DER UMGANG MIT NACHBARSCHAFT

Veröffentlicht am 23. Mai 2026 um 09:30

Nachbarschaft ist kein Zufall. Sie ist eine stille Übereinkunft. Man lebt Wand an Wand, Tür an Tür, oft ohne einander zu kennen – und doch in einer Form von Nähe, die Haltung verlangt. Nicht aus Sympathie, sondern aus Rücksicht.

Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz. 
Ein kultivierter Mensch versteht: Man nimmt Raum ein – und gibt zugleich welchen zurück. 
Rücksicht zeigt sich selten in großen Gesten. Sie liegt im Maß. In der Lautstärke eines Gesprächs. Im Zeitpunkt eines Staubsaugers. Im bewussten Schließen einer Tür. Es sind Kleinigkeiten, die entscheiden, ob Nähe erträglich bleibt. Ebenso gehört Toleranz dazu. Nicht jede Gewohnheit des anderen entspricht der eigenen Vorstellung von Ordnung. Nicht jeder Alltag verläuft gleich. Ein gewisses Maß an Gelassenheit ist daher kein Entgegenkommen, sondern Voraussetzung. Doch Nachbarschaft lebt nicht nur von Zurückhaltung, sondern auch von leiser Teilnahme. Eine kleine Aufmerksamkeit zur passenden Zeit. Ein kurzer Gruß mit echtem Blick. Vielleicht auch die gelegentliche Teilnahme an einem Grillabend – nicht aus Verpflichtung, sondern aus Anstand. Geben und Nehmen stehen in einem stillen Gleichgewicht. 
Wer nur fordert, stört. Wer sich vollständig entzieht, ebenso. 
Ein kultivierter Umgang ist weder unterwürfig noch aufdringlich. Er ist ruhig, bestimmt und verlässlich.
Man grüßt. Man wahrt Grenzen. Und man bleibt ansprechbar. 
Denn ein geordnetes Leben endet nicht an der eigenen Tür. Es setzt sich fort – im Umgang mit denen, die daneben wohnen.

Ich danke Ihnen, dass Sie sich diesen Gedanken gewidmet haben. 
Vielleicht zeigt sich Haltung gerade dort, wo man sie am wenigsten erwartet – im Alltag mit anderen. 
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂 

Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.

Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.