DIE KUNST DER BEGRÜSSUNG

Veröffentlicht am 18. April 2026 um 09:30

Man könnte meinen, die Gesellschaft habe die einfachsten Formen des Anstands verlernt. Nicht vollständig natürlich. Wir sind durchaus noch in der Lage, einander wahrzunehmen. Nur geschieht dies gelegentlich auf eine Weise, die vermuten lässt, eine ordentliche Begrüssung sei eine gesellschaftliche Sonderleistung, für die im gewöhnlichen Alltag leider kein Budget mehr vorgesehen ist. Man betritt ein Geschäft und hört ein beiläufiges „Hoi“, „Tschou“ oder „Sälü“, gelegentlich begleitet von jener Tonlage, die eher an einen Pausenhof erinnert als an einen Ort, an dem zwei erwachsene Menschen einander begegnen. Im ungünstigeren Fall geschieht gar nichts. Man steht vor der Kasse, legt seine Einkäufe hin und wird behandelt, als hätten die Waren beschlossen, sich selbst zu bezahlen. Dabei benötigt eine gute Begrüssung weder Zeit noch besondere Begabung. Sie benötigt lediglich die Bereitschaft, einen anderen Menschen für einige Sekunden als solchen wahrzunehmen.

Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.

Eine Begrüssung ist keine sprachliche Nebensächlichkeit. Sie eröffnet eine Begegnung und bestimmt damit häufig deren Ton, noch bevor überhaupt etwas Inhaltliches gesagt wurde. „Guten Morgen“, „Grüezi“ oder „Grüessech“ sind keine bedeutenden Sätze. Gerade darin liegt ihre Eleganz. Sie verlangen nichts, erklären nichts und drängen sich nicht auf. Sie sagen lediglich: Ich habe Sie gesehen. Für einen kurzen Augenblick erkenne ich an, dass wir denselben Raum miteinander teilen. Mehr muss Höflichkeit an dieser Stelle gar nicht leisten.

Welche Begrüssung angemessen ist, richtet sich nach Situation, Tageszeit und Beziehung. Am Morgen ist ein schlichtes „Guten Morgen“ passend, ungefähr bis in den späteren Vormittag hinein. Danach übernimmt „Guten Tag“, und gegen Abend selbstverständlich „Guten Abend“. Eine mathematisch exakte Grenzziehung ist dafür allerdings nicht erforderlich. Niemand sollte um 9.59 Uhr nervös auf die Uhr sehen, weil „Guten Morgen“ in sechzig Sekunden seine gesellschaftliche Zulassung verliert. Sprache ist keine Parkuhr. Entscheidend ist, dass die Anrede zur Situation passt und bewusst ausgesprochen wird. Ein freundliches „Guten Morgen“ um kurz nach zehn wird die Zivilisation ebenso überstehen wie ein „Guten Tag“ etwas früher.

In der deutschsprachigen Schweiz haben wir darüber hinaus einen kleinen Vorteil: Wir besitzen mit „Grüezi“ und „Grüessech“ Begrüssungen, die gleichzeitig alltäglich und respektvoll sein können. Sie funktionieren im Geschäft, im Restaurant, im Treppenhaus, in einer Praxis, bei einer kurzen Begegnung auf dem Weg und überall dort, wo Vertrautheit nicht vorausgesetzt werden sollte. Trifft man auf mehrere Menschen, werden daraus „Grüezi mitenand“ oder „Grüessech mitenand“. Es sind angenehme Formen, weil sie weder steif noch kumpelhaft wirken müssen. Sie lassen genügend Nähe für Freundlichkeit und genügend Abstand für Respekt. Eine ausgesprochen brauchbare gesellschaftliche Konstruktion also – wir sollten sie nicht leichtfertig gegen ein genuscheltes „Sälü“ eintauschen, nur weil Letzteres eine Silbe weniger Arbeit verursacht.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass „Hoi“ grundsätzlich unhöflich wäre. Unter Freunden, in der Familie, unter Kollegen mit entsprechender Vertrautheit oder in einem bewusst lockeren Umfeld ist es vollkommen natürlich. Auch ein „Sälü“ kann herzlich sein. Das Problem ist nicht das Wort selbst, sondern die Gedankenlosigkeit, mit der Vertraulichkeit manchmal vorausgesetzt wird. Ein Kunde, ein älterer Mensch, eine unbekannte Person oder jemand, mit dem bisher kein persönlicher Umgang besteht, ist nicht automatisch ein Freund, nur weil beide zufällig vor derselben Kasse stehen. Nähe darf entstehen. Sie muss nicht vorsorglich verteilt werden.

Gerade im Dienstleistungsbereich macht diese kleine Unterscheidung einen erstaunlichen Unterschied. Wer ein Geschäft betritt, erwartet keine Verbeugung und gewiss keine Begrüssungszeremonie. Ein ordentliches „Grüezi“ genügt vollkommen. Dazu ein kurzer Blickkontakt, ein ruhiger Ton, und die Sache ist erledigt. Umgekehrt gilt dasselbe für den Kunden. Auch Personal ist nicht Teil der Ladeneinrichtung. Wer zur Kasse tritt, darf grüssen. Man kann „Bitte“ und „Danke“ sagen. Man kann während des Bezahlens für einige Sekunden darauf verzichten, ein Telefongespräch fortzuführen, als sei die Person gegenüber lediglich ein besonders beweglicher Kartenleser. Gute Umgangsformen sind erfreulicherweise keine Dienstleistung, die nur eine Seite zu erbringen hat.

Das Restaurant ist ein weiteres wunderbares Versuchsfeld für den gesellschaftlichen Grundanstand. Wer eintritt, grüsst. Wer an den Tisch geführt wird, bedankt sich. Wer bestellt, formuliert eine Bitte und keinen militärischen Versorgungsbefehl. Das Servicepersonal wiederum begrüsst Gäste freundlich und aufmerksam, ohne augenblicklich jene künstliche Vertrautheit herzustellen, die inzwischen mancherorts als besonders modern gilt. Man muss einen Gast nicht behandeln, als kenne man ihn seit der Primarschule, um ihm das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Professionalität kann ausgesprochen herzlich sein. Tatsächlich ist sie häufig angenehmer als aufgesetzte Nähe.

Auch im Treppenhaus zeigt sich die Qualität einer Begrüssung besonders schön, gerade weil dort meist nichts weiter daraus entstehen muss. Man begegnet einer Nachbarin, sagt „Grüezi“ und geht weiter. Kein Gespräch ist erforderlich. Niemand muss über das Wetter verhandeln oder spontan die familiäre Situation erläutern. Ein Gruss verpflichtet nicht zur Freundschaft. Er verhindert lediglich, dass zwei Menschen in einem engen Treppenhaus mit grosser Konzentration so tun müssen, als sei der jeweils andere unsichtbar. Eine gesellschaftliche Erleichterung, die man nicht unterschätzen sollte.

Wichtig ist dabei nicht nur, was gesagt wird, sondern wie. Eine Begrüssung, die irgendwo zwischen Türrahmen und Mobiltelefon in den Boden gemurmelt wird, erfüllt zwar technisch ihren Zweck, aber eben nur technisch. Heben Sie den Blick. Sehen Sie Ihr Gegenüber kurz an. Sprechen Sie deutlich und in normaler Lautstärke. Kein übertriebenes Strahlen, keine künstliche Begeisterung. Niemand verlangt, dass die Begegnung mit dem Paketboten zum emotionalen Höhepunkt der Woche erklärt wird. Freundlichkeit darf ruhig sein. Gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig.

Auch das Händeschütteln muss nicht bei jeder Begegnung automatisch erfolgen. Ob eine Hand gereicht wird, hängt vom Anlass, von der Beziehung und vom Umfeld ab. Bei einer förmlicheren Vorstellung kann ein Händedruck passend sein; bei einer kurzen Begegnung im Geschäft wäre er eher überraschend. Entscheidend ist auch hier das Gespür für die Situation. Wenn die Hand gereicht wird, dann bewusst: nicht schlaff, nicht mit der Entschlossenheit eines Krafttests und nicht endlos. Wir begrüssen einen Menschen, wir prüfen nicht seine Eignung für körperliche Arbeit.

Interessant wird es bei Begegnungen mit mehreren Personen. Wer zu einer kleinen Gruppe hinzukommt, grüsst die Anwesenden. Es ist erstaunlich, wie häufig Menschen einen Raum betreten und unmittelbar jene eine Person ansprechen, wegen der sie gekommen sind, während alle anderen offenbar vorübergehend zu Mobiliar erklärt werden. Ein „Guten Abend miteinander“ kostet zwei Sekunden und stellt die gesellschaftliche Ordnung wieder her. Anschliessend darf man sich selbstverständlich der Person zuwenden, mit der man sprechen möchte. Gute Form bedeutet nicht, dass jeder Mensch gleich viel Aufmerksamkeit erhalten muss. Sie bedeutet, dass niemand unnötig ignoriert wird.

Ähnlich verhält es sich mit Vorstellungen. Werden zwei Menschen miteinander bekannt gemacht, schenkt man diesem Moment kurz Aufmerksamkeit. Der Name wird deutlich genannt, man blickt die Person an und reagiert. „Freut mich“ oder „Sehr erfreut“ genügt. Niemand benötigt unmittelbar eine vollständige Lebensgeschichte. Vor allem sollte man sich bemühen, den Namen tatsächlich wahrzunehmen, statt während der Vorstellung bereits darüber nachzudenken, was man selbst gleich sagen möchte. Namen sind für Menschen erstaunlich wichtig. Sich einen zu merken, ist eine kleine Form von Aufmerksamkeit; nachzufragen, wenn man ihn nicht verstanden hat, ist sehr viel höflicher, als den Menschen für den Rest des Abends mit strategischem Blickkontakt und konsequenter Namensvermeidung zu umschiffen.

So wichtig wie der Anfang ist das Ende einer Begegnung. Auch Verabschiedungen sind inzwischen gelegentlich etwas abrupt geworden. Man verschwindet aus einem Geschäft, verlässt einen Raum oder beendet ein Gespräch, ohne einen erkennbaren Schluss zu setzen. Dabei ist eine Verabschiedung nichts anderes als die höfliche Klammer um eine Begegnung. „Auf Wiedersehen“ ist klassisch und nahezu überall passend. In der Schweiz gehören „Adieu“ oder „Adee“ selbstverständlich ebenfalls zum vertrauten Sprachbild. „Einen schönen Tag“ oder am Abend „Einen schönen Abend“ eignen sich besonders bei kurzen Begegnungen. „Bis bald“ und „Bis später“ gehören eher dorthin, wo eine gewisse Vertrautheit oder tatsächlich ein Wiedersehen zu erwarten ist.

Nach einem Einkauf genügt ein schlichtes „Vielen Dank, auf Wiedersehen“ oder ein schweizerisches „Merci, Adieu“. Im Restaurant darf es beim Verlassen gern „Vielen Dank, einen schönen Abend“ sein. Diese Sätze sind weder originell noch überraschend. Das müssen sie auch nicht sein. Gute Umgangsformen haben den grossen Vorteil, dass sie nicht jedes Mal neu erfunden werden müssen. Niemand erwartet nach dem Bezahlen eines Kaffees eine sprachliche Premiere.

Auch hier entscheidet der Ton. Ein „Schönen Abend“ kann warm und aufmerksam klingen oder wie eine behördliche Verfügung, je nachdem, wie es ausgesprochen wird. Höflichkeit lässt sich nicht vollständig durch Formulierungen automatisieren. Das richtige Wort ohne Aufmerksamkeit bleibt eine leere Hülle. Umgekehrt kann eine einfache, regional gefärbte Begrüssung ausgesprochen kultiviert wirken, wenn sie ehrlich und selbstverständlich kommt. Form soll den Respekt tragen, nicht ersetzen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mir diese kleinen Umgangsformen wichtig erscheinen. Sie schaffen für wenige Sekunden Ordnung zwischen Menschen, die einander nichts schulden. Wir müssen uns nicht kennen. Wir müssen dieselben Ansichten nicht teilen. Wir müssen uns nicht einmal besonders sympathisch sein. Und dennoch können wir einander grüssen, danken und verabschieden. Zivilität beginnt nicht erst dort, wo wir jemanden mögen. Wenn das Voraussetzung wäre, hätte die Gesellschaft ein erhebliches logistisches Problem.

Kinder lernen diese Formen übrigens nicht dadurch, dass man ihnen gelegentlich „Sag schön Grüezi“ zuflüstert, während man selbst bereits auf das Telefon sieht. Sie lernen sie durch Wiederholung. Erwachsene grüssen, also grüssen Kinder irgendwann ebenfalls. Erwachsene bedanken sich beim Servicepersonal, also wird Dankbarkeit zur Selbstverständlichkeit. Erwachsene verabschieden sich, also lernt ein Kind, dass man eine Begegnung nicht einfach verlässt. Gute Manieren werden weniger gelehrt als vorgelebt. Das ist ausgesprochen praktisch, allerdings mit dem kleinen Nachteil, dass wir Erwachsenen uns dabei ebenfalls benehmen müssen.

Natürlich wird niemand durch ein korrektes „Guten Abend“ automatisch zu einem kultivierten Menschen. Man kann hervorragend grüssen und sich anschliessend fürchterlich benehmen. Umgangsformen sind kein Ersatz für Charakter. Aber sie sind eine seiner sichtbaren Ausdrucksmöglichkeiten. Sie zeigen, ob ein Mensch gewohnt ist, seine Umgebung wahrzunehmen. Ob er anderen einen Mindeststandard an Respekt zugesteht, ohne zuvor deren gesellschaftlichen Nutzen zu prüfen. Ob er verstanden hat, dass auch flüchtige Begegnungen eine Form verdienen.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht beklagen, dass „die Menschen heute“ keine Manieren mehr hätten. Solche Sätze haben vermutlich schon unsere Urgrosseltern gesagt, und deren Urgrosseltern wahrscheinlich ebenfalls. Sehr viel nützlicher ist es, die eigenen beizubehalten. Grüssen Sie, auch wenn der andere es nicht tut. Bedanken Sie sich, auch wenn niemand eine grosse Sache daraus macht. Verabschieden Sie sich ordentlich. Nicht als Demonstration besserer Erziehung und schon gar nicht mit jener beleidigten Grandezza, die Höflichkeit nur als elegantere Form der Überlegenheit benutzt. Tun Sie es, weil es Ihrer eigenen Form entspricht.

Es sind nur wenige Worte. „Guten Morgen.“ „Grüezi.“ „Vielen Dank.“ „Auf Wiedersehen.“ Kein Satz davon wird die Welt verändern. Aber jeder einzelne macht eine Begegnung für einen Augenblick etwas geordneter, freundlicher und menschlicher.

Und möglicherweise ist genau das der Sinn guter Manieren: Sie verlangen sehr wenig und verraten erstaunlich viel.

Dass Sie sich die Zeit genommen haben, diesen Gedanken bis zum Ende zu begleiten, freut mich sehr. Aufmerksamkeit ist eine stille Höflichkeit für sich, und ich weiss es zu schätzen, dass Sie sie Lavin Classy für einige Minuten geschenkt haben. Vielleicht fällt Ihnen beim nächsten „Grüezi“ auf, wie wenig Aufwand ein guter Ton tatsächlich verlangt – und wie deutlich man sein Fehlen bemerkt.

Wenn Sie unsere kleine Korrespondenz über die Bibliothek hinaus fortsetzen möchten, finden Sie am unteren Ende der Seite den Rundbrief. Dort melde ich mich mit neuen Schreibstücken und einigen Gedanken dazwischen. Eine förmliche Vorstellung ist nicht mehr nötig – wir kennen uns inzwischen.

Bis zum nächsten Schreibstück. Und bis dahin: Grüssen Sie ruhig zuerst. Gute Manieren verlieren nichts dadurch, dass der andere sie vergessen hat.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂

 

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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.