Es gibt eine stille Beobachtung, die sich im Alltag immer wieder bestätigt: Was ständig gezeigt werden muss, gehört selten selbstverständlich dazu. Das ist kein besonders barmherziger Gedanke, aber ein interessanter. Sobald etwas wirklich Teil unseres gewöhnlichen Lebens geworden ist, verliert es nämlich häufig genau jene Sensation, die uns anfangs dazu brachte, es festhalten zu wollen. Niemand fotografiert jeden Morgen seinen Wasserhahn, nur weil erfreulicherweise wieder Wasser herauskommt. Selbstverständlichkeiten besitzen wenig Talent für grosse Auftritte. Und vielleicht liegt gerade darin ihre eigentümliche Eleganz.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Nun wäre es etwas zu einfach, jeden Menschen, der sein Croissant fotografiert, umgehend einer tiefen gesellschaftlichen Analyse zu unterziehen. Manchmal sieht ein Croissant schlicht hervorragend aus. Manchmal steht man in einem schönen Café, das Licht fällt reizend auf den Tisch, und man möchte diesen Augenblick festhalten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Erinnerungen dürfen fotografiert werden. Schönheit darf Freude machen. Und wer auf einer Reise einen besonderen Ort besucht, muss nicht demonstrativ das Telefon in der Tasche lassen, nur um seine innere Souveränität unter Beweis zu stellen. Auch die demonstrative Nichtinszenierung kann schliesslich eine Inszenierung sein. Der Mensch ist erfinderisch, sobald er anderen Menschen beweisen möchte, wie wenig er ihnen beweisen muss.
Interessant wird es erst dort, wo aus dem Festhalten eine Gewohnheit des Vorzeigens wird. Nicht dieses eine Frühstück, sondern jedes. Nicht der besondere Einkauf, sondern jede Einkaufstasche. Nicht ein aussergewöhnlicher Abend, sondern die fortlaufende Dokumentation einer Lebensweise, deren einzelne Bestandteile immer wieder sichtbar bestätigt werden müssen. Die Tasse steht nicht einfach auf dem Tisch; ihr Markenname muss lesbar sein. Die Tasche liegt nicht zufällig daneben; sie hat ihre Position mit bemerkenswerter fotografischer Disziplin eingenommen. Der Autoschlüssel findet auf unerklärliche Weise ebenfalls ins Bild. Und die Rechnung wird selbstverständlich nicht gezeigt – irgendwo muss Diskretion schliesslich beginnen.
Was hier geschieht, hat weniger mit Fotografie als mit Bedeutung zu tun. Der Moment soll nicht bloss erlebt werden. Er soll etwas aussagen. Über Geschmack, Wohlstand, Zugang, Zugehörigkeit, Erfolg oder darüber, welche Art von Mensch man gern wäre. Das Bild wird zum Beweisstück einer Identität.
Das ist menschlich. Wir alle senden Signale. Kleidung tut es. Sprache tut es. Unsere Wohnung, Bücher, Umgangsformen und selbst die Dinge, über die wir uns demonstrativ nicht interessieren, tun es. Vollständig frei von Selbstdarstellung ist vermutlich kaum jemand. Schon die Entscheidung, etwas nicht zu zeigen, kann Teil eines Selbstbildes sein. Deshalb wäre es selbstgefällig, die Welt in jene einzuteilen, die inszenieren, und jene beneidenswert authentischen Wesen, die einfach nur existieren. So leicht kommen wir nicht davon.
Die interessantere Frage lautet: Wann beginnt die Darstellung, das Erleben zu ersetzen?
Man bemerkt es manchmal an einem eigentümlichen Ablauf. Etwas Schönes geschieht, und noch bevor man es wirklich betrachtet hat, wird bereits nach dem Telefon gegriffen. Das Essen ist noch nicht probiert, der Kaffee noch nicht getrunken, der Raum noch nicht aufgenommen. Zuerst muss das Bild entstehen. Man ordnet, verschiebt, richtet aus, wartet auf den richtigen Winkel und betrachtet den Augenblick anschliessend auf einem Bildschirm, obwohl er sich gerade in Originalgrösse vor einem befindet.
Der Moment erhält seine Gültigkeit offenbar erst nach der Dokumentation.
Das ist eine erstaunliche Umkehrung. Früher fotografierte man etwas, weil es geschehen war. Heute geschieht manches beinahe so, dass es fotografiert werden kann. Restaurants, Hotels, Geschäfte und selbst private Räume werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob sie sich gut darstellen lassen. Ein Tisch kann ausgezeichnet sein, aber wenn das Licht ungünstig fällt, hat er für gewisse Zwecke beinahe versagt.
Dabei ist gerade die Selbstverständlichkeit eine interessante Form von Wohlstand. Und mit Wohlstand meine ich hier nicht nur Geld. Wer etwas regelmässig besitzt oder erlebt, muss seine Bedeutung nicht bei jeder Gelegenheit neu bestätigen. Ein Mensch, der häufig gut essen geht, kann irgendwann tatsächlich einfach essen. Wer schöne Kleidung gewohnt ist, muss nicht jedes Etikett dokumentieren. Wer in einem gepflegten Zuhause lebt, darf gelegentlich einen Nachmittag darin verbringen, ohne vorher sämtliche Kissen für ein Publikum aufzuschütteln, das gar nicht eingeladen ist.
Das Vertraute wird leise.
Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen von Reisen. Am ersten Tag fotografiert man beinahe jede Strasse. Nach einiger Zeit geht man dieselbe Strasse entlang und denkt darüber nach, ob man noch Zahnpasta kaufen muss. Nicht weil der Ort weniger schön geworden wäre, sondern weil er begonnen hat, zum eigenen Alltag zu gehören. Vertrautheit nimmt einem Erlebnis nicht seinen Wert. Sie nimmt ihm lediglich die Notwendigkeit, sich ständig als aussergewöhnlich vorzustellen.
Genau deshalb kann permanentes Vorzeigen unbeabsichtigt das Gegenteil dessen vermitteln, was beabsichtigt war. Wer jede Begegnung mit Luxus wie eine seltene Tierbeobachtung dokumentiert, verrät damit möglicherweise vor allem, dass sie als aussergewöhnlich empfunden wird. Das ist keineswegs beschämend. Im Gegenteil: Sich über etwas Besonderes zu freuen, ist sehr sympathisch. Nur sollte man dann vielleicht nicht gleichzeitig versuchen, den Eindruck zu erwecken, es handle sich um die vollkommen gewöhnliche Kulisse eines Lebens, das seit Generationen nichts anderes kennt.
Die inszenierte Selbstverständlichkeit besitzt einen kleinen Widerspruch: Echte Selbstverständlichkeit muss nicht wie Selbstverständlichkeit aussehen.
Sie ist einfach da.
Vielleicht sitzt deshalb eine Frau in einem ausgezeichneten Restaurant und unterhält sich, während am Nebentisch jemand versucht, seine Handtasche, zwei Gläser und einen Teller Pasta in eine überzeugende gesellschaftliche Erzählung zu verwandeln. Die eine ist nicht automatisch kultivierter als die andere. Wir kennen beide nicht. Vielleicht ist die fotografierende Person reizend und die andere unerträglich. Ästhetische Zurückhaltung ist noch kein Charakterzeugnis. Aber die Szene zeigt einen Unterschied zwischen Erleben und Vermitteln.
Der eine Augenblick findet statt.
Der andere muss gleichzeitig etwas über sich behaupten.
Besonders deutlich wird das bei Dingen, deren Wert bereits durch ihren Preis oder Namen gesellschaftlich aufgeladen ist. Luxusmarken, exklusive Hotels, bestimmte Restaurants, Autos, Reisen. Sobald diese Dinge ins Bild treten, scheint manchmal nicht mehr der Gegenstand selbst die Hauptrolle zu spielen, sondern die Tatsache, dass man Zugang zu ihm hatte. Die Einkaufstasche wird wichtiger als das Gekaufte. Das Hotelzimmer wichtiger als die Erholung. Der Tisch wichtiger als das Gespräch.
Das ist bedauerlich, denn Luxus verliert einen beträchtlichen Teil seines Reizes, sobald er zur Beweisführung verpflichtet wird.
Ein gutes Hotel sollte vor allem dazu führen, dass man gut schläft. Eine schöne Tasche sollte Dinge tragen. Ein ausgezeichnetes Restaurant sollte einen Abend bereichern. Und Champagner hat, soweit mir bekannt ist, weiterhin die bemerkenswerte Bestimmung, getrunken zu werden. Man muss ihn nicht zunächst zwanzig Minuten unter verschiedenen Lichtverhältnissen dokumentieren. Er wird davon nicht besser. Wärmer allerdings schon.
Dabei ist das Bedürfnis nach Bestätigung keineswegs auf kostspielige Dinge beschränkt. Man kann auch Bescheidenheit inszenieren. Bücherstapel, Teetassen, Waldspaziergänge, selbst gebackenes Brot, Blumen vom Markt, ein ruhiger Sonntag – auch das stille Leben kann erstaunlich laut präsentiert werden. Irgendwann ist selbst die angebliche Abkehr von der Selbstdarstellung eine sorgfältig kuratierte Selbstdarstellung geworden. Die Teetasse trägt dann vielleicht kein sichtbares Logo, muss dafür aber zuverlässig neben einem aufgeschlagenen Klassiker stehen.
Das ist einer der amüsanteren Widersprüche unserer Zeit: Wir haben gelernt, sogar Natürlichkeit zu arrangieren.
Deshalb geht es mir nicht darum, eine bestimmte Ästhetik gegen eine andere auszuspielen. Ein Bild von einer Yacht ist nicht automatisch oberflächlicher als eines von einem Leinenkleid im Garten. Die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Warum zeige ich das?
Weil ich mich darüber freue? Weil ich eine Erinnerung teilen möchte? Weil ich etwas Schönes entdeckt habe? Weil ich jemandem eine Idee geben möchte? Wunderbar.
Oder weil der Augenblick für mich an Wert verliert, wenn andere ihn nicht sehen?
Dort lohnt sich ein wenig Aufmerksamkeit.
Denn ein Leben, das fortwährend bestätigt werden muss, wird irgendwann anstrengend. Nicht nur für jene, die es betrachten, sondern vor allem für den Menschen, der es führt. Plötzlich genügt es nicht mehr, einen schönen Nachmittag zu haben. Er muss auch nach einem schönen Nachmittag aussehen. Ein Urlaub darf nicht bloss erholsam sein; er muss Material liefern. Das Essen muss nicht nur schmecken, sondern eine gewisse optische Verantwortung übernehmen. Selbst ein Geburtstag wird zu einer Produktion, bei der Blumen, Kuchen und Geschenke neben ihrer eigentlichen Aufgabe noch beweisen sollen, dass das Leben angemessen gelungen ist.
Man könnte meinen, selbst Glück benötige inzwischen Öffentlichkeitsarbeit.
Dabei gehören die kostbarsten Dinge unseres Lebens häufig zu jenen, für die es kaum Bilder gibt. Ein Gespräch, bei dem niemand an sein Telefon gedacht hat. Ein Abendessen, das bereits halb aufgegessen war, bevor jemand auf die Idee kam, es hätte hübsch ausgesehen. Ein Kind, das etwas Komisches sagte und dessen Satz nur in der Erinnerung der Anwesenden weiterlebt. Ein stiller Morgen. Ein Spaziergang. Ein vertrauter Mensch am anderen Ende des Tisches.
Diese Augenblicke besitzen keinen geringeren Wert, weil niemand ausser uns von ihnen weiss.
Vielleicht sogar im Gegenteil.
Privatheit gibt einem Erlebnis eine besondere Form von Tiefe. Was nicht sofort veröffentlicht wird, bleibt zunächst bei uns. Wir dürfen entscheiden, was davon geteilt wird und was nicht. Das ist keine Geheimniskrämerei. Es ist Besitz im eigentlichen Sinne: Ein Teil des eigenen Lebens gehört tatsächlich noch einem selbst.
Das scheint mir heute beinahe luxuriöser als manches, das unter diesem Begriff verkauft wird.
Natürlich bedeutet das nicht, soziale Medien zu verteufeln. Sie können inspirieren, verbinden, unterhalten und Erinnerungen bewahren. Auch Lavin Classy existiert schliesslich nicht auf Pergamentrollen, die zweimal im Jahr von einem diskreten Boten zugestellt werden. Sichtbarkeit hat ihren Zweck. Wer schreibt, gestaltet, fotografiert oder ein Projekt führt, wird etwas davon zeigen müssen, wenn andere es finden sollen.
Aber zwischen Teilen und Beweisen liegt ein Unterschied.
Teilen sagt: Das hat mir gefallen.
Beweisen sagt: Sehen Sie, was mein Leben über mich aussagt.
Der Unterschied ist von aussen nicht immer eindeutig. Deshalb sollte man ihn auch nicht vorschnell bei anderen diagnostizieren. Wir kennen die Motive hinter einem Bild selten. Aber bei uns selbst dürfen wir genauer sein. Würde ich diesen Moment ebenso geniessen, wenn niemand davon erführe? Würde ich dieses Produkt ebenso gern besitzen, wenn der Markenname unsichtbar wäre? Würde ich an diesen Ort gehen, wenn ich dort kein einziges Foto machen dürfte?
Das sind unangenehm gute Fragen.
Ein kultivierter Mensch muss sein Leben deshalb nicht verstecken. Zurückhaltung bedeutet nicht Unsichtbarkeit. Es geht nicht darum, nie wieder ein Café zu fotografieren, eine Reise zu teilen oder sich über einen schönen Kauf zu freuen. Es geht um das Mass – und um die Freiheit, einen schönen Moment nicht sofort in eine öffentliche Aussage verwandeln zu müssen.
Eine Hochzeit darf fotografiert werden. Eine Reise ebenso. Ein aussergewöhnlicher Abend, ein gedeckter Tisch, ein Kleid, ein Blumenstrauss, ein wunderschöner Morgen – selbstverständlich. Aber nicht jeder Kaffee benötigt eine Pressekonferenz.
Und vielleicht sollte manches gerade deshalb ungeteilt bleiben, weil es schön war.
Nicht als künstliche Geheimniskrämerei. Sondern weil Erinnerung eine andere Qualität besitzt, wenn sie nicht gleichzeitig für Betrachter produziert wurde. Man war dort nicht Darsteller und Dokumentarist des eigenen Lebens. Man war schlicht anwesend.
Das ist eine Form von Souveränität, die sich nur schwer vortäuschen lässt.
Sie zeigt sich darin, dass man einen Raum betreten kann, ohne sofort zu überlegen, welches Bild sich daraus machen liesse. Dass man etwas Schönes kaufen kann, ohne die Tasche anschliessend als gesellschaftlichen Zeugen auftreten zu lassen. Dass man gut essen kann und der erste Bissen tatsächlich gegessen wird. Dass man einen glücklichen Moment erleben kann und niemand ausser den Beteiligten je erfahren muss, wie glücklich er war.
Selbstverständlichkeit ist leise, weil sie keine Verteidigung benötigt.
Und Reichtum – finanzieller ebenso wie persönlicher – zeigt sich vielleicht weniger darin, wie viele aussergewöhnliche Dinge man vorweisen kann, als darin, wie selbstverständlich man sie behandeln kann. Wer genug besitzt, muss nicht jeden Besitz zum Ereignis erklären. Wer sich seiner selbst sicher ist, muss nicht jeden Augenblick zur Bestätigung seiner Identität benutzen. Und wer weiss, dass ein Moment wertvoll war, braucht nicht zwingend die Zustimmung eines Publikums.
Vielleicht ist das die eigentliche Eleganz: nicht weniger zu erleben, sondern weniger beweisen zu müssen.
Wenn Sie bis hierher gelesen haben, haben Sie mir etwas ausgesprochen Passendes geschenkt: Aufmerksamkeit, die niemand ausser uns beiden sehen musste. Keine Aufnahme davon, keine öffentliche Bestätigung, kein Beweis. Sie haben sich schlicht einige Minuten Zeit genommen. Genau deshalb möchte ich Ihnen heute dafür danken. Nicht jeder wertvolle Austausch braucht Zuschauer, und dass meine Gedanken in Ihrer stillen Lesezeit einen Platz bekommen, weiss ich sehr zu schätzen.
Falls Sie Lavin Classy gelegentlich noch etwas privater begegnen möchten, finden Sie am Seitenende den Rundbrief. Dort setzen wir unsere Korrespondenz fort, ohne aus jedem Gedanken gleich eine öffentliche Veranstaltung machen zu müssen.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und wenn Ihnen heute ein besonders schöner Kaffee serviert wird, dürfen Sie ihn selbstverständlich fotografieren. Sie dürfen ihn allerdings auch einfach trinken. Niemand muss erfahren, dass er ausgezeichnet war. Sie werden es wissen.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.