WENN NÄHE WIRKT – ÜBER WEIHNACHTEN, HALTUNG UND FAMILIE

Veröffentlicht am 19. Dezember 2025 um 11:38

Advent, Advent.

Die Weihnachtszeit brennt. Und sie brennt davon.

Die letzten Besorgungen drängen sich in die Tage, Listen werden länger, Geduld kürzer.

Und irgendwann stellt sich eine Frage, die man selten laut ausspricht:

 

Für wen kaufen Sie eigentlich ein?

 

Manchmal genügt ein Blick in die Gemüsekiste.

Dies ist ein Symbolbild 

nicht für die Kollektion bestimmt.

Ein einzelner Pilz beginnt zu schimmeln – und plötzlich bleibt es nicht bei ihm. Der daneben leidet mit. Dann der nächste.

Nicht, weil sie schwach wären. Sondern weil Nähe Wirkung hat.

 

Mit Lebensmitteln sind wir unerbittlich.

Wir sortieren aus. Wir handeln sofort. Wir wissen genau: Das hier verdirbt mir den Rest.

 

Beim eigenen Umfeld jedoch zeigen wir eine erstaunliche Nachsicht.

 

Ich habe gelernt, genauer hinzusehen.

Nicht nur auf das Offensichtliche, sondern auf das Langsame.

Auf kleine Respektlosigkeiten.

Auf Grenzüberschreitungen, die man herunterspielt.

Auf Worte, die angeblich „nicht so gemeint“ waren – und doch nie zurückgenommen werden.

 

Manchmal sind es nicht die großen Fehler, die man nicht verzeiht.

Es sind die kleinen.

Weil sie sich sammeln.

Weil sie tropfenweise ein Gefäß füllen, das irgendwann schlicht voll ist.

 

Ich bin ohne Vater aufgewachsen.

Und ich habe früh verstanden, dass Herkunft nicht automatisch Halt bedeutet.

 

Dieses Jahr verbringe ich Weihnachten ohne meine Mutter.

Nicht zum ersten Mal. Aber endgültig.

 

Solche Entscheidungen trifft man nicht aus Bequemlichkeit.

Man trifft sie, weil sie notwendig sind.

 

Ich habe Weihnachten ohne Familie verbracht. Mehr als einmal.

Einige davon im Kinderheim.

Ich kenne die Stille dieser Tage.

Das Beobachten der anderen.

Das Gefühl, dass ein Datum schwerer wiegt als der Tag selbst.

 

Und ich sage das ruhig, ohne Bitterkeit und ohne Pathos:

 

Es ist erlaubt, mit der eigenen Familie zu brechen.

 

Blut ist nicht immer dicker als Wasser.

Manchmal ist es schwerer.

Und manchmal erdrückt es.

 

Familie ist kein Automatismus.

Familie ist Verantwortung.

Und Verantwortung setzt Sicherheit voraus.

 

Man darf sich seine Familie selbst wählen.

Menschen, bei denen man nicht vorsichtig sein muss.

Bei denen man nicht leiser wird.

Bei denen man sicher ist – emotional, seelisch, körperlich.

 

Und wenn man diese Familie gewählt hat, dann ist man da.

Hundert Prozent.

Still. Verlässlich. Ohne Bedingungen.

 

Nicht aus Pflicht.

Sondern aus Überzeugung.

 

Vielleicht ist mir Ordnung deshalb so wichtig.

Nicht aus Starrheit – sondern aus Selbstschutz.

 

Dank der Familie, die ich mir selbst gewählt habe, empfinde ich wieder Freude an Weihnachten.

Und deshalb achte ich auf Abläufe.

Auf Rituale.

Auf eine Form, die trägt.

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Unser Weihnachtsablauf

leise, bewusst, überschaubar und alle Jahre wieder.

 

24. Dezember – Heiligabend

 

Der Heiligabend ist bei uns kein Spektakel.

Er ist ein Übergang.

 

Wir beginnen mit einem kleinen Apéro:

Nüsse. Orangensaft. Keine Eile. Keine großen Worte.

 

Das Abendessen bleibt leicht.

Etwas Lammfleisch mit Obst, dazu grüne Bohnen.

Brot für meinen Liebsten.

Nährend, nicht überwältigend.

Höchstens eine Creme brûlée.

 

Kerzen. Ruhe. Keine Geschenke.

Dieser Abend gehört der Sammlung.

 

25. Dezember – Weihnachten

 

Der Morgen beginnt mit einem Frühstück, das Zeit verlangt.

 

Rührei mit frischen Kräutern.

Rauchlachs auf Butterzopf mit Hüttenkäse.

Honig und Butter – selbstverständlich getrennt serviert.

Kaffee. Selbstgepresste Fruchtsäfte.

 

Kein Bildschirm. Kein Aufbruch.

Ein Frühstück, das sagt: Heute bleibt man sitzen.

 

Am Nachmittag:

Die Kinder spielen. Weihnachtsfilme laufen. Ein Spaziergang und wenn man Heim kommt: heiße Schokolade mit Schlagrahm.

 

Später ein kleines Apéro:

Nüsse, etwas Salziges, alkoholfreier Prosecco.

 

Am Abend das eigentliche Festessen:

Fondue Bourguignonne mit Trüffel- und Tartarsauce,

der Lieblingssalat meines Liebsten,

dazu ein alkoholfreier Moscato.

 

Vor dem Dessert öffnen wir die Geschenke.

Vor dem Baum.

Klassische Weihnachtslieder im Hintergrund.

 

Zum Dessert: ein selbstgemachtes Tiramisu.

Dann Stille.

 

26. Dezember – Der Ausklang

 

Ein normales Frühstück.

Ein leichtes Mittagessen – kleine Sandwiches.

Nachmittagstee mit Obst.

 

Am Abend ein klassisches Raclette.

Ein kleines Dessert aus Joghurt und Beeren.

Und dann ist Weihnachten vorbei.

 

Nicht abrupt. Sondern abgeschlossen.

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Ich habe mein Umfeld ebenso bewusst gewählt wie diesen Ablauf.

Nicht aus Kälte.

Sondern aus Fürsorge.

Denn wie bei den Pilzen gilt auch im Leben:

Nicht alles, was nah ist, tut gut.

Und nicht alles, was man entfernt, war je ein Verlust.

 

Man darf aussortieren.

Leise. Entschlossen. Ohne Drama.

Das ist keine Härte.

Das ist Haltung.

 

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Mögen die kommenden Tage ruhig sein, von Haltung getragen –

und mögen sich jene Wünsche erfüllen, die man nicht laut ausspricht.

— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂