Es ist derzeit ausgesprochen en vogue, einen bestimmten Lebensstil zu imitieren: zurückhaltend, gediegen, angeblich von altem Bestand. Man trägt gedeckte Farben, stellt Blumen in schwere Vasen, entdeckt plötzlich eine bemerkenswerte Leidenschaft für Silbertabletts und spricht mit grosser Selbstverständlichkeit von „zeitlos“, als habe man persönlich mehrere Generationen damit verbracht, den Begriff zu erproben. Das alles kann ausgesprochen hübsch aussehen. Nur besitzt Schönheit noch eine zweite, etwas anspruchsvollere Schwester: Glaubwürdigkeit. Und die lässt sich bedauerlicherweise nicht zusammen mit dem Kaschmirpullover bestellen.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Nun, selbstverständlich darf man sich inspirieren lassen. Niemand kommt mit einem angeborenen Wissen darüber zur Welt, welches Glas zu welchem Getränk gehört, wie ein Tisch angenehm gedeckt wird oder weshalb drei gute Dinge in einem Raum häufig überzeugender wirken als dreizehn mittelmässige. Geschmack entwickelt sich. Man beobachtet, lernt, verwirft und übernimmt. Es wäre sogar ausgesprochen merkwürdig, würde ein Mensch mit exakt demselben ästhetischen Urteil durchs Leben gehen, das er mit siebzehn besass. Einige Entscheidungen unserer Jugend verdienen Erinnerung. Andere verdienen Diskretion.
Problematisch wird es erst, wenn Inspiration zur Aufführung wird. Ein gelebter Stil erkennt man nicht daran, dass er gezeigt wird. Man erkennt ihn daran, dass er sich nicht verändert, nur weil jemand hinsieht. Wer auch an einem gewöhnlichen Mittwoch aus derselben Tasse trinkt, die am Sonntag für Gäste auf den Tisch kommt, benutzt sie. Wer sie dagegen fünf Minuten vor dem Besuch aus dem Schrank holt, sorgfältig neben ein Buch legt, das er nie gelesen hat, und einen Zweig daneben arrangiert, hat möglicherweise weniger einen Lebensstil als eine kleine Bühnenproduktion geschaffen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Man sollte nur die Eintrittskarten nicht mit Authentizität verwechseln.
Inszenierung besitzt eine gewisse Nervosität. Sie muss ständig überprüfen, ob das Bild noch stimmt. Passt der neue Sessel zur gewünschten Wirkung? Ist die Vase inzwischen zu modern? Ist der Teppich ausreichend klassisch? Darf auf dem Küchentisch eine Packung Taschentücher liegen, oder gefährdet sie bereits die familiäre Grandezza? Ein Zuhause, das vor allem beeindrucken soll, wird irgendwann erstaunlich anstrengend. Man lebt dann nicht mehr mit Dingen, sondern verwaltet ihre Aussenwirkung.
Ein kultivierter Haushalt arbeitet anders. Er bleibt.
Das bedeutet nicht, dass sich darin niemals etwas verändert. Selbstverständlich werden Möbel ersetzt, wenn sie kaputt sind. Wände werden gestrichen. Ein Bild wird umgehängt, ein Teppich ausgetauscht, ein Schrank abgegeben, weil er nicht mehr zum Leben passt. Beständigkeit bedeutet nicht, dass ein Wohnzimmer seit 1987 unter Denkmalschutz stehen muss. Sie bedeutet vielmehr, dass Veränderungen aus einem tatsächlichen Grund entstehen und nicht aus der ständigen Sorge, das eigene Zuhause könne ästhetisch aus der Mode geraten.
Ein Tisch steht deshalb nicht dort, weil er auf einem Foto gut wirkt. Er steht dort, weil an ihm gegessen, gelesen, geschrieben, diskutiert und gelegentlich eine Rechnung liegen gelassen wird, die man morgen ganz bestimmt erledigt. Er darf Gebrauchsspuren bekommen. Holz altert. Stoff verändert sich. Leder entwickelt Patina. Ein Sessel, in dem seit Jahren gelesen wird, sieht irgendwann aus, als sei in ihm seit Jahren gelesen worden. Das ist keine ästhetische Katastrophe. Es ist der ziemlich überzeugende Beweis dafür, dass ein Zuhause tatsächlich bewohnt wird.
Gerade diese Spuren werden in inszenierten Räumen häufig mit grosser Entschlossenheit bekämpft. Alles soll aussehen, als sei es soeben geliefert worden. Die Kissen stehen aufrecht, die Decken liegen in jener künstlichen Lässigkeit über der Sofalehne, für die offenbar überraschend viel Vorbereitung notwendig ist, und auf dem Couchtisch befindet sich ein Buch von der Grösse einer kleineren Gehwegplatte. Manchmal frage ich mich, ob diese Bücher jemals geöffnet werden oder ob ihr gesellschaftlicher Auftrag mit dem Besitz eines Leinenumschlags bereits vollständig erfüllt ist.
Bücher sind überhaupt ein schönes Beispiel. Eine Bibliothek entsteht, weil jemand liest. Nicht weil Bücher eine ausgesprochen praktische Möglichkeit darstellen, einer Wand intellektuelle Tiefe zu verleihen. Wer seine Bücher nach Farben ordnen möchte, darf das selbstverständlich tun. Die Polizei wird nicht kommen. Aber ein gelesenes, zerlesenes Buch mit einem Knick im Umschlag besitzt für mich mehr Würde als zwanzig makellose Bände, deren wichtigste Aufgabe darin besteht, mit dem Teppich zu harmonieren. Kultur ist schliesslich keine Farbpalette.
Dasselbe gilt für Geschirr, Tischwäsche, Gläser und all jene Dinge, die gern als Beweis eines bestimmten Lebensstils eingesetzt werden. Gutes Porzellan gewinnt nicht dadurch an Bedeutung, dass es hinter einer Glastür bewundert wird. Es gewinnt dadurch, dass Suppe daraus gegessen wird. Ein schönes Glas darf an einem Dienstag auf dem Tisch stehen. Die Stoffserviette benötigt keinen Geburtstag, um ihren Schrank verlassen zu dürfen. Wer gute Dinge besitzt, sollte sie benutzen. Sonst besitzt man irgendwann keinen kultivierten Haushalt, sondern ein privates Museum mit ausgesprochen eingeschränkten Öffnungszeiten.
Vielleicht ist genau das einer der grössten Unterschiede zwischen gelebtem und dargestelltem Stil: Das Gelebte besitzt keinen besonderen Anlass. Es ist auch vorhanden, wenn niemand kommt. Der Tisch wird nicht nur für Gäste ordentlich gedeckt. Die Wohnung wird nicht ausschliesslich vor Besuch aufgeräumt. Man zieht nicht erst dann etwas Gepflegtes an, wenn eine andere Person es sehen könnte. Gute Dinge werden nicht für einen zukünftigen Moment konserviert, an dem das Leben endlich wichtig genug erscheint.
Das Inszenierte dagegen benötigt Publikum. Ohne Blick von aussen verliert es einen Teil seines Zwecks. Deshalb muss es sichtbar gemacht werden. Das Frühstück wird arrangiert, bevor es gegessen wird. Der Blumenstrauss wird aus drei Perspektiven aufgenommen. Der neue Mantel benötigt eine Gelegenheit, beiläufig erwähnt zu werden. Und selbstverständlich darf man Freude an schönen Bildern haben. Ich sehe keinerlei moralisches Problem darin, einen hübsch gedeckten Tisch zu fotografieren. Problematisch wird es erst, wenn der gedeckte Tisch mehr Aufmerksamkeit erhält als die Menschen, die daran sitzen sollen.
Wir leben in einer Zeit, in der das durchaus leicht passieren kann. Noch nie war es so einfach, andere Lebensweisen zu beobachten. Wir sehen Häuser, Kleiderschränke, Frühstückstische, Ferien, Bücherregale und Badezimmer fremder Menschen. Selbst die Speisekammer hat inzwischen einen öffentlichen Auftritt. Man kann sich davon inspirieren lassen, doch irgendwann entsteht leicht der Eindruck, das eigene Leben müsse ebenfalls eine erkennbare Ästhetik besitzen. Nicht nur schön sein, sondern als etwas Bestimmtes lesbar werden.
Das ist eine seltsame Entwicklung. Früher hatte ein Haushalt einen Stil, weil Menschen über Jahre Dinge auswählten, erbten, kauften, reparierten und behielten. Heute kann man sich innerhalb eines Wochenendes einen vermeintlich „zeitlosen“ Haushalt zusammenstellen. Man benötigt nur die richtige Suchfunktion und ausreichend Pakete. Das Ergebnis mag tadellos aussehen. Nur hat Zeitlosigkeit die unangenehme Eigenschaft, Zeit zu benötigen.
Was Bestand hat, entsteht durch Auswahl und Wiederholung. Ein Tisch wird wertvoll, weil an ihm Jahre verbracht wurden. Ein Rezept wird zur Tradition, weil es wieder gekocht wird. Ein Mantel wird zum vertrauten Stück, weil man ihn über viele Winter getragen hat. Ein Geschirr bekommt Bedeutung, weil Geburtstage, Sonntage und ganz gewöhnliche Abendessen darauf stattgefunden haben. Kein Hersteller kann diese Schicht mitliefern. Sie entsteht erst im Gebrauch.
Deshalb ist die Vorstellung, man könne sich einen „alten“ Lebensstil durch die richtigen Gegenstände aneignen, ein wenig amüsant. Herkunft lässt sich nicht dekorieren. Und sie muss es auch gar nicht. Niemand benötigt ein Familienanwesen, geerbtes Silber oder einen Grossvater, dessen Porträt über dem Kamin eine missbilligende Aufsicht über das Wohnzimmer führt. Ein kultiviertes Leben entsteht nicht durch den Versuch, eine Vergangenheit darzustellen, die man nie hatte. Es entsteht dadurch, dass man dem eigenen Leben Form gibt.
Dazu gehört auch, nicht mehr darzustellen, als tatsächlich vorhanden ist. Wer in einer kleinen Mietwohnung lebt, darf eine kleine Mietwohnung kultiviert führen. Wer Möbel aus verschiedenen Jahrzehnten besitzt, darf daraus einen guten Raum machen. Wer nur sechs Weingläser hat, benötigt keine zwölf, um gesellschaftliche Reife zu beweisen. Und wer kein Silberbesteck geerbt hat, kann erstaunlicherweise trotzdem wissen, wie man eine Gabel benutzt. Die Zivilisation ist robuster, als manche Einrichtungsratgeber vermuten lassen.
Ein überzeugender Stil beginnt deshalb mit Ehrlichkeit. Was gefällt mir tatsächlich? Was benutze ich? Was passt zu meinem Leben? Welche Dinge würde ich auch dann wählen, wenn niemand sie sehen könnte? Diese Fragen sind erheblich interessanter als die Frage, ob etwas gerade als elegant gilt. Denn Trends besitzen die bemerkenswerte Angewohnheit, uns Dinge zunächst als unverzichtbar zu verkaufen und einige Jahre später so zu behandeln, als sei ihr Besitz ein persönlicher Fehltritt gewesen.
Wer Haltung besitzt, muss diesen Rhythmus nicht mitmachen. Er darf etwas behalten, obwohl es gerade nicht besonders modern ist. Er darf einen alten Schrank mögen. Er darf eine Farbe wählen, die nicht in der aktuellen Saison vorgesehen war. Er darf denselben Esstisch zwanzig Jahre lang besitzen, sofern er funktioniert und gefällt. Das klingt beinahe revolutionär, obwohl unsere Grosseltern vermutlich lediglich gefragt hätten, weshalb man einen guten Tisch überhaupt ersetzen sollte.
Bewahren bedeutet dabei nicht, alles zu behalten. Auch das wäre keine Haltung, sondern möglicherweise ein Platzproblem. Ein kultivierter Haushalt trennt sich durchaus von Dingen. Aber er tut es nicht aus Nervosität. Etwas darf gehen, weil es kaputt ist, nicht mehr gebraucht wird, schlecht funktioniert oder tatsächlich nicht mehr zum eigenen Leben gehört. Es muss nicht gehen, weil irgendwo beschlossen wurde, dass nun eine andere Holzfarbe angesagt sei.
Diese Ruhe überträgt sich übrigens vom Raum auf den Menschen. Auch im Auftreten erkennt man Inszenierung häufig an der Anstrengung. Wer unbedingt elegant wirken möchte, kontrolliert jede Geste. Die Stimme wird künstlich verändert, die Wortwahl demonstrativ verfeinert, und plötzlich bekommt selbst die Bestellung eines Kaffees etwas von einer Audienz. Das ist nicht notwendig. Gute Umgangsformen dürfen selbstverständlich wirken. Ein Mensch mit Haltung muss nicht ständig beweisen, dass er welche besitzt.
Gerade darin liegt die angenehmste Form von Eleganz: Sie vergisst sich selbst. Sie ist beschäftigt mit dem Gespräch, nicht mit der eigenen Wirkung. Sie deckt einen Tisch, weil Menschen daran essen sollen. Sie kauft Blumen, weil sie Blumen mag. Sie liest Bücher, weil sie wissen möchte, was darin steht. Sie trägt einen guten Mantel, weil er warm hält und gefällt. Und sie benutzt das schöne Porzellan, weil heute Dienstag ist und Dienstag als Begründung vollkommen genügt.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, wie ein kultiviertes Leben aussieht, und etwas mehr darüber, wie es sich anfühlt. Ein wirklich gutes Zuhause besitzt eine gewisse Ruhe. Man weiss, wo Dinge hingehören. Man kennt seine Gegenstände. Man benutzt sie. Man muss nicht ständig etwas ergänzen. Es gibt nichts zu beweisen. Ein Gast darf sein Glas auf den Tisch stellen, ohne dass der Gastgeber innerlich den Wiederverkaufswert der Oberfläche berechnet. Ein Kissen darf verrutschen. Ein Kind darf leben. Ein Buch darf offen liegen.
Das ist keine Nachlässigkeit. Es ist Sicherheit.
Denn wer seinen Stil kennt, muss ihn nicht ständig verteidigen. Wer weiss, was ihm gefällt, benötigt nicht jede Saison eine neue Bestätigung. Und wer sein Zuhause tatsächlich bewohnt, darf Spuren darin hinterlassen. Kultiviertheit ist kein Zustand makelloser Unberührtheit. Sie ist die Fähigkeit, Dinge gut zu behandeln, ohne ihnen mehr Bedeutung zu geben als dem Leben, dem sie dienen.
Vielleicht liegt genau deshalb etwas ausgesprochen Würdevolles in Häusern, Kleidern und Gewohnheiten, die geblieben sind. Sie mussten niemandem beweisen, dass sie zeitlos sind. Sie hatten schlicht genügend Zeit, es zu werden.
Das Inszenierte möchte gesehen werden. Das Echte hält sich nicht damit auf.
Und was wirklich zum eigenen Leben gehört, muss selten erklärt werden. Es steht an seinem Platz, wird benutzt, gepflegt, gelegentlich repariert und irgendwann vielleicht weitergegeben. Es benötigt kein Publikum und keine passende Bildunterschrift. Es bleibt – ganz ohne jemanden davon überzeugen zu müssen, dass es Bestand hat.
Dass Sie diesem Schreibstück Ihre Zeit geschenkt und den Gedanken bis hierher begleitet haben, weiss ich sehr zu schätzen. In einer Welt, in der beinahe alles darauf ausgelegt ist, unseren Blick möglichst schnell zum Nächsten weiterzuziehen, ist aufmerksames Lesen selbst eine kleine Form von Beständigkeit. Ich danke Ihnen dafür – und wünsche Ihnen, dass Sie heute wenigstens eine Sache in Ihrem Leben ansehen und nicht überlegen, wodurch sie ersetzt werden könnte, sondern weshalb sie vielleicht längst gut genug ist.
Sollten Sie zwischen den Schreibstücken gern wieder von Lavin Classy hören, finden Sie am unteren Ende dieser Seite den Rundbrief. Dort schreibe ich Ihnen in angenehmen Abständen – ohne tägliche Lebensweisheiten, dringende Kaufempfehlungen oder die Nachricht, dass Sie Ihren Esstisch dringend neu erfinden müssen. Wir werden beide damit zurechtkommen.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und falls Ihr Zuhause heute nicht vollkommen aussieht, setzen Sie sich hinein und leben Sie darin. Das war schliesslich einmal der Sinn der Sache.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.