Es ist eine merkwürdige Unsitte unserer Zeit, dass man einander sofort beim Vornamen nennt.
Der Kellner. Der Bankberater. Die Stimme am Telefon, die vorgibt, eine Versicherung zu sein, sich aber aufführt, als hätte man gemeinsam Urlaube verbracht.
Bevor Sie weiterlesen, erlauben Sie sich einen Moment. Stellen Sie sich eine Tasse Tee oder Kaffee bereit und nehmen Sie Platz.
Man begegnet sich kaum – und schon wird geduzt.
Auch ich hielt das einst für modern. Für offen. Für unkompliziert. Doch mit zunehmender Lebenserfahrung wurde mir klar, was hier tatsächlich geschieht: Man verwechselt Nähe mit Formlosigkeit – und verkauft Respekt als veraltetes Relikt.
Sie werden bemerken, dass ich in meinen Schreibstücken beim Sie bleibe. Nicht aus Starrheit. Sondern aus Haltung.
Denn Distanz ist keine Ablehnung. Sie ist Ordnung. Das Sie schafft Raum. Es setzt eine klare Linie zwischen mir und Ihnen, ohne Unfreundlichkeit, ohne Kälte, ohne Drama. Es erlaubt Begegnung, ohne Verfügbarkeit. Und es signalisiert etwas sehr Entscheidendes:
Nicht jede Beziehung beginnt auf Augenhöhe – und nicht jede Nähe ist erwünscht.
Wer ungefragt duzt, nimmt sich etwas, das ihm nicht zusteht.
Wer diese Grenzüberschreitung mit Modernität rechtfertigt, verwechselt Fortschritt mit Bequemlichkeit.
Das Sie ist kein Machtinstrument. Es ist ein Filter.
Es trennt das Beliebige vom Bedeutsamen. Es prüft, wer die Geduld besitzt, Form zu wahren, bevor er Vertraulichkeit beansprucht.
Und ja – Nähe darf entstehen. Aber sie entsteht aus Zeit, Verlässlichkeit und Verhalten. Nicht aus sprachlicher Nachlässigkeit.
Wie also reagiert man, wenn man ungefragt geduzt wird?
– Man reagiert gar nicht – zumindest nicht erklärend.
– Man bleibt ruhig.
– Man bleibt höflich.
– Man siezt.
Das ist keine Provokation. Das ist eine stille Korrektur. Wer darauf eingeht, zeigt Anstand.
Wer es ignoriert, zeigt genau das Gegenteil.
Form braucht keine Verteidigung.
Sie setzt sich durch, indem man sie selbstverständlich lebt.
Und wer behauptet, das Sie sei nicht mehr zeitgemäß, sollte sich weniger mit Sprache beschäftigen – und mehr mit Haltung.
Ich bedanke mich für Ihre Zeit.
Bis zum nächsten Schreibstück.
— 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂
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Ein Schreibstück aus der originalen Online-Kolumne 𝓛𝓪𝓿𝓲𝓷 𝓒𝓵𝓪𝓼𝓼𝔂.