Wer schreibt, legt einen kleinen Beleg seines Urteilsvermögens ab. Man muss daraus keine Staatskorrespondenz machen. Ein klarer, vollständiger Satz genügt häufig. Aber er sollte wenigstens erkennen lassen, dass zwischen dem ersten Impuls und dem Empfänger noch ein Mensch mit einem denkenden Kopf sass.
Die handgeschriebene Korrespondenz besitzt dabei eine besondere Stellung, gerade weil sie langsam ist. Man muss Papier finden, einen Stift nehmen, schreiben, möglicherweise einen Umschlag adressieren und – eine inzwischen beinahe historische Tätigkeit – eine Briefmarke organisieren. Das ist ineffizient. Genau darin liegt ihr Wert. Nicht alles, was wertvoll ist, muss schneller werden. Ein handgeschriebener Dank nach einer Einladung, einige Zeilen zum Geburtstag, eine Karte aus den Ferien oder ein persönlicher Brief an einen Menschen, dem man etwas sagen möchte, trägt eine Aufmerksamkeit in sich, die sich nicht vollständig durch Geschwindigkeit ersetzen lässt. Die Handschrift muss dabei keineswegs aussehen, als habe man seine Jugend in einem Schweizer Mädchenpensionat mit täglichem Kalligrafieunterricht verbracht. Lesbar genügt. Auch das Papier muss kein Familienwappen tragen. Ein gutes schlichtes Briefpapier oder eine schöne Karte sind vollkommen ausreichend. Der Wert liegt nicht darin, dass der Empfänger ehrfürchtig die Grammatur prüft. Er liegt darin, dass jemand sich hingesetzt hat. Vielleicht ist das überhaupt eines der schönsten Signale unserer Zeit: Ich hätte Ihnen in zwanzig Sekunden schreiben können. Ich habe mir stattdessen Zeit genommen. Besonders bei Danksagungen macht dieser Unterschied etwas aus. Ein ehrlicher Dank benennt, wofür er ausgesprochen wird. „Vielen Dank für den schönen Abend. Ich habe besonders unsere lange Unterhaltung nach dem Essen genossen“ besitzt mehr Wärme als ein automatisches „Danke nochmal :)“. Das Smiley ist nicht schuld. Es wurde lediglich mit einer Aufgabe betraut, die früher ein ganzer Satz erledigt hat. Wer ein Geschenk erhalten hat, darf erwähnen, was daran Freude bereitet. Wer eingeladen wurde, kann sich für Gastfreundschaft bedanken. Wer Unterstützung erfahren hat, sollte nicht so tun, als sei sie selbstverständlich gewesen. Dankbarkeit wird nicht grösser, weil sie aufwendig formuliert ist, sondern weil sie präzise ist. „Vielen Dank für alles“ kann ehrlich sein. „Dass Sie sich gestern die Zeit genommen haben, mir zu helfen, hat mir sehr viel bedeutet“ lässt den anderen allerdings wissen, dass seine Mühe tatsächlich gesehen wurde. Darin liegt der Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufmerksamkeit.
Auch die E-Mail verdient eine kleine Rehabilitation. Sie ist nicht der minderwertige Cousin des Briefes. Sie kann ausgezeichnete Korrespondenz sein, sofern man sie nicht behandelt wie eine Textnachricht mit Betreffzeile. Eine gute E-Mail braucht erstaunlich wenig: eine passende Anrede, einen klaren Anlass, sinnvoll gegliederte Gedanken und einen Abschluss. Mehr nicht. Der Betreff sollte erkennen lassen, worum es geht; „Hallo“ ist als Betreff ungefähr so hilfreich wie die Beschriftung „Ding“ auf einer Umzugsschachtel. Der Text kommt möglichst ohne lange Vorgeschichte zum Anliegen, aber auch ohne jene Kälte, die entsteht, wenn eine Nachricht mit einer Forderung beginnt. „Schicken Sie mir die Unterlagen bis morgen“ mag effizient sein. „Guten Morgen Frau …, könnten Sie mir die Unterlagen bitte bis morgen zukommen lassen?“ benötigt nur wenige Sekunden länger und erinnert daran, dass am anderen Ende kein Getränkeautomat steht. Besonders im beruflichen Schriftverkehr ist Höflichkeit keine überflüssige Verzierung. Sie erleichtert Zusammenarbeit. Gleichzeitig sollte man Förmlichkeit nicht mit sprachlicher Schwere verwechseln. Eine E-Mail muss nicht klingen, als sei sie 1894 im Aussenministerium diktiert worden. „Hiermit erlaube ich mir höflichst anzufragen“ kann in den meisten Fällen durch „Ich möchte Sie gern fragen“ ersetzt werden, ohne dass die gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht. Kultivierte Sprache ist klar. Sie kriecht nicht. Sie befiehlt aber auch nicht unnötig. Und sie kennt den Empfänger. Einer Freundin schreibt man anders als einer Behörde, einem langjährigen Geschäftspartner anders als einem Menschen, mit dem man zum ersten Mal Kontakt aufnimmt. Gute Umgangsformen bestehen gerade nicht darin, allen Menschen dieselbe Schablone aufzusetzen. Sie bestehen darin, die richtige Form für die jeweilige Beziehung zu finden.
Schwieriger wird es bei der heute so beliebten sofortigen Vertraulichkeit. Nicht jede E-Mail muss mit „Sehr geehrte Frau …“ beginnen, und ein „Guten Tag“ oder „Liebe Frau …“ kann je nach Beziehung vollkommen angemessen sein. Aber wenn man einen Menschen nicht kennt, ist ein wenig mehr Form selten ein Unglück. Vertraulichkeit lässt sich später leicht hinzufügen. Würde nachträglich wieder einzubauen, nachdem man jemanden in der ersten Nachricht bereits mit „Hey du“ begrüsst hat, ist etwas mühsamer. Dasselbe gilt für Abschlüsse. Nicht jeder Brief benötigt „Hochachtungsvoll“, als stünde unmittelbar danach ein Duell bevor. „Freundliche Grüsse“, „Herzliche Grüsse“ oder ein zum Verhältnis passender persönlicher Abschluss genügen. Entscheidend ist, dass eine Nachricht nicht einfach aufhört. Ein Brief ohne Abschluss wirkt wie ein Gespräch, bei dem jemand mitten im Satz aufsteht und den Raum verlässt. Und dann wären da noch Satzzeichen, Gross- und Kleinschreibung und vollständige Wörter. Fehler geschehen. Niemand sollte eine private Nachricht mit dem Rotstift beurteilen. Aber zwischen einem Tippfehler und grundsätzlicher Gleichgültigkeit gegenüber Sprache besteht ein Unterschied. „Könnten Sie mir bitte mitteilen, ob Dienstag passt?“ wirkt nun einmal anders als „dienstag ok??“. Beides lässt sich verstehen. Nur ist Verständlichkeit nicht der einzige Massstab menschlicher Kommunikation. Wir könnten schliesslich auch beim Abendessen auf den Teller zeigen und „Salz“ sagen. Die meisten Menschen würden begreifen, was gemeint ist. Wir haben uns trotzdem aus guten Gründen auf „Könntest du mir bitte das Salz reichen?“ geeinigt.
Besonders sichtbar wird schriftliche Haltung im Konflikt. Eine Nachricht, die uns ärgert, erzeugt den verständlichen Wunsch, sofort zu antworten. Genau dann sollte man es häufig nicht tun. Schriftlicher Zorn besitzt eine unangenehme Haltbarkeit. Der triumphale Satz, der um 22.43 Uhr vollkommen gerechtfertigt erschien, sieht am folgenden Morgen gelegentlich aus wie ein Beweisstück der Anklage. Schreiben Sie die Antwort ruhig. Nur senden Sie sie noch nicht. Lesen Sie sie später erneut und entfernen Sie alles, was lediglich verletzen soll. Klarheit darf bleiben. Grenzen dürfen bleiben. Ein Nein darf ein Nein sein. Aber Sarkasmus, Unterstellungen und die schriftliche Gesamtabrechnung der vergangenen sieben Jahre helfen selten bei einem Problem, das ursprünglich vielleicht aus einer verspäteten Antwort bestand. Auch das beliebte Schweigen als Machtmittel gehört nicht zur kultivierten Korrespondenz. Niemand muss jederzeit erreichbar sein, und nicht jede Nachricht verlangt eine sofortige Antwort. Aber eine wichtige Anfrage tagelang bewusst unbeantwortet zu lassen, um Bedeutung zu demonstrieren, ist keine Souveränität. Es ist schlechte Kommunikation mit dramatischem Ehrgeiz. Ebenso wenig muss jede Nachricht mit fünf weiteren beantwortet werden. Man kann mehrere Gedanken sammeln und in einer einzigen Antwort unterbringen. Das Telefon wird es verkraften. Der Empfänger vermutlich ebenfalls.
Und dann gibt es jene Korrespondenz, bei der die Form besonders wichtig wird, weil die Worte selbst schwierig sind: Kondolenz, Entschuldigung, Dank nach grosser Hilfe, eine Absage oder ein Abschied. Gerade hier hilft Schlichtheit. Wer einem trauernden Menschen schreibt, muss keine literarische Abhandlung über Vergänglichkeit verfassen. Einige aufrichtige Sätze sind wertvoller als grosse Worte, die hauptsächlich zeigen, dass man lange nach ihnen gesucht hat. Eine Entschuldigung wiederum sollte nicht zu einer Verteidigungsrede werden. „Es tut mir leid, dass ich Sie verletzt habe“ verliert erheblich an Wirkung, wenn unmittelbar darauf drei Absätze erklären, weshalb der andere im Grunde selbst daran schuld war. Ein Dank braucht keine Übertreibung, eine Absage keine erfundene Tragödie und eine Grenze keinen Roman. Die Briefkultur lehrt uns gerade durch ihre Form, einen Gedanken zu ordnen: Was möchte ich sagen? Was muss der andere wissen? Was davon dient lediglich meiner eigenen Entlastung? Diese Fragen sind nicht altmodisch. Sie sind ausgesprochen modern, weil wir heute so leicht und so schnell kommunizieren können, dass die Versuchung zur Gedankenlosigkeit grösser geworden ist.
Vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb ich die Briefkultur nicht als nostalgisches Hobby betrachten möchte. Es geht nicht darum, zurück in eine Zeit zu wollen, in der jede Einladung mit Füllfederhalter beantwortet wurde und die Post zweimal täglich kam. Digitale Kommunikation ist praktisch, schnell und häufig wunderbar. Aber Geschwindigkeit sollte die Form erweitern, nicht ersetzen. Wir können heute innerhalb von Sekunden einen Menschen auf der anderen Seite der Welt erreichen. Das ist ein Privileg. Es wäre merkwürdig, wenn wir ausgerechnet deshalb weniger Sorgfalt auf die Worte verwenden würden, die ihn erreichen. Ein handgeschriebener Brief kann Würde besitzen. Eine E-Mail ebenfalls. Selbst eine Textnachricht kann kultiviert sein. Das Medium entscheidet weniger als die Aufmerksamkeit. Anrede. Gedanke. Abschluss. Ein paar vollständige Sätze. Ein Ton, der den anderen Menschen nicht wie eine Funktion behandelt. Mehr braucht es tatsächlich nicht – und vielleicht ist gerade dieses Wenige inzwischen bemerkenswert.
Denn Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Übermittlung. Sie schafft Atmosphäre zwischen Menschen. Ein unbedachter Satz kann einen ganzen Tag nachhallen; ein freundlicher ebenso. Eine gute Danksagung kann jemandem zeigen, dass seine Mühe bemerkt wurde. Eine sorgfältige Absage kann eine Enttäuschung erträglicher machen. Eine klare E-Mail kann zehn weitere Nachrichten verhindern. Und ein handgeschriebener Brief kann Jahre später noch in einer Schublade liegen, obwohl die Information darin längst keine praktische Bedeutung mehr besitzt. Niemand bewahrt eine Push-Mitteilung auf. Einen Brief manchmal schon.
Vielleicht ist das die eigentliche Würde der Korrespondenz: Wir geben unseren Gedanken eine Form, weil wir dem Menschen, der sie empfangen soll, eine gewisse Sorgfalt schulden. Nicht jedes Wort muss brillant sein. Nicht jede Nachricht elegant. Aber sie darf erkennen lassen, dass jemand vor dem Absenden einen Augenblick innehielt und sich fragte, wie seine Worte auf der anderen Seite ankommen werden. Das ist keine sprachliche Eitelkeit. Es ist Rücksicht.
Dass Sie sich die Zeit genommen haben, auch diesen längeren Brief von Lavin Classy bis zum Ende zu lesen, möchte ich deshalb heute nicht mit einem beiläufigen Dank abtun. Aufmerksamkeit ist die stillste Form der Antwort, die ein Text erhalten kann. Sie haben mir Ihre für einige Minuten gegeben, und ich weiss das sehr zu schätzen. Vielleicht nehmen Sie aus diesem Schreibstück nicht den Vorsatz mit, morgen zwölf Briefe auf schwerem Papier zu verfassen. Einer würde vollkommen genügen. Vielleicht sogar nur eine Nachricht, die etwas sorgfältiger formuliert ist als nötig. Manchmal verändert schon ein einziger guter Satz den Ton einer ganzen Beziehung.
Und falls Sie unsere Korrespondenz tatsächlich fortsetzen möchten, finden Sie am Seitenende den Rundbrief. Dort darf Lavin Classy Ihnen ausnahmsweise schreiben, bevor Sie mir geschrieben haben – eine kleine Verletzung der klassischen Briefordnung, die wir grosszügig dulden werden.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und bevor Sie heute die nächste Nachricht absenden, lesen Sie sie ruhig noch einmal. Ein Gedanke benötigt nur Sekunden, um verschickt zu werden. Das ist kein zwingender Grund, ihm auch nur Sekunden für seine Entstehung zu geben.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.