Es gibt menschliche Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Miteinander, die schlichtweg entgeisternd sind. Wer kennt es nicht? Eine flüchtige Bekanntschaft oder vermeintliche Freundschaft steuert ihrem Ende entgegen, und statt Haltung zu bewahren, wählt die andere Seite den Weg der reinen Geschmacklosigkeit.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Da erhält man eine Nachricht im Stile von: „Hi, ich finde einfach, du hast etwas sehr Negatives an dir. Bleib gesund, ich melde mich wieder, bis bald!“ Und danach? Funkstille. Die Person lässt den Kontakt allmählich im Nichts versickern. Jede weitere Nachricht Ihrerseits wird konsequent ignoriert. Zunächst wird noch Ihr Charakter kritisiert, und im nächsten Moment lässt man Sie fallen wie eine heiße Kartoffel.
Dieses Phänomen – heutzutage vulgär als Ghosting bezeichnet – ist, wo keine ernsthafte Grenzüberschreitung, Belästigung oder Gefahr vorliegt, häufig nichts anderes als der Ausdruck mangelnder Erziehung und emotionaler Feigheit.
Ein Mensch mit Haltung weiß, dass nicht jede menschliche Verbindung für die Ewigkeit bestimmt ist. Lebenswege verändern sich, Interessen verblassen und Prioritäten verschieben sich. Das ist völlig legitim. Was jedoch niemals notwendig ist, ist ein respektloser Abgang.
Es gibt einen unendlich eleganteren, erwachseneren Weg, eine Beziehung oder Bekanntschaft zu beenden: direkt, höflich und ohne das Gegenüber unnötig zu verletzen.
DIE GOLDENEN REGELN DES KULTIVIERTEN RÜCKZUGS
Keine Charakterkritik zum Abschied. Wer eine Verbindung beendet, muss dem anderen nicht im letzten Gespräch noch eine Liste angeblicher Unzulänglichkeiten präsentieren. Eine ungefragte Charakteranalyse ist keine Ehrlichkeit, sondern häufig schlicht Anmaßung. Sprechen Sie über Ihre eigenen Bedürfnisse, Ihre Lebenssituation und Ihre Entscheidung – nicht über die vermeintlichen Fehler des anderen.
Keine falschen Versprechungen. Sätze wie „Ich melde mich bald wieder“ oder „Wir müssen unbedingt wieder einmal einen Kaffee trinken“, obwohl Sie genau wissen, dass Sie dies nicht vorhaben, sind keine Höflichkeit. Sie sind eine Verzögerung der Wahrheit. Ein klarer Punkt ist um Längen barmherziger als ein geheucheltes Komma.
Kein Ausschleichen und Ignorieren. Eine empfangene Nachricht wochenlang unbeantwortet zu lassen, damit der andere irgendwann versteht, dass er unerwünscht ist, ist keine elegante Distanzierung. Es ist lediglich eine bequeme. Wer eine Verbindung beenden möchte, sollte den Mut besitzen, dies einmal höflich und eindeutig auszusprechen.
DIE METHODE DER SOUVERÄNEN KLARHEIT
Sollten Sie feststellen, dass eine Bekanntschaft Sie zunehmend erschöpft oder schlichtweg keinen Platz mehr in Ihrem Leben besitzt, dürfen Sie gehen. Sie müssen dafür keinen Prozess führen.
Beginnen Sie mit einer ehrlichen Anerkennung des Vergangenen. Bedanken Sie sich für gemeinsame Erlebnisse, Gespräche oder eine Zeit, die Ihnen tatsächlich etwas bedeutet hat.
Benennen Sie anschließend Ihre eigene Situation. Ihre Prioritäten haben sich verändert. Ihre Zeit ist begrenzter geworden. Ihre Lebenswege haben sich möglicherweise auseinanderentwickelt. Das genügt.
Und dann setzen Sie einen klaren Abschiedsstrich.
Eine mögliche Formulierung wäre:
„Liebe/r [Name], ich schätze unsere bisherige Zeit und die Gespräche, die wir miteinander geteilt haben, sehr. Ich merke jedoch, dass sich meine Prioritäten und meine Lebenssituation verändert haben und ich dieser Bekanntschaft nicht mehr den Raum geben kann, den sie verdient. Ich möchte ehrlich zu dir sein, anstatt den Kontakt einfach im Sande verlaufen zu lassen. Ich danke dir für die gemeinsame Zeit und wünsche dir von Herzen alles Gute für deinen weiteren Weg.“
Mehr braucht es nicht.
WIE MAN AUF RESPEKTLOSIGKEIT REAGIERT
Sollten Sie selbst eine Nachricht erhalten, in der man Ihnen zunächst Ihren Charakter erklärt und Sie anschließend konsequent ignoriert, widerstehen Sie der Versuchung, eine Gegendarstellung zu verfassen.
Sie müssen niemanden davon überzeugen, dass Sie ein guter Mensch sind. Sie müssen sich nicht verteidigen, nicht argumentieren und schon gar nicht um eine Antwort bitten.
Reagieren Sie nicht mehr.
Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Kontaktabbruch zum Schutz der eigenen Grenzen notwendig ist. In solchen Fällen darf und soll man einen Kontakt auch konsequent beenden. Sicherheit und persönliche Grenzen stehen über gesellschaftlichen Förmlichkeiten.
Doch wo lediglich eine Bekanntschaft ihr natürliches Ende erreicht, genügt Taktgefühl.
Denn einen Menschen aus seinem Leben zu verabschieden, bedeutet nicht, ihn abzuwerten. Manchmal bedeutet es lediglich anzuerkennen, dass zwei Menschen nicht mehr denselben Weg gehen.
Die elegante Lösung besteht deshalb nicht darin, möglichst kalt zu werden. Sie besteht darin, klar zu sein, ohne grausam zu werden; ehrlich zu sein, ohne verletzend zu werden; und zu gehen, ohne hinter sich noch eine Tür zuzuschlagen, nur damit es besonders laut klingt.
Ein kultivierter Rückzug hinterlässt keine Demütigung. Er hinterlässt Klarheit.
Und vielleicht ist genau das die schönste Form des Abschieds: Man muss nicht jeden Menschen für immer behalten, um die gemeinsame Zeit in Würde zu behandeln.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Mögen Sie stets den Mut besitzen, dort zu bleiben, wo Wertschätzung besteht – und die Haltung, dort würdevoll zu gehen, wo ein gemeinsamer Weg sein Ende gefunden hat.
Bis zum nächsten Schreibstück. Und vergessen nicht, den Rundbrief zu abonnieren.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂