FUSSBALL FÜR MENSCHEN MIT HALTUNG

Veröffentlicht am 10. Juni 2026 um 09:30

Fussball ist objektiv betrachtet keine besonders elegante Sportart. Zweiundzwanzig Erwachsene rennen neunzig Minuten einem Ball hinterher, geraten in regelmässigen Abständen körperlich aneinander und fallen gelegentlich mit einer Dramatik zu Boden, bei der man für einen kurzen Augenblick mit dem Schlimmsten rechnet – bis der Betroffene wenige Sekunden später wieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit über den Rasen läuft. Als gesellschaftliches Schauspiel betrachtet, hat die Oper zweifellos einen gewissen Vorsprung. Dort wird zwar ebenfalls dramatisch gestorben, aber wenigstens hat vorher jemand ein Abendkleid angezogen. Und dennoch wäre es töricht, die Bedeutung des Fussballs zu unterschätzen. Welt- und Europameisterschaften gehören längst zu jenen seltenen Ereignissen, bei denen selbst Menschen, die elf Monate lang keinerlei Interesse an einem Strafraum zeigen, plötzlich mit bemerkenswerter Überzeugung über Aufstellungen, Schiedsrichterentscheidungen und taktische Fehler sprechen. Familien versammeln sich, Freunde treffen sich, Nachbarn hängen Fahnen aus den Fenstern, und irgendwo erklärt ein Mensch, der seit dem letzten Turnier kein einziges Spiel gesehen hat, mit vollkommener Sicherheit, weshalb der Trainer dringend die Formation ändern müsse. Fussball besitzt diese besondere Gabe: Er macht aus Millionen Zuschauern für neunzig Minuten Fachpersonal.

Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Kultiviertheit besteht schliesslich nicht darin, sich ausschliesslich für Dinge zu interessieren, die von Streichinstrumenten begleitet werden oder in schweren Büchern vorkommen. Ein Mensch darf Fussball lieben. Er darf mitfiebern, sich freuen, enttäuscht sein und über eine vollkommen unverständliche Entscheidung des Schiedsrichters einige Minuten lang ausgesprochen konkrete Ansichten besitzen. Die Frage lautet also nicht, ob man Fussball schaut. Die Frage lautet, wie man dabei Mensch bleibt. Beginnen wir mit der Kleidung. Nein, der Herr muss für das Viertelfinale kein weisses Hemd bügeln, und die Dame benötigt kein Sommerkleid, nur weil sich Haltung angeblich nicht im Schlafanzug beweisen lässt. Wir möchten ein Fussballspiel sehen und keinen Botschafter empfangen. Gepflegte Freizeitkleidung genügt vollkommen. Ein Poloshirt, ein Pullover, eine ordentliche Hose oder ein bequemes Ensemble sind ebenso geeignet wie ein Trikot, wenn man eines besitzt und es gern trägt. Fussball ist einer jener wenigen gesellschaftlichen Anlässe, bei denen ein erwachsener Mensch die Nummer eines anderen Erwachsenen auf dem Rücken tragen kann, ohne dass wir daraus zwingend eine Charakterstudie machen müssen. Beim eigenen Nachnamen wäre ich allerdings vorsichtig. Es gibt Selbstbewusstsein, und es gibt die Vorstellung, man gehöre möglicherweise selbst zum Kader. Auch Fanartikel sind nicht grundsätzlich geschmacklos. Ein Schal kann durchaus dazugehören. Eine Nationalflagge auf beiden Wangen würde ich persönlich eher dem Kindergartenalter überlassen, aber selbst hier droht bei Zuwiderhandlung kein Ausschluss aus der kultivierten Gesellschaft. Begeisterung darf sichtbar sein. Sie muss lediglich nicht aussehen, als sei ein Sportartikelgeschäft über einem Menschen explodiert.

Zu Hause darf man es sich gemütlich machen. Eine gute Decke, ein bequemes Sofa, angenehmes Licht und ein Tisch mit Getränken und etwas zu essen schaffen eine erheblich schönere Atmosphäre als jene Landschaft aus geöffneten Tüten, Flaschen, Fernbedienungen und zerknüllten Servietten, die nach manchen Spielen vermuten lässt, das eigentliche Turnier habe im Wohnzimmer stattgefunden. Man muss dafür selbstverständlich kein Silberbesteck auflegen. Cashewnüsse, Mandeln, Oliven, Erdbeeren oder Chips dürfen in Schalen, kleine Sandwiches auf einen Teller, und selbst eine Pizza verliert nichts von ihrer Berechtigung, nur weil sie nicht auf feinstem Porzellan serviert wird. Ein kultivierter Mensch kann Pizza essen, ohne augenblicklich sämtliche gesellschaftlichen Fähigkeiten einzubüssen. Das Ziel ist nicht, aus dem Fussballabend eine formelle Soirée zu machen. Es geht lediglich darum, dass Gemütlichkeit nicht automatisch Verwahrlosung bedeutet. Dasselbe gilt für Getränke. Wasser, Mineralwasser, Limonade, Tee, ein Cocktail oder etwas anderes nach persönlicher Vorliebe werden nach Möglichkeit eingeschenkt. Es gibt meines Wissens keine FIFA-Bestimmung, nach der Fussball zwingend von Bier aus der Flasche begleitet werden muss. Und wenn doch, dürfen wir diese Regel mit jener Gelassenheit ignorieren, mit der Fussballfans ohnehin sämtliche Regeln behandeln, sobald sie gegen die eigene Mannschaft ausgelegt werden.

Dann beginnt das Spiel – und damit jener Teil des Abends, in dem sich zeigt, wie belastbar die eigene sprachliche Erziehung tatsächlich ist. Ein ansonsten vernünftiger Mensch kann innerhalb weniger Minuten zu der Überzeugung gelangen, der Schiedsrichter sei nicht nur fachlich ungeeignet, sondern persönlich für einen beträchtlichen Teil des menschlichen Elends verantwortlich. Der gegnerische Spieler wird mit Begriffen bedacht, die man beim Sonntagsessen kaum verwenden würde, und der eigene Stürmer erhält vom Sofa aus taktische Anweisungen von Menschen, deren letzte aktive Fussballerfahrung vermutlich aus dem Sportunterricht stammt. Begeisterung darf sein. Man darf aufstöhnen, „Nein!“ rufen und sich fragen, wie um alles in der Welt dieser Ball nicht ins Tor gegangen ist. Ein Mensch, der bei einem entscheidenden Elfmeterschiessen vollkommen regungslos dasitzt und lediglich sagt: „Wie interessant“, wirkt weniger kultiviert als möglicherweise medizinisch auffällig. Haltung bedeutet nicht Gefühllosigkeit. Wenn ein Tor fällt, dürfen Sie aufspringen, jubeln, klatschen und Ihrem Sitznachbarn vor Freude um den Hals fallen. Nur muss nicht zwingend das gesamte Quartier akustisch daran teilnehmen. Und bitte werfen Sie nichts. Das Sofakissen hat mit dem Spielausgang nichts zu tun.

Was ich dagegen sehr empfehlen kann, ist eine gewisse sprachliche Kreativität beim Kommentieren. Ärger wird erheblich unterhaltsamer, sobald man ihm einen Wortschatz zugesteht. Verliert ein Spieler zum dritten Mal unnötig den Ball, könnte man selbstverständlich brüllen, er könne nicht Fussball spielen. Das ist allerdings weder originell noch besonders informativ. „Der junge Mann führt heute eine ausgesprochen theoretische Beziehung zum Ball“ besitzt deutlich mehr Charme. Bei einer misslungenen Flanke genügt: „Ein mutiger Versuch. Leider offenbar für ein anderes Spielfeld.“ Bei einer offensichtlichen Schwalbe: „Wie erfreulich, dass er sich von diesem beinahe tödlichen Luftzug bereits erholt hat.“ Ein grobes Foul lässt sich mit „Das war weniger Zweikampf als ein persönlicher Feldzug“ durchaus angemessen würdigen. Und trifft der Schiedsrichter eine Entscheidung, die aus Sicht des eigenen Wohnzimmers vollkommen unbegreiflich ist, darf man kühl feststellen: „Bemerkenswert. Offenbar betrachten wir heute unterschiedliche Sportarten.“ Man kann empört sein und trotzdem seinen Wortschatz behalten. Gerade darin liegt ein gewisser Reiz. Fussball darf laut sein; er muss uns sprachlich nicht auf drei Silben reduzieren.

Interessanter wird es, sobald man gemeinsam schaut. Einige Menschen möchten jede Szene kommentieren, andere während der gesamten neunzig Minuten schweigen. Manche erklären unaufgefordert jede Regel, selbst wenn sämtliche Anwesenden sie bereits kennen, und irgendwo sitzt zuverlässig ein Mensch, der ausgerechnet während eines gefährlichen Angriffs beginnt, ausführlich von einem Problem im Büro zu erzählen. Hier verlangt Fussball echte gesellschaftliche Disziplin. Wer das Spiel sehen möchte, darf darum bitten, längere Gespräche auf die Halbzeit zu verschieben. Wer sich besser auskennt, muss nicht jede Bemerkung korrigieren. Und wer weniger versteht, darf eine Frage stellen, ohne anschliessend einen zwanzigminütigen Vortrag über die Entwicklung des modernen Pressings erhalten zu müssen. Es ist ein Spiel, keine mündliche Abschlussprüfung. Besonders wichtig wird diese Haltung beim Public Viewing. Dort ist die eigene Begeisterung Teil einer grösseren Gesellschaft. Man stellt sich nicht dauerhaft vor andere Menschen, schüttet niemandem sein Getränk über die Kleidung, beleidigt keine gegnerischen Fans und behandelt Servicepersonal nicht so, als hätte es persönlich die Nachspielzeit festgelegt. Der Kellner kann nichts für den Schiedsrichter. Ich erwähne das nur, weil diese Information während grosser Turniere gelegentlich verloren zu gehen scheint. Rivalität gehört zum Sport, Feindseligkeit nicht. Der gegnerische Fan bleibt ein Mensch, auch wenn er sich aus unerklärlichen Gründen für die falsche Mannschaft entschieden hat.

Die Halbzeitpause ist eine ausgesprochen vernünftige Erfindung. Man steht auf, öffnet vielleicht kurz ein Fenster, füllt Getränke und Schalen nach, räumt erste Überreste fort und nutzt das Badezimmer. Wer Gäste hat, fragt, ob jemand etwas benötigt. Man kann sogar einige Minuten über angenehmere Dinge des Lebens sprechen. Wir müssen nicht sämtliche fünfzehn Minuten mit taktischen Analysen füllen; im Fernsehstudio sitzen bereits mehrere Menschen, die dafür bezahlt werden und diese Aufgabe mit grosser Ernsthaftigkeit übernehmen. Dann folgt die zweite Hälfte, und irgendwann kommt jener Augenblick, in dem sich Haltung tatsächlich bewähren muss: die Niederlage. Gewinnen ist gesellschaftlich ausgesprochen einfach. Man lächelt, jubelt, gratuliert und erklärt die eigene Mannschaft für hervorragend. Selbst Menschen mit eher durchschnittlicher Selbstbeherrschung wirken nach einem Sieg plötzlich bemerkenswert grosszügig. Verlieren ist interessanter. Natürlich darf man enttäuscht sein. Wer zwei Stunden mitgefiebert hat, muss nach dem Schlusspfiff nicht so tun, als sei ihm das Ergebnis vollkommen gleichgültig. „Das ist ärgerlich“ ist ein guter Satz. „Heute waren die anderen besser“ ist ein noch besserer, sofern er stimmt. Und falls man emotional noch nicht bereit ist, diese ausserordentliche Grosszügigkeit aufzubringen, genügt auch: „Ich möchte über die letzten zehn Minuten vorläufig nicht sprechen.“ Was wir dagegen vermeiden, sind Wutausbrüche, persönliche Beleidigungen, Türen, die plötzlich unter dem Endstand leiden müssen, und jene mehrtägige Trauerphase, in der die Familie den Eindruck bekommt, ein beträchtlicher Teil des Erbes sei verloren gegangen. Es war ein Fussballspiel. Ein wichtiges vielleicht. Aber ein Fussballspiel.

Gerade wenn Kinder dabei sind, lohnt sich ein wenig Selbstbeherrschung. Sie beobachten erstaunlich genau, wie Erwachsene mit Sieg und Niederlage umgehen. Wenn Erwachsene bei einem Tor ausgelassen jubeln und nach einer Niederlage Menschen beschimpfen, lernen Kinder weniger über Fussball als darüber, wie man mit Enttäuschung umgeht. Ein gemeinsames Turnier kann deshalb eine wunderbare Gelegenheit sein, etwas viel Interessanteres als Abseits zu vermitteln: Freude ohne Überheblichkeit und Enttäuschung ohne Kontrollverlust. Das ist Haltung. Vielleicht ist Fussball gerade deshalb gesellschaftlich interessanter, als sein Ruf in besonders kultivierten Kreisen vermuten lässt. Er bringt Menschen zusammen, schafft gemeinsame Erinnerungen und erzeugt für einige Wochen jene seltene Situation, in der dasselbe Ereignis gleichzeitig in Wohnzimmern, Restaurants und auf öffentlichen Plätzen verfolgt wird. Fremde sprechen miteinander, Familien treffen sich, Menschen hoffen gemeinsam auf etwas, dessen Ausgang keiner von ihnen kontrollieren kann. Darin liegt durchaus Schönheit. Nicht jede Form von Kultur benötigt einen Konzertflügel. Manchmal genügen zwei Tore, ein Rasen und zweiundzwanzig Menschen, die versuchen, einen Ball aneinander vorbeizubringen.

Die Eleganz liegt dann nicht im Sport selbst. Sie liegt bei uns: darin, wie wir Gäste empfangen, wie wir mitfiebern, wie wir über andere sprechen, wie wir gewinnen, ohne unerträglich zu werden, und vor allem darin, wie wir verlieren, ohne sämtliche Grundsätze gemeinsam mit dem Endstand über Bord zu werfen. Sie dürfen bei der nächsten Welt- oder Europameisterschaft also jubeln. Sie dürfen Snacks bereitstellen, Fahne zeigen, diskutieren und sich über einen misslungenen Pass ärgern. Sie dürfen sogar für neunzig Minuten überzeugt sein, taktisch erheblich begabter zu sein als ein Trainer, der seit dreissig Jahren beruflich nichts anderes tut. Diese Tradition scheint ohnehin nicht mehr aufzuhalten zu sein. Tun Sie es nur mit einer gewissen Form. Denn wahre Haltung zeigt sich beim Fussball nicht darin, unberührt zu bleiben. Sie zeigt sich darin, sich begeistern zu können, ohne sich dabei zu verlieren.

Dass Sie dieses Schreibstück bis zum Schlusspfiff begleitet haben, freut mich sehr. Ihre Aufmerksamkeit ist mir dabei lieber als jeder höflich vorgetäuschte Applaus – und dass Sie einen Teil Ihres Tages mit Lavin Classy verbracht haben, weiss ich aufrichtig zu schätzen. Wenn Sie auch zwischen den Schreibstücken mit mir in Verbindung bleiben möchten, finden Sie den Rundbrief wie gewohnt am Seitenende. Dort geht es für gewöhnlich etwas ruhiger zu; eine Verlängerung war bislang nicht nötig.

Und nun wünsche ich Ihnen für das nächste grosse Turnier eine wunderbare Zeit: gute Gesellschaft, etwas Ordentliches im Glas und eine Mannschaft, die Ihnen möglichst wenig Gelegenheit gibt, Ihre Selbstbeherrschung unter Beweis stellen zu müssen. Sollte sie dennoch verlieren, bleiben Sie grosszügig. Der Schiedsrichter wird seine Entscheidung vermutlich nicht ändern, nur weil Sie ihm vom Sofa aus die gesellschaftliche Ächtung ausgesprochen haben. 
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂

Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.

Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.