Es gibt Tage, an denen der Körper seine Zusammenarbeit ohne vorherige Rücksprache einstellt. Der Hals kratzt, der Kopf wird schwer, die Nase entwickelt eine bemerkenswerte Eigenständigkeit, und plötzlich erscheint bereits der Weg vom Bett zur Küche wie eine Unternehmung, für die man vernünftigerweise Proviant einpacken sollte. Krankheit ist weder elegant noch besonders taktvoll. Sie hält sich nicht an Termine, interessiert sich nicht für unsere Pläne und besitzt die unangenehme Angewohnheit, ausgerechnet dann aufzutauchen, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Trotzdem muss aus einem grippalen Infekt nicht automatisch der vollständige Zusammenbruch der häuslichen Zivilisation folgen. Sich zu schonen bedeutet schliesslich nicht, sich aufzugeben. Es bedeutet vielmehr, die Ansprüche für einige Tage vernünftig zu verändern: weniger leisten, mehr ruhen – und sich dabei weiterhin so behandeln, als wäre man der Fürsorge wert.
Bevor Sie mit der Lektüre dieses Schreibstücks beginnen, erlauben Sie sich einen kleinen Moment der Vorbereitung. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Ich möchte dabei gleich einen Irrtum aus dem Weg räumen, bevor wir uns gemeinsam mit Fieberthermometer und Teekanne in Richtung Chaise-Longue begeben: Krankheit ist keine Prüfung des Charakters. Wer mit hohem Fieber erschöpft im Bett liegt, hat nicht seine Haltung verloren. Und niemand sollte mit letzter Kraft Bettwäsche wechseln, duschen oder eine Gemüsesuppe kochen, nur damit die Erkältung einen gepflegteren Eindruck von ihm bekommt. Der Körper darf krank sein. Er darf schwach sein. Er darf schlafen, schwitzen, schlecht aussehen und für einige Tage ausgesprochen wenig Interesse an gesellschaftlicher Form besitzen. Wahre Selbstachtung zeigt sich nicht darin, Krankheit zu ignorieren, sondern darin, sich währenddessen vernünftig zu versorgen. Die kultivierte Form der Rekonvaleszenz besteht deshalb nicht aus Disziplin gegen den Körper, sondern aus Fürsorge für ihn. Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied mit beträchtlichen praktischen Folgen.
Trotzdem hat die Umgebung einen Einfluss darauf, wie sich solche Tage anfühlen. Wer morgens zwischen zerknüllten Taschentüchern, leeren Tassen, Medikamentenschachteln, Kleidungsstücken und dem Teller vom Vorabend erwacht, fühlt sich selten erholter, nur weil das Chaos medizinisch vollkommen legitim entstanden ist. Ein Krankenzimmer darf nach Krankheit aussehen. Es muss nur nicht nach einer kleineren Belagerung aussehen. Ein Abfalleimer in Reichweite, Wasser am Bett, Taschentücher, Fieberthermometer und benötigte Medikamente an einem festen Platz schaffen bereits genügend Ordnung. Dafür braucht es keine Silberschale. Wenn eine vorhanden ist und Ihnen Freude macht, ausgezeichnet. Sollte Ihre Erkältung dagegen aus einer ganz gewöhnlichen Schachtel mit Papiertaschentüchern versorgt werden, wird sie diesen gesellschaftlichen Abstieg vermutlich überleben.
Dasselbe gilt für die Kleidung. Natürlich ist ein schöner Pyjama angenehm. Weiche Baumwolle, Leinen oder Seide können wunderbar sein, und ein Morgenrock verleiht selbst dem Weg zur Teekanne eine gewisse Würde. Aber das Entscheidende ist nicht, dass die Kleidung kostbar aussieht. Sie sollte sauber, bequem, atmungsaktiv und dem eigenen Zustand angemessen sein. Ein ausgewaschenes Lieblingsshirt ist kein moralisches Versagen, wenn es weich ist und man darin schlafen möchte. Fleckige Kleidung tagelang weiterzutragen, obwohl ein frisches Oberteil zwei Schritte entfernt liegt, verbessert dagegen weder Komfort noch Stimmung. Der Unterschied liegt wieder einmal nicht zwischen Luxus und Einfachheit, sondern zwischen Vernachlässigung und Fürsorge. Ein frischer Pyjama kann nach einer fiebrigen Nacht tatsächlich ein kleines Vergnügen sein. Und an Krankheitstagen sollte man kleine Vergnügen keineswegs unterschätzen. Die grossen haben häufig ohnehin abgesagt.
Auch das Bett verdient Aufmerksamkeit, allerdings ohne daraus ein tägliches Hotelritual zu machen. Nach einer unruhigen oder verschwitzten Nacht können frische Bettwäsche oder wenigstens ein frischer Kissenbezug ausgesprochen angenehm sein. Wer genügend Kraft hat oder jemanden bitten kann, darf sich diesen Komfort gönnen. Wer kaum aufstehen kann, bleibt liegen. Das Laken wird nicht beleidigt sein. Sobald es wieder möglich ist, kann das Zimmer gelüftet, das Bett etwas aufgeschlagen und die Umgebung geordnet werden. Frische Luft kann ein stickiges Krankenzimmer angenehmer machen; sie ersetzt selbstverständlich weder Ruhe noch medizinische Behandlung. Auch natürliches Licht kann guttun, sofern Kopfschmerzen, Migräne oder Lichtempfindlichkeit nicht gerade das Gegenteil verlangen. Der Körper hat in solchen Dingen ein Mitspracherecht. Wir müssen ihn nicht ausgerechnet während einer Krankheit aus ästhetischen Gründen überstimmen.
Dasselbe vernünftige Mass gilt für die Körperpflege. Wenn Kreislauf und Zustand es erlauben, kann eine warme Dusche sehr wohltuend sein. Frische Haut, saubere Haare, geputzte Zähne und ein neuer Pyjama können einem Menschen das Gefühl geben, nach zwei Tagen endlich wieder zur menschlichen Spezies zu gehören. Doch „wenn es der Zustand erlaubt“ ist der entscheidende Teil dieses Satzes. Bei Schwäche, Schwindel oder hohem Fieber besteht keinerlei Pflicht, unter der Dusche Haltung zu beweisen. Ein Waschlappen, frisches Wasser und Zahnpflege reichen vollkommen. Kultiviertheit besteht nicht darin, in Ohnmacht zu fallen und dabei gut zu duften.
Mit Parfüm wäre ich während einer Erkältung ohnehin zurückhaltend. Ein vertrauter, sehr leichter Duft kann angenehm sein, wenn man ihn gut verträgt. Bei Übelkeit, Kopfschmerzen oder empfindlichen Atemwegen ist Duftfreiheit allerdings erheblich kultivierter als jede Eau-de-Cologne-Tradition. Das eigene Wohlbefinden hat Vorrang vor der Vorstellung davon, wie ein Krankenzimmer riechen sollte. Saubere Bettwäsche, etwas frische Luft und eine gewaschene Tasse besitzen ohnehin eine angenehmere Duftsignatur als der Versuch, Krankheit mit Parfum zu überreden.
Schwieriger wird die Sache beim Telefon. Krank zu sein und gleichzeitig stundenlang durch Nachrichten, Videos und soziale Medien zu scrollen, ist eine moderne Form des Ruhens, bei der erstaunlich wenig Ruhe stattfindet. Man liegt zwar körperlich still, während der Kopf weiterhin mit Informationen beworfen wird. Ein wenig Unterhaltung ist vollkommen legitim. Krankheit muss nicht zusätzlich langweilig sein, nur damit sie ernst genommen wird. Aber zwischen einem Film, einer Folge einer vertrauten Serie oder einer Nachricht an einen lieben Menschen und vier Stunden ziellosem Scrollen besteht ein Unterschied. Das eine kann ablenken. Das andere hinterlässt häufig jenen eigentümlichen Zustand, in dem man gleichzeitig erschöpft und überreizt ist.
Vielleicht ist Krankheit deshalb ein guter Anlass, das Telefon zeitweise etwas weiter wegzulegen. Ein leichtes Buch kann angenehm sein, wenn der Kopf mitmacht. Ein Hörbuch ist häufig noch besser, weil geschlossene Augen keine Niederlage darstellen. Ruhige Musik, Radio oder einfach Stille können genügen. Und wenn man zwölf Stunden schlafen möchte, schläft man zwölf Stunden. Der Roman wird den Affront verkraften. Die Rekonvaleszenz ist kein Bildungsurlaub.
Besonders liebevoll darf man während solcher Tage mit dem Essen umgehen. Auch hier braucht es keine kulinarische Aufführung. Ein geschwächter Mensch benötigt vor allem ausreichend Flüssigkeit und Nahrung, die er verträgt und auf die er Appetit hat; was genau angenehm ist, hängt vom Infekt, den Beschwerden und der Person ab. Tee, Wasser, Brühe, etwas Brot, Reis, Kartoffeln, Obst, Joghurt oder eine warme Suppe können je nach Situation wohltuend sein. Fertigprodukte sind dabei nicht grundsätzlich ein Zeichen des kulturellen Niedergangs. Wer allein krank zu Hause liegt und kaum Kraft besitzt, darf eine fertige Suppe erwärmen, ohne zuvor beim Rat für gepflegte Lebensführung um Begnadigung zu bitten. Zweckmässigkeit ist in schwachen Momenten eine Tugend.
Wenn jedoch jemand kochen kann oder bereits etwas vorbereitet wurde, besitzt eine selbstgemachte Suppe ihren ganz eigenen Trost. Nicht, weil sie eine Erkältung auf wundersame Weise beendet, sondern weil Wärme, Flüssigkeit, ein vertrauter Geschmack und eine leichte Mahlzeit schlicht guttun können. Für genau solche Tage habe ich im SALON das Rezept für unsere samtene Gemüsesuppe mit gezupftem Poulet hinterlegt. Sie ist warm, mild und unkompliziert – also genau die Art von Essen, bei der der Körper nicht das Gefühl bekommt, neben der Genesung auch noch ein gastronomisches Abenteuer bewältigen zu müssen.
Und ja, wenn es die Kraft erlaubt, darf auch eine einfache Suppe schön serviert werden. Eine Tasse oder ein tiefer Teller, ein Löffel, eine Serviette und ein kleines Tablett genügen. Das gute Porzellan darf selbstverständlich benutzt werden. Es hat vermutlich lange genug auf seine grosse Stunde gewartet und wird mit einer Gemüsesuppe durchaus zurechtkommen. Aber auch hier gilt: Wir servieren das Essen hübsch, weil es dem Kranken guttut, nicht weil die Suppe sonst ihre gesellschaftliche Zulassung verliert. Wer mit Fieber aus einer gewöhnlichen Schale isst, hat seine Würde nicht eingebüsst.
Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen kultivierter Fürsorge und einer blossen Ästhetik des Krankseins. Die eine fragt: Was macht diesen Tag angenehmer, sauberer, ruhiger und leichter? Die andere fragt: Wie müsste Krankheit aussehen, damit sie noch zu unserem Selbstbild passt? Die erste ist hilfreich. Die zweite kann ausgesprochen anstrengend werden.
Ein gepflegter Krankentag muss deshalb nicht perfekt aussehen. Vielleicht stehen zwei Tassen auf dem Nachttisch. Vielleicht bleibt der Morgenrock über einem Stuhl liegen. Vielleicht wird das Bett erst am Nachmittag gemacht – oder überhaupt nicht. Entscheidend ist, dass man nicht in eine Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst fällt. Wasser nachfüllen. Medikamente so einnehmen, wie sie vorgesehen oder ärztlich verordnet sind. Etwas essen, wenn es möglich ist. Lüften, wenn es angenehm ist. Schlafen. Den Abfall irgendwann entsorgen. Einen frischen Pyjama anziehen, sobald es guttut. Kleine Handlungen halten den Tag zusammen, ohne dem Körper Leistungen abzuverlangen, die er gerade nicht erbringen kann.
Und dann gibt es einen Punkt, an dem häusliches Wohlbefinden nicht mehr genügt. Anhaltend hohes Fieber, Atemnot, starke Schmerzen, deutliche Verschlechterung, ungewöhnliche Benommenheit oder andere ernsthafte Beschwerden gehören nicht mit zusätzlichem Tee und einem schöneren Kissen beantwortet, sondern medizinisch abgeklärt. Haltung besteht auch darin, zu erkennen, wann man Hilfe braucht. Es gibt keine Auszeichnung dafür, eine behandlungsbedürftige Erkrankung besonders tapfer zwischen Leinenbettwäsche auszuhalten.
Vielleicht ist das überhaupt die tröstlichste Seite des Krankseins: Für einige Tage darf das Leben kleiner werden. Der Radius schrumpft auf Bett, Sofa, Badezimmer und Küche. Termine verlieren ihre Bedeutung. Aufgaben warten. Die Welt draussen führt ihre Geschäfte erstaunlicherweise ohne unsere ständige Mitwirkung fort. Man muss nicht produktiv sein. Man muss nichts verbessern. Man muss nicht einmal aus der Krankheit eine wertvolle Lektion über das Leben gewinnen. Man darf schlicht krank sein und wieder gesund werden.
Selbstachtung bedeutet in solchen Tagen nicht, die Schwäche zu verstecken. Sie bedeutet, sie würdig zu versorgen.
Vielleicht ist das frische Bettwäsche. Vielleicht eine warme Suppe. Vielleicht jemand, der kurz nachfragt, ob etwas gebraucht wird. Vielleicht ein sauberer Pyjama und ein geöffnetes Fenster. Vielleicht besteht die gesamte Tagesleistung darin, zu duschen und anschliessend wieder ins Bett zu gehen. Dann war das eben die Tagesleistung. Wir werden die Messlatte morgen wieder anheben.
Sich zu schonen bedeutet also tatsächlich nicht, sich aufzugeben. Aber ebenso wenig bedeutet Haltung, den Körper zu disziplinieren, bis er wieder funktioniert. Ein kultivierter Umgang mit Krankheit ist sanfter. Er schafft Ordnung, wo Ordnung entlastet. Er schafft Schönheit, wo Schönheit tröstet. Und er lässt beides fallen, sobald Ruhe wichtiger ist.
Der kranke Mensch muss nicht beweisen, dass er seine Würde behalten hat. Er darf sich so behandeln, als hätte er sie nie verloren.
Sollten Sie die erwähnte samtene Gemüsesuppe mit gezupftem Poulet für einen solchen Tag bereithalten wollen, finden Sie das vollständige Rezept im SALON. Der SALON ist passwortgeschützt und meiner Rundbriefleserschaft vorbehalten; das Passwort erhalten Sie über den Rundbrief, für den Sie sich am Seitenende eintragen können. So findet im besten Fall nicht nur das nächste Schreibstück zu Ihnen, sondern auch eine sehr vernünftige Suppe.
Und Ihnen, die Sie diese Zeilen bis zum Ende begleitet haben, möchte ich heute auf eine etwas andere Weise danken:
Ich hoffe, Sie brauchen diesen Text möglichst selten. Sollte er Ihnen aber eines Tages mit schwerem Kopf, einer Tasse Tee und einer beträchtlichen Menge Taschentücher wieder einfallen, dann möge wenigstens der Gedanke bleiben, dass Sie an solchen Tagen nichts darstellen müssen. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, hier zu lesen – und dass Sie Lavin Classy auch den stilleren, weniger glänzenden Seiten des Alltags anvertrauen.
Bis zum nächsten Schreibstück. Bleiben Sie gesund. Und wenn Sie es einmal nicht sind, seien Sie bitte ein wenig nachsichtiger mit sich selbst. Das Porzellan kann Haltung zeigen, bis Sie wieder auf den Beinen sind.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂