DIE VULGARITÄT DES KAUGUMMIS

Veröffentlicht am 14. Juli 2026 um 09:30

Es gibt Gewohnheiten, die sich hartnäckig als harmlos tarnen. Kaugummi gehört zweifellos dazu.

Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.  Man behandelt ihn gern wie eine kleine, praktische Nebensache: nützlich für frischen Atem, hilfreich für die Konzentration, bequem für unterwegs. Fast möchte man ihm gute Manieren unterstellen. Das wäre nun wirklich zu viel der Großzügigkeit.

Gewiss, Kaugummi kann den Geist für einen Moment bündeln. Das gleichmäßige Kauen beschäftigt den Körper, und ein beschäftigter Körper fällt dem Denken bisweilen weniger lästig ins Wort. In dieser Hinsicht erfüllt er seinen Zweck. Doch ein Zweck allein adelt noch keine Handlung. Auch Hektik hat oft einen Zweck, ohne dadurch kultiviert zu werden.

Hinzu kommt sein unerquicklich prosaisches Wesen. Kaugummi ist keine Speise, keine kleine Mahlzeit, nicht einmal eine anständige Erfrischung. Er ist eine elastische Masse aus Trägerstoffen, Süße, Aromen und dem bemühte Versuch, Beschäftigung als Genuss auszugeben. Er nährt nicht, er sättigt nicht, er veredelt nichts. Er hält lediglich den Mund in Bewegung, und genau darin liegt seine gesellschaftliche Fragwürdigkeit.

Denn Kaugummi ist vulgär, weil er den Mund seiner Würde beraubt. Der Mund ist zum Sprechen da, zum Schweigen, zum Essen bei Tisch. Nicht aber für ein unablässiges, gedankenloses Kauen in aller Öffentlichkeit. Wer kaut, ohne zu essen, erzeugt jene eigentümliche Form der Formlosigkeit, die sofort auffällt, auch wenn niemand sie kommentiert. Das Gesicht arbeitet, ohne dass etwas Gescheites daraus hervorginge. Es ist, offen gesagt, ein etwas ländlicher Anblick. Besonders unerquicklich wird es, wenn dabei gesprochen wird. Oder gelacht. Oder gar eine Blase entsteht. Spätestens dann verlässt die Sache den Bereich des bloß Nachlässigen und betritt den der offenen Geschmacklosigkeit. Man muss nicht alles verbieten. Aber man sollte manches immerhin unterlassen können.

Wer Frische oder Sammlung sucht, verfügt über weit bessere Mittel. Eine Pfefferminzpastille wahrt Form. Ein Glas Wasser bringt Ordnung. Ein kurzer Gang an die Luft klärt den Kopf zuverlässiger als jedes Gezerre im Kiefer. Mitunter genügt es auch, den Rücken aufzurichten und sich für einen Moment zusammenzunehmen. Das ist weniger verspielt, aber deutlich wirksamer.

Kultiviertheit zeigt sich nicht zuletzt darin, welche kleinen Unarten man sich abgewöhnt.

Kaugummi mag nützlich sein. Das allein ist noch lange kein Argument zu seinen Gunsten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht lesen wir uns im nächsten Schreibstück wieder.

— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂 

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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.