Ein Schritt vorwärts, drei Schritte zurück. Es gibt Phasen, in denen man diesen Satz nicht für eine Redewendung hält, sondern für eine ausgesprochen präzise Beschreibung des eigenen Lebens. Kaum ist eine Sache geregelt, fällt die nächste auseinander. Eine mühsam aufgebaute Routine beginnt zu bröckeln, die Energie verschwindet, der Haushalt wirkt plötzlich anspruchsvoller als noch eine Woche zuvor, und selbst Tätigkeiten, die gewöhnlich keinerlei Verhandlung benötigen, stehen morgens vor einem wie eine Reihe kleiner Zumutungen. Man könnte meinen, das Leben habe beschlossen, sämtliche Rechnungen gleichzeitig vorzulegen. Besonders charmant ist das nicht. Ungewöhnlich allerdings auch nicht.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Solange alles gut läuft, ist Haltung eine vergleichsweise angenehme Angelegenheit. Man steht rechtzeitig auf, macht das Bett, hält Termine ein, kocht vernünftig, pflegt sich, erledigt seine Aufgaben und ist im Allgemeinen überzeugt, endlich ein funktionierendes System gefunden zu haben. Es ist erstaunlich leicht, diszipliniert zu wirken, wenn man ausgeschlafen ist, niemand krank wird, das Konto keine unangenehmen Überraschungen bereithält und der Alltag sich höflich an den vorgesehenen Ablauf hält. Man beginnt beinahe zu glauben, man habe das Leben nun verstanden. Das Leben hört solche Behauptungen offenbar gern. Es betrachtet sie als Herausforderung.
Dann kommt Gegenwind. Vielleicht geschieht etwas Konkretes. Vielleicht sind es auch nur viele kleine Dinge, die sich unvorteilhaft zusammentun. Man schläft schlechter. Der Körper verlangt mehr Ruhe. Die Konzentration lässt nach. Man ist empfindlicher, schneller gereizt und weniger belastbar. Der Appetit verändert sich, und ausgerechnet jene Speisen, die bisher vollkommen ausreichend erschienen, besitzen plötzlich die befriedigende Wirkung von Briefmarken. Das Sofa entwickelt eine ungewöhnliche Anziehungskraft. Die abendliche Pflegeroutine, die sonst zehn Minuten dauert, wirkt wie ein umfangreiches Bauvorhaben. Selbst eine herumstehende Tasse kann einen unverhältnismässig persönlich beleidigen. Man weiss durchaus, was zu tun wäre. Man möchte es nur ausgesprochen ungern tun.
Genau hier beginnt häufig der zweite Fehler. Nicht nur die Routine gerät ins Wanken; wir beginnen zusätzlich, uns dafür zu verurteilen. Aus „Ich bin heute erschöpft“ wird erstaunlich schnell „Ich bekomme überhaupt nichts mehr hin“. Drei ungeordnete Tage werden zum Beweis dafür, dass sämtliche Fortschritte der vergangenen Monate offenbar bedeutungslos waren. Ein üppigeres Abendessen wird zur angeblichen Niederlage, ein ausgelassener Spaziergang zum Beginn des allgemeinen Verfalls und ein ungemachtes Bett beinahe zur Charakterdiagnose. Wir Menschen besitzen eine gewisse Begabung dafür, aus einem schlechten Dienstag eine umfassende Theorie über unser gesamtes Leben zu entwickeln.
Das ist unnötig.
Ein Rückschritt löscht den zurückgelegten Weg nicht aus. Eine unterbrochene Gewohnheit ist nicht verschwunden. Und Erschöpfung ist kein Beweis mangelnder Haltung. Sie ist zunächst einmal Erschöpfung. Es gibt Zeiten, in denen der Körper mehr Schlaf benötigt. Zeiten, in denen Konzentration schwerer fällt. Zeiten, in denen wir weniger leisten können, obwohl wir durchaus gern mehr leisten würden. Vernunft bedeutet nicht, diese Tatsachen mit eiserner Disziplin zu überrennen. Haltung besteht nicht darin, sich selbst wie einen unzuverlässigen Angestellten zu behandeln, der endlich wieder funktionieren soll.
Sie besteht darin, zu unterscheiden: Was muss jetzt tatsächlich getan werden – und was darf warten?
Das ist schwieriger, als alles hinzuwerfen, aber auch klüger, als stur das vollständige Programm fortzusetzen. Wenn zehn Dinge normalerweise zu Ihrer Routine gehören und heute nur drei möglich sind, tun Sie drei. Machen Sie das Bett. Räumen Sie eine Oberfläche frei. Trinken Sie ausreichend. Duschen Sie. Essen Sie etwas, das Ihnen guttut und tatsächlich satt macht. Gehen Sie früher schlafen. Der Rest darf morgen erneut verhandelt werden. Ein kultivierter Alltag beweist sich nicht dadurch, dass man unter allen Umständen dasselbe Pensum absolviert. Er beweist sich darin, dass man auch unter ungünstigen Umständen eine gewisse Form bewahrt.
Gerade in schwierigen Phasen sind kleine Konstanten wertvoll. Nicht, weil ein gemachtes Bett irgendein ernstes Problem lösen würde. Das wäre eine beträchtliche Verantwortung für eine Bettdecke. Aber es setzt einen Anfang. Eine freie Küchenfläche behebt keine Sorge, doch sie verhindert, dass zur Sorge noch vermeidbares Chaos hinzukommt. Eine warme Mahlzeit verändert nicht die äusseren Umstände, aber sie erinnert den Körper daran, dass er versorgt wird. Frische Kleidung, ein geöffnetes Fenster, ein Glas Wasser, zehn Minuten Ruhe – all das sind keine Lösungen für das grosse Ganze. Es sind kleine Zeichen dafür, dass wir uns selbst auch dann nicht vollständig verlassen, wenn gerade wenig Kraft vorhanden ist.
Vielleicht ist das die erwachsenere Form von Disziplin. Nicht die heroische. Die verlässliche. Sie verlangt nicht: „Mach alles wie immer.“ Sie sagt: „Lass nicht alles fallen.“
Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn wer in einer schwierigen Phase versucht, mit Gewalt das volle Programm aufrechtzuerhalten, erschöpft sich häufig zusätzlich. Wer dagegen alles aufgibt, verliert jene Strukturen, die ihm gerade jetzt Halt geben könnten. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein sehr unspektakulärer Mittelweg: reduzieren, ohne aufzugeben. Das Abendessen darf einfacher sein. Die Wohnung muss nicht bis in den letzten Winkel glänzen. Sport kann zu einem Spaziergang werden. Ein gesellschaftlicher Termin darf abgesagt werden, wenn die Kraft fehlt. Die Pflegeroutine kann aus dem Nötigsten bestehen. Man muss in einer schweren Woche nicht gleichzeitig seine Speisekammer neu organisieren und zu einer besseren Version seiner selbst werden. Die Speisekammer wird die Enttäuschung verkraften.
Besonders wichtig ist dabei, dem eigenen Körper nicht mit Misstrauen zu begegnen. Wenn man plötzlich müder ist, mehr Hunger hat oder sich nach reichhaltigerem Essen sehnt, muss daraus nicht augenblicklich ein persönliches Versagen konstruiert werden. Menschen sind keine Maschinen mit einem gleichbleibenden Verbrauch. Schlaf, Belastung, Jahreszeit, Bewegung, Hormone, Krankheit und Stress können verändern, was wir benötigen. Natürlich bedeutet Fürsorge nicht, jedes Bedürfnis ungeprüft zum Befehl zu erklären. Aber es bedeutet ebenso wenig, den eigenen Körper wie einen Gegner zu behandeln, den man mit genügend Willenskraft endlich zur Vernunft bringen müsse. Man kann Mass halten und trotzdem essen. Man kann diszipliniert sein und trotzdem schlafen. Man kann Ziele besitzen und dennoch einen schlechten Tag haben.
Dasselbe gilt für die eigene Erscheinung. An guten Tagen kann Pflege Freude machen. Man trägt sorgfältig ausgewählte Kleidung, kümmert sich um Haare, Haut und all jene kleinen Dinge, die einem das Gefühl geben, gesammelt in den Tag zu gehen. An anderen Tagen erscheint bereits die Entscheidung zwischen zwei Pullovern unverhältnismässig anspruchsvoll. Auch dann muss man sich nicht aufgeben. Es genügt vielleicht, sauber, gepflegt und ordentlich gekleidet zu sein. Eleganz ist schliesslich keine tägliche Theaterpremiere. Manchmal besteht sie schlicht darin, sich trotz Erschöpfung nicht vollkommen gleichgültig zu werden.
Gegenwind hat zudem eine unangenehme Eigenschaft: Er macht den Blick eng. Wenn mehrere Dinge nacheinander misslingen, entsteht schnell der Eindruck, nun gehe grundsätzlich alles schief. Das Gute wird selbstverständlich, das Schwierige dagegen zum Beweismaterial gesammelt. Der Bus fährt vor der Nase weg, etwas geht kaputt, eine Nachricht fällt unangenehm aus, man schläft schlecht – und plötzlich scheint das Universum ein persönliches Interesse an unserer Unzufriedenheit entwickelt zu haben. Ich halte es für beruhigender, dem Universum etwas weniger Freizeit zu unterstellen. Manchmal ist eine Reihe schlechter Tage schlicht eine Reihe schlechter Tage.
Nicht alles trägt eine Botschaft.
Nicht jede schwierige Phase ist eine Lektion, die entschlüsselt werden muss. Nicht jedes Hindernis wurde geschickt, um uns stärker zu machen. Manches ist einfach mühsam. Diese Nüchternheit kann ausgesprochen tröstlich sein. Denn wenn nicht jedes Unglück einen tieferen Sinn besitzen muss, müssen wir auch nicht aus jedem Unglück sofort etwas Grossartiges machen. Wir dürfen es durchstehen. Wir dürfen uns darüber ärgern. Wir dürfen müde davon sein. Und dann dürfen wir weitergehen.
Natürlich hört auch eine schwierige Phase nicht schneller auf, nur weil wir uns kultiviert benehmen. Haltung ist kein Zauberspruch. Sie verhindert weder Verlust noch Krankheit, weder Enttäuschung noch Erschöpfung. Ihr Wert liegt woanders: Sie sorgt dafür, dass wir uns in schwierigen Zeiten nicht zusätzlich selbst verlieren. Wir behalten einige kleine Gewohnheiten, einen Rest Ordnung, ein wenig Mass. Wir sagen nicht jedes verletzende Wort, das uns im erschöpften Zustand einfällt. Wir treffen keine unnötig grossen Entscheidungen an einem besonders schlechten Abend. Wir warten, schlafen, essen, räumen ein wenig auf und betrachten die Angelegenheit am nächsten Morgen noch einmal. Manche Katastrophen verlieren nach acht Stunden Schlaf bemerkenswert viel von ihrer historischen Bedeutung.
Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem etwas wieder leichter wird. Meist geschieht das nicht feierlich. Kein Orchester spielt, niemand überreicht eine Urkunde mit der Aufschrift „Schwierige Phase erfolgreich abgeschlossen“. Man bemerkt nur, dass man morgens etwas leichter aufsteht. Dass die Küche wieder selbstverständlich aufgeräumt wird. Dass man Lust auf einen Spaziergang hat. Dass man sich auf etwas freut. Vielleicht lacht man wieder über eine Kleinigkeit, die einen eine Woche zuvor nur gereizt hätte. Die guten Tage kehren häufig leiser zurück, als die schlechten gekommen sind.
Gerade deshalb sollte man in einer schweren Phase nicht so handeln, als sei sie ein endgültiges Urteil. Kein Zustand bleibt unverändert. Weder der mühelose Aufschwung noch die müde Stagnation. Auch jene Zeiten, in denen scheinbar alles gelingt, sind nicht unser dauerhafter Normalzustand. Das Leben bewegt sich. Manchmal trägt es uns, manchmal verlangt es mehr Kraft. Wer das akzeptiert, muss nicht jede Schwankung als Krise behandeln.
Vielleicht brauchen wir ohnehin eine andere Vorstellung von Fortschritt. Wir denken gern an eine gerade Linie: jeden Tag geordneter, disziplinierter, gesünder, klüger und selbstverständlich auch ausgesprochen ausgeglichen. Eine reizende Vorstellung. Leider hat das wirkliche Leben offenbar nie von diesem Plan erfahren. Fortschritt verläuft unordentlicher. Man lernt etwas, fällt in alte Gewohnheiten zurück, bemerkt es früher als früher und beginnt erneut. Auch das ist Entwicklung. Vielleicht besteht Reife weniger darin, nie wieder drei Schritte zurückzugehen, als darin, nach diesen drei Schritten nicht zu behaupten, der Weg nach vorn existiere nicht mehr.
Wenn also gerade alles schwerer fällt, verkleinern Sie den Horizont. Nicht das ganze Jahr. Nicht einmal den ganzen Monat. Heute. Was benötigt dieser Tag? Vielleicht ein gemachtes Bett, eine ordentliche Mahlzeit, eine Dusche, ein erledigter Anruf und eine frühe Nacht. Das mag wenig erscheinen. An manchen Tagen ist wenig vollkommen ausreichend. Morgen kann wieder mehr möglich sein.
Halten Sie an dem fest, was Sie trägt, und lassen Sie vorübergehend los, was lediglich Eindruck macht. Niemand erhält einen Preis dafür, in einer schwierigen Lebensphase besonders dekorativ erschöpft gewesen zu sein. Schlafen Sie. Essen Sie. Trinken Sie Wasser. Sorgen Sie für ein Mindestmass an Ordnung. Antworten Sie nicht auf jede Provokation. Treffen Sie grosse Entscheidungen möglichst nicht aus einem Zustand völliger Erschöpfung heraus. Und sprechen Sie mit sich selbst nicht auf eine Weise, die Sie bei einem Menschen, den Sie lieben, niemals dulden würden.
Gegenwind ist nicht angenehm. Er muss es auch nicht sein. Doch er nimmt Ihnen nicht automatisch das, was Sie zuvor aufgebaut haben. Haltung verschwindet nicht, nur weil sie vorübergehend weniger elegant aussieht. Manchmal zeigt sie sich gerade darin, dass man aufhört, Perfektion zu verlangen, und stattdessen das Wesentliche schützt.
Ein Schritt vorwärts, drei Schritte zurück?
Dann stehen Sie eben drei Schritte weiter hinten.
Sie stehen noch immer auf demselben Weg.
Ich danke Ihnen von Herzen dafür, dass Sie diesem Schreibstück Ihre Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt haben. Gerade bei einem Thema, das weniger von glänzenden Höhepunkten als von den mühsameren Tagen des Lebens handelt, weiss ich es besonders zu schätzen, dass Sie bis zu diesen Zeilen geblieben sind. Ich wünsche Ihnen, dass Sie an schwierigen Tagen etwas nachsichtiger mit sich umgehen – und an den guten nicht vergessen, wie kostbar Leichtigkeit sein kann.
Falls Sie meine nächsten Schreibstücke ebenfalls begleiten möchten, finden Sie die Anmeldung zum Rundbrief ganz unten auf dieser Seite. Sie dürfen sich dort gern eintragen; den Weg dorthin überlasse ich vertrauensvoll Ihnen. Ein wenig Selbstständigkeit hat schliesslich noch keiner gepflegten Korrespondenz geschadet.
Bis zum nächsten Schreibstück – und bis dahin: Tun Sie heute, was möglich ist. Das Unmögliche darf sich einen anderen Termin suchen.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.