ZWISCHEN BLEIBEN UND GEHEN

Veröffentlicht am 28. April 2026 um 09:20

Man richtet kein Provisorium ein, aber man lebt auch nicht in Unordnung, nur weil man irgendwann gehen will. Es gibt Wohnungen, die man liebt, obwohl sie einem täglich widersprechen.

Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz. 

Man kennt jede Stufe, jede Schräge, jedes Geräusch. Man weiss, wo man den Kopf senken muss und wo der Blick sich hebt. Und doch beginnt irgendwann etwas zu kippen.  
Unsere Wohnung ist alt, grosszügig gedacht und klein geworden. Zwei Etagen, darüber noch ein Dachboden, dazu eine Kammer, die mehr verspricht als sie hält. Für zwei Erwachsene war sie einst weit. Für ein Kind wird sie es nicht bleiben. Wachstum stellt Fragen, die kein Grundriss beantwortet. 
Hinzu kommen die Dinge, die man nicht gestalten kann. Gerüche, die durch Wände wandern. Hitze im Sommer, Kälte im Winter. Ein Badezimmer, das Demut verlangt, weil Aufrichtung nicht vorgesehen ist. Insekten, die erscheinen, als hätten sie ein stilles Gewohnheitsrecht. Es sind keine Dramen. Es sind Wiederholungen. Und Wiederholungen ermüden. 
Und doch gibt es sie, diese Zuneigung. Das Licht. Die Stille zu bestimmten Stunden. Das Wissen, wie man hier lebt. Genau darin liegt der Zwiespalt: Soll man verschönern, obwohl man gehen wird? Soll man bleiben, obwohl man weiss, dass es nicht endgültig ist? 
Zwischen Tapezierplänen und Umzugskartons verliert man leicht die Lust. Ordnung verlangt Hingabe. Aufbruch verlangt Zurückhaltung. Beides zugleich zu leben, ist anspruchsvoll. Aber nicht unmöglich. 
Die Haltung liegt nicht im Entweder-oder. Sie liegt im Vorläufigen mit Würde. Man pflegt, was man noch nutzt. Man investiert nicht in Illusionen, sondern in Alltagstauglichkeit. Keine grossen Renovationen, keine endgültigen Möbel. Sondern Klarheit, Sauberkeit, Ruhe. Dinge, die man mitnehmen kann – innerlich wie äusserlich. 
Wer zwischen Bleiben und Gehen lebt, ist nicht unentschlossen. Er ist aufmerksam. Und Aufmerksamkeit ist eine Form von Respekt gegenüber dem Ort, den man bewohnt, und gegenüber dem Leben, das sich weiterbewegen will.

Bewahren Sie Ordnung, auch im Vorläufigen. Danke für Ihre Zeit. Bis zum nächsten Schreibstück. 
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂 

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