DIE ETIKETT DER WARTEZEIT

Veröffentlicht am 25. Juli 2026 um 09:30

Wartezeit gilt als lästig. Sie wird als Unterbrechung empfunden, als Zumutung, als Mangel an Effizienz. Gerade darin liegt ihr Wert. Wer warten muss – auf den Chauffeur, im Vorzimmer eines Arztes oder auf eine verspätete Freundin –, steht vor einer stillen Prüfung der Haltung.

Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.

Das erste Gebot lautet: Greifen Sie nicht wie ein Ertrinkender nach Ihrem Telefon. Nichts entlarvt innere Unruhe zuverlässiger als hektisches Tippen ohne Notwendigkeit. Das Mobiltelefon ist ein Werkzeug, kein Beruhigungsmittel. Wer es in der Wartezeit permanent konsultiert, signalisiert nicht Wichtigkeit, sondern Getriebenheit.

Kultiviertheit zeigt sich in der Fähigkeit, mit den eigenen Gedanken allein zu sein. Sitzen Sie aufrecht. Ordnen Sie Mantel, Tasche, Handschuhe. Der Körper folgt der Haltung, nicht umgekehrt. Blicken Sie nicht suchend umher, sondern nehmen Sie den Raum zur Kenntnis: Möbel, Licht, Geräusche. Beobachtung ersetzt Ablenkung.

Ein kultivierter Mensch wartet nicht im eigentlichen Sinne. Er residiert in der Zeit. Die Minuten gehören ihm, nicht dem Anlass. Ungeduld wirkt kleinlich, demonstrative Gelassenheit hingegen selbstverständlich. Es bedarf keiner Pose, keiner demonstrativen Lektüre, keiner geschäftigen Miene.

Sollte das Telefon notwendig werden – zur Klärung, zur Information –, wird es ruhig genutzt und ebenso ruhig wieder beiseitegelegt. Alles andere ist Unordnung.

Wartezeit ist kein Zwischenraum, den man füllen muss. Sie ist ein Zustand, den man trägt. Wer dies beherrscht, verrät mehr über seinen Stil als durch jede Garderobe.

Bewahren Sie Haltung, auch wenn niemand zusieht. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit.

Bis zum nächsten Schreibstück.

— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂 

Die Titelbilder in voller Grösse finden Sie im Foyer. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ebenso sei daran erinnert, den Rundbrief in der Fusszeile zu abonnieren. Sämtliche Informationen hierzu sind ebenfalls im Foyer hinterlegt.

Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.