Nachbarschaft ist eine der wenigen Beziehungen, die wir eingehen, ohne uns den anderen Menschen vorher auszusuchen. Man wählt eine Wohnung, ein Haus, vielleicht eine schöne Aussicht oder einen erfreulich kurzen Arbeitsweg – und erhält einige fremde Menschen gleich dazu. Sie wohnen über uns, unter uns oder nebenan. Man kennt ihre Schritte, bevor man ihren Beruf kennt, weiss gelegentlich mehr über ihre Staubsaugergewohnheiten als über ihre Vornamen und entwickelt mit etwas Pech eine bemerkenswert genaue Vorstellung davon, wann ihre Waschmaschine schleudert. Nachbarschaft ist deshalb kein Zufall im gesellschaftlichen Sinne. Sie ist eine stille Übereinkunft: Wir leben nahe beieinander und bemühen uns, einander diese Nähe nicht unnötig schwerzumachen.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Ein kultivierter Mensch versteht etwas sehr Einfaches: Er nimmt Raum ein – und gibt zugleich welchen zurück. Das gilt im Treppenhaus ebenso wie im Garten, auf dem Balkon oder hinter einer erstaunlich dünnen Altbauwand. Das eigene Zuhause ist privat, seine Auswirkungen sind es nicht immer. Musik wandert. Stimmen wandern. Gerüche wandern. Türen besitzen eine gewisse akustische Reichweite, und offenbar gibt es Menschen, die eine Haustür nur dann für zuverlässig geschlossen halten, wenn das gesamte Gebäude darüber informiert wurde.
Rücksicht beginnt deshalb bei den unspektakulären Dingen. Man schliesst eine Tür, statt sie zuzuschlagen. Man entscheidet sich nicht ausgerechnet zu später Stunde für jene Haushaltsarbeiten, die akustisch an kleinere Bauvorhaben erinnern. Man führt ein Gespräch auf dem Balkon nicht in einer Lautstärke, die es den Nachbarn ermöglicht, anschliessend fundiert dazu Stellung zu nehmen. Und wenn man nachts nach Hause kommt, muss der Hausflur nicht erfahren, dass der Abend ausserordentlich gelungen war.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Mehrfamilienhaus ein Kloster ist. Menschen leben. Kinder weinen. Ein Gegenstand fällt herunter. Jemand duscht spät, weil er spät arbeitet. Eine Geburtstagsgesellschaft endet nicht zwingend um 21.17 Uhr, nur weil im Stockwerk darunter jemand früh schlafen möchte. Kultivierte Nachbarschaft verlangt Rücksicht, aber sie verlangt ebenso eine gewisse Belastbarkeit. Wer jedes Geräusch eines anderen Haushalts als persönlichen Angriff empfindet, wird in dichter besiedelten Gegenden ein ausgesprochen ereignisreiches Leben führen.
Toleranz ist deshalb die notwendige Schwester der Rücksicht.
Nicht jeder Alltag verläuft nach unserem eigenen Zeitplan. Der Nachbar arbeitet vielleicht Schicht. Eine Familie mit kleinen Kindern beginnt den Tag früher, als der kinderlose Haushalt darunter für moralisch vertretbar hält. Ein älterer Mensch hört den Fernseher etwas lauter. Jemand kocht Speisen, deren Duft man selbst nicht gewählt hätte. Solange daraus keine unzumutbare oder dauerhafte Belastung entsteht, gehört ein gewisses Mass an Gelassenheit zum gemeinschaftlichen Wohnen.
Man muss nicht alles mögen, was man toleriert. Diese Unterscheidung erspart im Leben überhaupt erstaunlich viel Ärger.
Problematisch wird es dort, wo die eigene Freiheit grundsätzlich auf Kosten anderer ausgelebt wird. Der Satz „Ich bin schliesslich in meiner eigenen Wohnung“ besitzt eine gewisse Berechtigung, verliert aber an Überzeugungskraft, sobald die gesamte Nachbarschaft unfreiwillig daran teilnimmt. Zuhause darf man leben. Man darf lachen, Musik hören, Gäste empfangen und Möbel verrücken. Doch Freiheit innerhalb der eigenen vier Wände bedeutet nicht, dass die Wände gesellschaftlich bedeutungslos wären.
Dasselbe gilt für gemeinschaftlich genutzte Bereiche. Ein Treppenhaus ist kein erweiterter Abstellraum. Schuhe, Kinderwagen, Pakete, Kartons und jene Gegenstände, die „nur kurz“ dort stehen sollen, entwickeln eine bemerkenswerte Fähigkeit, sesshaft zu werden. Natürlich hängt vieles von Hausordnung, Platz und konkreter Situation ab. Doch der Grundsatz bleibt: Gemeinschaftsfläche gehört nicht automatisch dem Menschen, der sie zuerst mit seinen Dingen besetzt.
Auch Sauberkeit ist eine Form von Rücksicht. Wer im Treppenhaus etwas verschmutzt, beseitigt es. Wer einen gemeinschaftlichen Waschraum benutzt, hinterlässt ihn so, dass der nächste Mensch nicht zunächst archäologische Untersuchungen durchführen muss. Wer Abfall entsorgt, tut dies dort, wo er hingehört. Diese Dinge sind nicht besonders glamourös. Gute Nachbarschaft besitzt überhaupt wenig Grandezza. Sie zeigt sich häufig dort, wo niemand eine Dankeskarte dafür verschicken wird.
Gerade deshalb ist sie eine Frage der Haltung.
Man tut das Richtige nicht, weil man dafür gelobt wird, sondern weil andere Menschen ebenfalls Anspruch auf einen angenehmen Alltag haben.
Das beginnt bereits beim Gruss. Ein „Guten Morgen“, „Grüezi“ oder ein freundlicher Blick kostet kaum Zeit und verhindert jene merkwürdige Atmosphäre, die entsteht, wenn zwei erwachsene Menschen gemeinsam einen Hausflur durchqueren und mit grosser Konzentration so tun, als sei der jeweils andere eine Garderobe. Man muss seine Nachbarn nicht zu Freunden machen. Tatsächlich kann eine gewisse Distanz für eine ausgezeichnete Nachbarschaft ausgesprochen hilfreich sein. Aber völlige soziale Unsichtbarkeit ist selten notwendig.
Ein kurzer Gruss sagt: Ich sehe Sie. Wir teilen diesen Ort. Wir müssen daraus keine engere Beziehung entwickeln, aber wir behandeln einander wie Menschen.
Mehr braucht es zunächst nicht.
Natürlich kann daraus mit der Zeit eine wärmere Bekanntschaft entstehen. Man nimmt ein Paket entgegen. Giesst während einer Abwesenheit Pflanzen. Hält kurz eine Tür auf. Fragt einen älteren Nachbarn, ob man beim Tragen helfen kann. Vielleicht steht zu Weihnachten eine kleine Aufmerksamkeit vor der Tür oder nach einem Umzug ein Stück Kuchen. Solche Gesten sind angenehm, solange sie freiwillig bleiben.
Gute Nachbarschaft sollte nie zu einem System gegenseitiger Buchführung werden.
Wer einmal Blumen gegossen hat, besitzt dadurch keinen Anspruch auf drei Jahre Schneeräumung. Wer Kuchen bringt, hat keine gesellschaftliche Option auf einen Gegenkuchen gleicher Grösse erworben. Eine Aufmerksamkeit verliert einen Teil ihres Charmes, sobald im Hintergrund bereits die Rechnung geschrieben wird. Man hilft, weil man helfen möchte oder weil es in diesem Augenblick vernünftig ist. Und man nimmt Hilfe mit einem aufrichtigen Dank an, ohne daraus sofort eine Verpflichtungskette zu bauen.
Auch Einladungen unter Nachbarn verdienen Mass. Ein Grillabend kann eine wunderbare Gelegenheit sein, einander etwas besser kennenzulernen. Wer eingeladen wird und Zeit sowie Lust hat, darf durchaus hingehen. Man muss daraus keine lebenslange gesellschaftliche Verpflichtung ableiten. Ebenso darf man eine Einladung freundlich ablehnen, ohne eine medizinisch beglaubigte Begründung einzureichen.
Es gehört zur guten Form, Nähe anzubieten, ohne sie zu erzwingen.
Nicht jeder Nachbar möchte Freundschaft. Manche Menschen bevorzugen ein freundliches Grüssen und ansonsten ihre Ruhe. Das ist keine Ablehnung und kein Charakterfehler. Ein kultivierter Umgang respektiert auch diese Grenze. Man muss nicht jeden Menschen, der nebenan wohnt, in das eigene Privatleben integrieren. Die geografische Entfernung von sieben Metern ist noch keine emotionale Verpflichtung.
Auf der anderen Seite wirkt es ebenso eigentümlich, sich jahrelang vollständig zu entziehen und erst dann Kontakt aufzunehmen, wenn man etwas benötigt. Wer seine Nachbarn sonst nicht einmal grüsst, sollte beim ersten ausgeliehenen Werkzeug vielleicht nicht auftreten, als werde lediglich ein seit Langem bestehendes Unterstützungsabkommen aktiviert.
Geben und Nehmen brauchen keine mathematische Gleichheit. Aber eine gewisse Gegenseitigkeit macht das Zusammenleben leichter.
Besonders deutlich zeigt sich Nachbarschaft, wenn ein Problem entsteht. Lärm ist das klassische Beispiel. Irgendwann ist Musik zu laut, ein Hund bellt wiederholt, eine Tür schlägt ständig oder ein anderer Umstand wird tatsächlich belastend. Hier entscheidet der Ton häufig darüber, ob aus einem lösbaren Problem ein jahrelanger Kleinkrieg entsteht.
Es ist erstaunlich, wie schnell erwachsene Menschen bei einem falsch abgestellten Abfallsack diplomatische Beziehungen abbrechen können.
Wer sich gestört fühlt, sollte zunächst prüfen, ob es sich um eine einzelne Ausnahme oder ein wiederkehrendes Problem handelt. Ein einmaliges Fest verlangt eine andere Reaktion als nächtlicher Lärm an mehreren Tagen pro Woche. Nicht jedes Ärgernis benötigt sofort einen Zettel im Treppenhaus. Vor allem keinen anonymen mit drei Ausrufezeichen. Anonyme Hausflurmitteilungen besitzen eine besondere Begabung, aus einem kleinen Problem eine allgemeine Atmosphäre gegenseitiger Verdächtigung zu machen.
Ein direktes, ruhiges Gespräch ist häufig würdevoller.
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie kurz auf etwas ansprechen“ eröffnet ein Gespräch erheblich besser als „Sie machen ständig…“. Man beschreibt das konkrete Problem, nicht den gesamten Charakter des Gegenübers. Die Musik ist nachts zu laut; der Nachbar ist deshalb nicht automatisch ein rücksichtsloser Mensch ohne Erziehung. Vielleicht wusste er schlicht nicht, wie stark der Schall übertragen wird.
Und sollte das Gespräch nichts ändern, darf man selbstverständlich weitere angemessene Schritte unternehmen. Kultiviertheit bedeutet nicht, jede Belastung lächelnd zu ertragen. Rücksicht ist keine Einbahnstrasse. Wer wiederholt Grenzen überschreitet und auf freundliche Hinweise nicht reagiert, kann nicht erwarten, dass die Umgebung aus Gründen der guten Form dauerhaft schweigt.
Gute Manieren machen Grenzen höflicher. Sie schaffen sie nicht ab.
Ebenso wichtig ist Diskretion. Nachbarschaft erzeugt zwangsläufig Informationen. Man sieht, wer kommt und geht. Man hört gelegentlich Streit. Man bemerkt Veränderungen. Vielleicht weiss man irgendwann Dinge, die einem nie ausdrücklich erzählt wurden. Genau hier zeigt sich Charakter.
Nicht alles, was man weiss, muss weitergegeben werden.
Der Hausflur ist keine Nachrichtenredaktion. Ein offenes Fenster macht ein privates Gespräch nicht automatisch zu öffentlichem Eigentum. Und nur weil man zufällig gesehen hat, wer gestern Abend bei wem geklingelt hat, entsteht daraus noch kein gesellschaftlicher Informationsauftrag. Wer in unmittelbarer Nähe zu anderen Menschen lebt, wird gelegentlich unfreiwillig Zeuge ihres Privatlebens. Die kultivierte Antwort darauf lautet häufig: Man hat nichts gesehen.
Das gilt selbstverständlich nicht bei Situationen, in denen jemand offensichtlich Hilfe braucht oder Gefahr besteht. Diskretion ist kein Vorwand für Gleichgültigkeit. Aber zwischen berechtigter Sorge und Neugier liegt ein Unterschied, den Erwachsene durchaus erkennen können sollten.
Eine gute Nachbarschaft ist deshalb weder eng noch kalt. Sie bewegt sich in einem angenehmen Zwischenraum. Man kennt einander genug, um sich zu grüssen. Man ist aufmerksam genug, um zu helfen, wenn Hilfe nötig ist. Man hält genügend Abstand, um nicht jeden Alltag zu kommentieren. Und man besitzt genügend Selbstbeherrschung, nicht aus jedem kleinen Ärgernis eine Grundsatzfrage zu machen.
Vielleicht ist gerade das ihre besondere Form von Eleganz.
Denn hier kann man kaum etwas inszenieren. Niemand erhält Anerkennung dafür, dass er nachts eine Tür leise schliesst. Es gibt keinen Applaus, weil man das Treppenhaus sauber hinterlassen hat. Ein Nachbar wird vermutlich keinen Brief schreiben, um mitzuteilen, wie ausserordentlich erfreulich er es fand, dass man am Sonntagmorgen nicht um sieben Uhr gebohrt hat.
Und trotzdem machen genau diese Dinge einen Unterschied.
Kultiviertheit zeigt sich schliesslich nicht nur beim gedeckten Tisch, in der Sprache oder im Umgang mit Gästen. Sie zeigt sich ebenso darin, wie viel Raum wir anderen Menschen zugestehen, wenn niemand zusieht. Das eigene Zuhause mag hinter der Wohnungstür beginnen. Die eigene Verantwortung endet dort nicht.
Vielleicht ist das die einfachste Regel guter Nachbarschaft: Leben Sie so, dass andere neben Ihnen ebenfalls leben können.
Nicht lautlos. Nicht unsichtbar. Nicht unterwürfig.
Nur aufmerksam.
Und wenn daraus irgendwann mehr entsteht – ein Gespräch am Gartenzaun, eine Einladung, ein gemeinsamer Kaffee oder jene beruhigende Gewissheit, dass jemand nebenan im Notfall die Tür öffnen würde –, umso schöner. Nähe muss nicht gross sein, um wertvoll zu werden.
Dass Sie auch diesem Schreibstück einige Minuten Ihres Tages geschenkt haben, weiss ich sehr zu schätzen. Aufmerksamkeit ist vielleicht eine der stillsten Formen von Höflichkeit, und Sie haben mir Ihre gerade bis zu diesen letzten Zeilen gewährt. Dafür danke ich Ihnen herzlich. Ich wünsche Ihnen Nachbarn, deren Anwesenheit angenehm genug ist, um sie zu schätzen, und diskret genug, um sie gelegentlich vollkommen vergessen zu können. Vermutlich ist das eines der schönsten Komplimente, das man einer Nachbarschaft machen kann.
Falls wir unsere eigene kleine Nachbarschaft zwischen den Schreibstücken fortsetzen möchten, finden Sie den Rundbrief wie gewohnt am Seitenende.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und grüssen Sie morgen ruhig zuerst. Man muss nicht befreundet sein, um einander das Leben ein wenig angenehmer zu machen.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.
Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.