Man sieht es inzwischen überall. Ein Mensch läuft im Eilschritt zum Zug und isst dabei noch rasch eine Banane. Eine Getränkedose wird mit einer hastigen Bewegung geleert und sofort in den nächsten Abfallbehälter geworfen, als seien selbst wenige zusätzliche Sekunden bereits eine Zumutung. Das Mittagessen wird im Vorbeifahren bestellt, weil man vierzig Minuten in einem Restaurant offenbar für einen unvertretbaren Verlust hält. Und was morgen ansteht, hätte man nach allgemeinem Empfinden am besten schon gestern erledigt.
Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie ruhig Platz.
Die Hast hat sich einen bedauerlich guten Ruf erarbeitet. Sie gilt als Tatkraft, als Effizienz, als Zeichen von Wichtigkeit. In Wahrheit ist sie oft nur Unfähigkeit zur Sammlung. Wer nicht mehr gehen kann, ohne gleichzeitig zu essen, wer nicht warten kann, ohne sich benachteiligt zu fühlen, wer jede kleine Verzögerung als persönlichen Affront deutet, lebt nicht unter Zeitdruck allein. Er lebt vor allem ohne Form. Besonders unerquicklich zeigt sich das auf der Straße. Man biegt ein, mit Umsicht, mit Blick auf die kommende Kurve, vielleicht bei siebenundsechzig in der Achtzigerzone, und schon beginnt hinter einem jene unerquicklich gereizte Choreographie der Gegenwart: hupen, drängen, überholen, beschleunigen – selbstverständlich demonstrativ. Nicht weil es nötig wäre. Sondern weil zwei Sekunden Geduld für viele bereits eine Kränkung darstellen.
Diese Ungeduld ist kein Zeichen von Stärke. Sie ist ein Mangel an Selbstführung. Ein Mensch, der fortwährend eilt, wirkt nicht überlegen, sondern getrieben. Er hat keine Herrschaft über den eigenen Rhythmus. Er wird von ihm beherrscht. Das ist weder eindrucksvoll noch modern. Es ist schlicht unerquicklich. Kultiviertheit zeigt sich auch im Tempo. Man muss nicht alles sofort tun, nicht alles unterwegs erledigen und nicht jede Pause als Schwäche betrachten. Ein geordnetes Leben kennt Augenblicke des Wartens, des Sitzens, des ruhigen Essens und des maßvollen Fahrens. Nicht aus Trägheit, sondern aus Haltung.
Vielleicht liegt die eigentliche Eleganz unserer Zeit gerade darin, sich von ihrer Hast nicht anstecken zu lassen.
Wer den eigenen Takt bewahrt, verliert zwar ein paar Sekunden. Aber gewiss nicht sich selbst.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht lesen wir uns im nächsten Schreibstück wieder.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.