Es ist derzeit ausgesprochen en vogue, einen bestimmten Lebensstil zu imitieren zurückhaltend, gediegen, angeblich von altem Bestand. Man spricht mit großer Selbstverständlichkeit darüber, als ließe sich Haltung wie ein Kleidungsstück anlegen.
Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Nun, das lässt sich selbstverständlich versuchen. Es bleibt nur selten überzeugend. Ein gelebter Stil erkennt man nicht daran, dass er gezeigt wird. Man erkennt ihn daran, dass er sich nicht verändert, nur weil jemand hinsieht. Inszenierung hingegen hat eine gewisse Nervosität. Sie erneuert sich ständig, justiert, korrigiert, ersetzt. Heute dieses Arrangement, morgen ein anderes. Es ist eine Form von Unruhe, die sich als Eleganz verkleidet. Ein wirklich kultivierter Haushalt arbeitet anders. Er bleibt.
Die Möbel stehen nicht für ein Bild. Sie stehen, weil sie ihren Platz haben. Ein Tisch wird benutzt, nicht inszeniert. Ein Sessel darf Spuren tragen, ohne dass jemand in Panik gerät. Bücher werden gelesen, nicht farblich aufgereiht, um Eindruck zu hinterlassen. Auch der Umgang mit Dingen ist aufschlussreich.
Wer darstellen möchte, sucht ständig nach Ergänzung. Wer Haltung besitzt, bewahrt.
Es ist eine bemerkenswerte Eigenheit unserer Zeit, dass man glaubt, Beständigkeit durch ständige Veränderung erzeugen zu können. Das Ergebnis ist vorhersehbar: eine sehr anstrengende Form von Eleganz. Der Unterschied ist dabei denkbar einfach. Das Inszenierte möchte gesehen werden. Das Echte hält sich nicht damit auf.
Und vielleicht liegt genau darin der Kern der Sache:
Was wirklich zum eigenen Leben gehört, muss nicht erklärt werden. Es bleibt – ganz ohne Publikum.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Behalten Sie Maß – im Raum wie im Auftreten – und begleiten Sie den nächsten Gedanken gern wieder, vielleicht auch im Rundbrief.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Weitere Gedanken finden Sie auch im Rundbrief. Das Foyer öffnet sich hier.