Fußball ist objektiv betrachtet keine besonders elegante Sportart.
Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Zweiundzwanzig Erwachsene rennen über neunzig Minuten einem Lederball hinterher, fallen gelegentlich dramatisch zu Boden und werden dafür von Millionen Menschen aufmerksam beobachtet. Als gesellschaftliches Schauspiel betrachtet, ist die Oper zweifellos die kultiviertere Veranstaltung.
Und dennoch wäre es töricht, die Bedeutung von Fußball zu unterschätzen.
Weltmeisterschaften und Europameisterschaften gehören längst zum kulturellen Inventar unserer Gesellschaft. Familien versammeln sich, Freundschaften werden für neunzig Minuten auf die Probe gestellt, und selbst Menschen, die sonst keinen einzigen Spieltag verfolgen, entwickeln plötzlich erstaunlich präzise Ansichten über Abseitsregeln.
Die Frage lautet also nicht, ob man Fußball schaut.
Die Frage lautet, wie.
Der Herr trägt selbstverständlich kein Trikot mit seinem eigenen Nachnamen auf dem Rücken. Er entscheidet sich für ein gepflegtes Hemd, einen leichten Pullover oder ein ordentliches Poloshirt.
Die Dame verzichtet auf Fanartikel, die aussehen, als wären sie in einer besonders hektischen Marketingabteilung entstanden. Eine elegante Hose, ein Sommerkleid oder ein gepflegtes Ensemble wirken erheblich überzeugender.
Schließlich beobachtet man ein Spiel und nimmt nicht selbst daran teil. Auch die Sitzordnung verdient Aufmerksamkeit.
Auf dem Sofa liegt keine beliebige Decke. Man wählt eine schwere, hochwertige Decke und legt sie ruhig über die Beine. Die Knie dürfen leicht angezogen werden. Der Oberkörper bleibt aufrecht. Haltung verschwindet nicht, nur weil ein Ball rollt.
Wer das Spiel öffentlich verfolgt, sitzt gelassen auf seinem Stuhl, beobachtet aufmerksam und vermeidet das hektische Umherblicken, das sonst vor allem an Flughäfen zu beobachten ist.
Die Verpflegung sollte ebenfalls mit etwas Würde erfolgen.
Cashewnüsse, Mandeln oder Erdbeeren werden in Schalen angerichtet. Gerne auf einem Silbertablett oder einer schönen Servierplatte. Getränke werden eingeschenkt, nicht aus der Flasche konsumiert. Wer möchte, genießt einen Cocktail seiner Wahl oder ein anderes gepflegtes Getränk.
Nun zum eigentlichen Vergnügen: dem Kommentieren. Verliert der Spieler den Ball, seufzen Sie leicht und bemerken: „Der junge Mann läuft heute, als hätte er seine Schuhe im Schlussverkauf einer wenig vertrauenswürdigen Provinzstadt erworben. Absolut deplorabel.“
Erzielt Ihre Mannschaft ein Tor, springen Sie selbstverständlich nicht kreischend auf. Sie richten sich auf, klatschen mit ehrlicher Begeisterung in die Hände und verkünden: „Triumph! Das war ein herrschaftlicher Spielzug. Auf dieses Genie sollte man anstoßen.“
Begeht der Gegner ein Foul, genügt ein eisiger Blick zum Bildschirm. „Dieser Barbar gehört nicht auf einen Fußballplatz, sondern in eine Arrestzelle. Was für ein unkultiviertes Benehmen.“
In der Halbzeitpause wird die Gelegenheit genutzt, sich frisch zu machen, die Snacks aufzufüllen und einige Minuten über angenehmere Dinge des Lebens zu sprechen.
Und falls die eigene Mannschaft verliert?
Dann verliert man bitte nicht die Fassung.
Keine Tränen. Keine Wutausbrüche. Keine existenziellen Krisen.
Man nippt an seinem Getränk, betrachtet den Bildschirm mit höflicher Distanz und erklärt:
„Nun, das Spiel war ohnehin etwas vulgär. Das Ergebnis interessiert mich nicht im Geringsten. Wenden wir uns wieder den schönen Dingen des Lebens zu.“
Denn wahre Haltung zeigt sich nicht im Sieg. Sondern im Umgang mit der Niederlage.
Nun wünsche ich Ihnen eine wunderbare Weltmeisterschafts- oder Europameisterschaftszeit.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht lesen wir uns im nächsten Schreibstück wieder – oder im Rundbrief.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.