Es ist vollkommen in Ordnung, altmodisch zu sein. Mehr noch: Es ist bisweilen ausgesprochen vernünftig. Denn vieles, was heute vorschnell als überholt gilt, war in Wahrheit lediglich geordnet, maßvoll und von einer gewissen Form getragen. Das ist nicht rückständig. Das ist nur bedauerlich selten geworden.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Auch der Vorwurf der Spießigkeit verliert rasch an Schärfe, sobald man ihn genauer betrachtet. Wenn damit gemeint ist, dass ein Mensch pünktlich ist, sich anständig kleidet, nicht alles sofort ausspricht, seinen Tisch ordentlich deckt und dem eigenen Leben eine erkennbare Form geben möchte, dann ist gegen diese Art von Spießigkeit wenig einzuwenden. Im Gegenteil. Man begegnet ihr mit wachsender Dankbarkeit.
Selbstverständlich darf man mit der Zeit gehen. Es wäre unerquicklich, sich aus Prinzip gegen jede Veränderung zu sperren, nur um sich an der eigenen Unbeweglichkeit zu erfreuen. Doch mit der Zeit zu gehen, ist etwas anderes, als sich von ihr fortwährend treiben zu lassen. Nicht jede Mode verdient Gehorsam. Nicht jede Neuerung bringt Verfeinerung. Und nicht alles, was gerade laut genug auftritt, ist deshalb schon relevant. Trends leben von ihrer Kürze. Sie erscheinen mit großem Aufwand, verlangen Aufmerksamkeit, färben für einen Moment alles ein und verschwinden dann wieder, als hätten sie je etwas Bleibendes besessen. Gerade darin liegt ihr Wesen. Sie wollen Wirkung, nicht Dauer. Bestand hingegen hat eine andere Qualität. Er beruhigt. Er trägt. Er muss sich nicht dauernd neu beweisen.
Der Mensch sucht, auch wenn er es nicht immer zugeben möchte, nicht in erster Linie nach Aufregung. Er sucht nach Verlässlichkeit. Nach Formen, die bleiben. Nach Gewohnheiten, die ordnen. Nach Dingen, die nicht jeden Monat ihre Gültigkeit verlieren. Darin liegt keine Einfallslosigkeit. Darin liegt ein sehr gesundes Verhältnis zur Wirklichkeit.
Vielleicht ist es deshalb keine Schwäche, zeitlos zu bleiben. Vielleicht ist es nur eine etwas elegantere Form von Selbstführung.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht lesen wir uns im nächsten Schreibstück wieder – oder im Rundbrief.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂